Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 2 ° Schneeregen

Navigation:
Zehn Euro kalt sind die Regel

Demonstration in Potsdam für günstige Mieten Zehn Euro kalt sind die Regel

Die Verzweiflung wächst: Mehr als 1000 Potsdamer haben am Sonnabendnachmittag unter dem Motto "Wohnräume statt Schlossträume" gegen die explodierenden Mieten und gegen Luxussanierung in der Landesmetropole demonstriert.

Voriger Artikel
100 Meilen auf dem Todesstreifen
Nächster Artikel
19 Autos zerkratzt

So gemütlich ging es bei der Demo zu: Der Lautsprecherwagen beherbergte ein rollendes Wohnzimmer, in dem Redebeiträge gehalten wurden.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. "Wir wollen nicht nur Dekorationsstücke im Potsdamer Barockensemble sein", sagte Hannes Püschel vom Arbeitskreis "Recht auf Stadt". Deshalb hatte das Bündnis "Bezahlbare Wohnungen für alle" den Protesttermin auf den Tag der 15. Potsdamer Schlössernacht gelegt. Mit Sprechchören wie "Hopp, hopp, hopp ‒ Mietenstopp" zogen die Demonstranten vom Platz der Einheit durch die Innenstadt zum Alten Markt. Auf einem Transparent die wichtigste Forderung: "Gegen Verdrängung, Umstrukturierung und Luxussanierung". Erst vor gut zwei Monaten hatte die letzte Mieten-Demo stattgefunden -  "seither hat sich nichts geändert, im Gegenteil", so Püschel. Die Mieten in Potsdam explodieren, zehn Euro pro Quadratmeter Kaltmiete seien keine Seltenheit mehr, sondern inzwischen die Regel. Potsdam gehört mit Jena zu den teuersten Städten Ostdeutschlands (MAZ berichtete).

"Ich bin als Kind im Zweiten Weltkrieg in der Türkstraße ausgebombt worden und kann mir keine Wohnung in der Innenstadt mehr leisten", sagte eine Potsdamerin, Anfang Siebzig: "Vielen älteren Leuten geht es wie mir, es können nur nicht mehr alle auf die Straße gehen, um zu protestieren."

Ein Motto der Demo: „Die Stadt sind wir alle.“

Quelle: Bernd Gartenschläger

Im Zentrum der Kritik stand außer steigenden Mieten die Ankündigung der Bundesregierung, den Wiederaufbau der Garnisonkirche mit zwölf Millionen Euro zu fördern. "Kultureinrichtungen müssen wegen mangelnder Finanzierung dicht machen, aber für den weltweit als Nazi-Kirche bekannten Bau soll es Steuergelder geben", sagte Püschel. Bekanntermaßen ist der Wiederaufbau der Garnisonkirche wegen des demonstrativen Handschlags zwischen Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg am 21. März 1933 ("Tag von Potsdam") umstritten. Auch der Linke-Bundestagskandidat Norbert Müller kritisierte die Pläne des Bundes. "Von diesen zwölf Millionen Euro für die Garnisonkirche könnte man, zumal auf diesem Filetgrundstück in der Innenstadt, wunderbar Sozialwohnungen bauen. Das würde die Wohnungslage entspannen." Potsdam dürfe nicht zu einem "Reichenghetto" werden, warnte Müller.

Kleine Aufregung zum Ende des Protestzuges an der Landtagsbaustelle am Alten Markt, als Stadtschloss-Kritiker an Bauzäunen Transparente anbrachten. Daraufhin wurden nach Angaben der Polizei "einigen" Demonstranten Platzverweise ausgesprochen.

VON HAMBURG LERNEN?

Olaf Scholz (SPD), Erster Bürgermeister Hamburgs, erläuterte am Freitag auf Einladung der SPD-Bundestagsabgeordneten Andrea Wicklein das Hamburger Modell gegen Miet-Irrsinn.

Der Hamburger Wohnungsmarkt ist ähnlich problematisch wie der Potsdamer: In den letzten Jahren stiegen die Mietpreise überdurchschnittlich, es gibt wenig Leerstand, private Investoren kaufen häufig freie Wohnungen und verlangen Wuchermieten. Die Hansestadt gilt als eines der teuersten Pflaster bundesweit.

Mindestens 30 Prozent der Neubauten werden in Hamburg mit Sozial- und Belegungsbindung versehen, das heißt, sie werden zu sozial verträglichen Mieten entsprechend des Mietspiegels vermietet.

Ein Wohnungsneubau -Programm von 6000 neuen Einheiten pro Jahr ist beschlossen und soll nun umgesetzt werden.

In Potsdam befinden sich derzeit 970 Wohnungen im Eigentum der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA).

Die SPD fordert die Übergabe der BImA-Wohnungen an die städtische Pro Potsdam GmbH, um eine Mietpreissteigerung auf dem freien Markt zu verhindern.

Die Pro Potsdam hat im Jahr 2012 eine Mietenbremse eingeführt. Demnach darf die Miete bei Neuvermietungen höchstens um zehn Prozent steigen.

Von Ricarda Nowak

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Mietpreisvergleich ostdeutscher Großstädte

Ein aktueller Vergleich der Durchschnittsmieten in ostdeutschen Großstädten zeigt, dass die Preise vor allem in regionalen Zentren und Universitätsstädten steigen. Besonders hohe Mieten müssen demnach in Potsdam und Jena gezahlt werden.

mehr
Mehr aus Potsdam
dfdbc0d4-af48-11e7-b225-97bf4e5da6db
Potsdam – damals und heute

Zeitreise durch Potsdam: Anhand von historischen und aktuellen Aufnahmen zeigt die MAZ, wie sich die Stadt Potsdam verändert hat – und was wieder aufgebaut wurde. Besuchen Sie mit Klick durch die Galerie Potsdams markante Ecken – damals und heute.

Die Karikaturen von Jörg Hafemeister aus 2018

Jörg Hafemeister karikiert seit Jahren die Potsdamer Lokalpolitik. Nun hat er immer mittwochs seinen festen Platz im Potsdamer Stadtkurier. Wir zeigen an dieser Stelle alle Karikaturen aus dem Jahr 2018.

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg