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Wut im Schlaatz gegen Vertreter der Kirche

Demonstration für Pfarrerin Ute Pfeiffer Wut im Schlaatz gegen Vertreter der Kirche

Rund zwei Dutzend Demonstranten machten am Samstagvormittag ihrem Unmut über die Absetzung ihrer Pfarrerin Luft – und das nicht zu knapp. Superintendent Joachim Zehner war vor Ort und bekam die geballte Wut, aber auch die Verzweiflung der Menschen hautnah zu spüren.

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Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Das Schicksal der „Kirche im Kiez“-Pfarrerin Ute Pfeiffer, die von Superintendent Joachim Zehner seit 1. November freigestellt worden ist, schlägt immer höhere Wellen. Vorläufiger Höhepunkt: Eine Unterstützer-Demo für Pfeiffer am Sonnabendvormittag vor der Versöhnungskirche am Kirchsteigfeld, bei der es teilweise zu extrem emotionalen Szenen kam.

Tränen, Wut und Empörung

Zuvor hatten die etwa 30 Demonstranten den Kirchenkreis-Vertretern auf ihrer Herbstsynode eine Petition überreicht mit der Forderung, dass Pfeiffer in den Dienst zurückkehren soll. „Ute Pfeiffer war immer für uns da“, sagte eine Transparent-Trägerin vor der Kirche unter Tränen. Insbesondere während der Zeit, als die ehrenamtlichen Helfer verzweifelt nach dem verschwundenen Elias (6) suchten, aber auch bei vielen anderen Anlässen.

„Ich bin eigentlich aus der Kirche ausgetreten, aber die Pfarrerin hat es geschafft, mich der Kirche wieder näher zu bringen“, erzählte die junge Frau mit den verweinten Augen weiter, direkt an Zehner gewandt, der gemeinsam mit Sternkirchen-Pfarrer Andreas Markert zum Gespräch mit den Demonstranten aus der Kirche gekommen war. „Ich glaube nicht, dass das jemand anders noch mal schafft, uns das so näherzubringen“, appellierte sie schließlich an den Superintendenten: „Sie sollten die Personalentscheidung überdenken.“

Auch Gaby Franz, Sprecherin des Freiwilligen-Suchtrupps, konnte nicht mehr an sich halten: „Hier geht es um Menschlichkeit und Nächstenliebe“, rief sie in der Diskussion mit Zehner: „Merken Sie das nicht?“ Auch die Transparente sprachen eine verzweifelte Sprache: „Ute Pfeiffer gehört zum Schlaatz!“, „Wir brauchen unsere Kiezpfarrerin“, „Ute – unser Anker für den Schlaatz“. Oder, ganz schlicht: „Helft uns!“

Blanke Wut und Empörung über das Agieren der Kirchenleitung kam auch von den so genannten „Teamern“ – jenen Ehrenamtlichen von „Kirche im Kiez“, die Ute Pfeiffer in ihrer Arbeit unterstützt hatten. Von Zehner fühlen sie sich schlichtweg unzureichend in ihren Nöten wahrgenommen. Und die Bitten, Pfeiffer im Amt zu belassen, seien folgenlos verhallt: „Sie haben das zwar gehört, aber Sie haben uns nicht zugehört“, warfen die Ehrenamtler bei der Demo dem obersten Potsdamer Kirchenmann mangelnde Anteilnahme vor.

Superintendent wehrt sich

Zehner – äußerlich fast unbewegt und sehr selbstbeherrscht – wollte die vielen, auf ihn einprasselnden Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. Als Vorgesetzter könne er keine Personalangelegenheiten, die eine Mitarbeiterin betreffen, in die Öffentlichkeit tragen. „Deshalb bin ich in dieser Zeit nicht zu Ihnen gekommen“, erklärte er den Teamern. Hinter den Kulissen habe sich der „Gesprächsprozess“ mit der „Kirche im Kiez“-Pfarrerin aber über ein Jahr hingezogen. Das Fazit, aus Zehners Sicht: „Wir haben kein gemeinsames Verständnis von den Aufgaben, die mit ,Kirche im Kiez’ verbunden sind.“ Eine recht vage Formulierung, die offiziellerseits in den letzten Tagen im Zusammenhang mit Pfeiffers bezahlter Freistellung, die noch bis Ende Juli 2016 dauern soll, immer wieder zitiert worden ist.

Superintendent Joachim Zehner

Superintendent Joachim Zehner

Quelle: Julian Stähle

Die Vorwürfe

Immerhin lüftete Zehner am Sonnabendvormittag vor den Demonstranten doch ein wenig den Schleier rund um das Geheimnis,was der beliebten Kirchenfrau denn nun tatsächlich angekreidet wird. Einer der Knackpunkte ist laut Zehner „die Verknüpfung der Arbeit mit der Sterngemeinde“. Diese war irgendwann nicht mehr gegeben, so Sternkirchen-Pfarrer Markert auf MAZ-Nachfrage: „Sie hat an Gemeindekirchenratssitzungen und Dienstbesprechungen nur punktuell teilgenommen, aber gerade da werden grundlegende Absprachen getroffen.“

Der Schlaatz gehört von der Gemeindestruktur her zur Sternkirchengemeinde von Pfarrer Markert. Pfeiffer wiederum ist als „Pfarrerin für besondere Aufgaben“ mit Schwerpunkt „Kirche im Kiez“ im Potsdamer Kirchenkreis angestellt.

Negativ stieß Pfeiffers Dienstchefs wohl auch die Tatsache auf, dass die Pfarrerin es ablehnte, eine Haupt- oder zumindest eine Nebenwohnung im Potsdamer Süden zu nehmen. Nach einem zweimonatigen Wohn-Intermezzo in Potsdam zog es sie wieder nach Berlin.

Punkt drei auf der Mängelliste: „Uns vom Kirchenkreis war es ganz wichtig, dass Ute Pfeiffer ,face to face’ (von Angesicht zu Angesicht, d. Red.) mit Flüchtlingen arbeitet – und das wollte sie nicht“, erklärte Zehner den Demonstranten, die diesen schwerwiegenden Vorwurf aber nicht auf ihrer Pfarrerin sitzen lassen wollten. „Drei Stunden im Flüchtlingsheim rumsitzen, das ist nicht ihre Art.“ Stattdessen habe die Pfarrerin ein Café mit begründet, in dem immer wieder auch Flüchtlinge zu Gast waren. „Da können Sie doch nicht sagen, Frau Pfarrerin macht keine Integrationsarbeit“, empörte sich eine Frau. „Genau, es gibt kein Protokoll darüber, wie Integrationsarbeit auszusehen hat“, sekundierte ein anderer. Das Dilemma fasste „Teamer“-Sprecher Till Schwalbe nach der Demo so zusammen: „Manche unkonventionellen Ansätze, die am Schlaatz gut ankommen, sind mit den konventionellen Herangehensweisen im Kirchenkreis nicht gut zu vereinbaren.“

Zehners Versicherung, dass die Freistellung „einvernehmlich“ mit Ute Pfeiffer erfolgt sei, erntete am Sonnabend nur spöttischen Unglauben bei den Demonstranten: „Sie musste diese Regelung doch unterschreiben, sonst wäre sie gekündigt worden – eine Freiwilligkeit lag da nicht vor.“

Kaum Hoffnung auf Rückkehr

Hoffnung auf eine mögliche Rückkehr der Pfarrerin wollte Superintendent Zehner am Sonnabend keine machen. Stattdessen appellierte er an die Demonstranten: „Bitte machen Sie es einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin von Ute Pfeiffer nicht schwer.“ Und: „Bitte denken Sie auch an die anderen Menschen am Schlaatz.“ Seinen Blick richtet der Kirchenobere mittlerweile schon klar auf die Zukunft. Möglicherweise sei es künftig besser, eine Diakonenstelle aus der jetzigen Pfarrstelle zu machen, sinnierte er vor den Demonstranten. Die fühlten sich augenscheinlich düpiert. „Sie können uns hier nicht den Schwarzen Peter zuschieben“, empörte sich Kathrin Feldmann vom „Stadtkontor“ in Richtung Zehner. Schließlich gehe es darum, „dass die Leute möchten, dass Ute Pfeiffer wieder an den Schlaatz kommt“.

Die flehentliche Bitte der Demonstranten – „Überdenken Sie die Entscheidung – wir bitten Sie darum!“ – quittierte Zehner schlicht mit der Feststellung: „So ist es – so stehen wir zueinander.“ Und als Schlusswort: „Wir kommen an der Stelle nicht weiter.“

Immerhin, so wurde es als Ergebnis vereinbart, soll es am 19. November ein Gespräch mit den „Teamern“ geben sowie am 25. November ein Gespräch mit den sozialen Trägern am Schlaatz. Für Kathrin Feldmann, die bei der Demo auch für die anderen sozialen Träger sprach, war klar: „Ute Pfeiffer muss dann mit am Tisch sitzen.“

Dass das Leben auch ohne Ute Pfeiffer am Schlaatz weitergehen soll und dass es nicht nur ausschließlich glühende Anhänger der resoluten Pfarrerin im Kiez gibt, machte Sternkirchenpfarrer Markert klar: Der nächste „Kiezgottesdienst“ im Bürgerhaus am Schlaatz sei bereits geplant und zwar am 20. November.

So glatt, wie gewünscht, wird die Freistellungsaffäre rund um Ute Pfeiffer aber wohl doch nicht wieder runterkochen. Mit unangenehmen Nebenwirkungen ist schon jetzt zu rechnen. So sollen bereits „sechs bis zehn Menschen einen Umgemeindungsantrag gestellt haben“, sagte eine empörte „Teamerin“ dem Superintendenten auf der Demo direkt ins Gesicht.

Von Ildiko Röd

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