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Zehn Jahre nach der Attacke auf Ermyas M.

Tat bis heute nicht aufgeklärt Zehn Jahre nach der Attacke auf Ermyas M.

Ostern vor zehn Jahren wurde der dunkelhäutige Deutsch-Äthiopier Ermyas M. am Bahnhof Charlottenhof ins Koma geprügelt. Die beiden Angeklagten wurden damals freigesprochen. Von den Tätern fehlt bis heute jede Spur.

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Anwohner legten am Tatort Blumen ab.

Brandenburger Vorstadt. Wie eine No-go-Area wirkt die Brandenburger Vorstadt nicht. Damals nicht und heute, wo Flüchtlinge hier eine neue Heimat suchen, erst recht nicht. Trotzdem schaffte es der Kiez vor zehn Jahren bundesweit in die Negativschlagzeilen. Mit einer bis heute unaufgeklärten Tat, die anders verlief als der deutschlandweite Proteststurm seinerzeit suggerierte.

Es ist die Nacht zum Ostersonntag 2006, gegen 4 Uhr. Der dunkelhäutige Deutsch-Äthiopier Ermyas M. (37), Vater zweier Kinder, mit einer Potsdamerin verheiratet, ist auf dem Heimweg von einer Feier. Auf Höhe des Bahnhofs Charlottenhof wird er attackiert, mit einem Faustschlag zu Boden gestreckt und lebensgefährlich verletzt. Von rechten Schlägern ins Koma geprügelt – mitten in Potsdam, im Nazi-Osten. Die Nachricht verbreitet sich in Windeseile in der Republik, die der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land entgegenfiebert. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ – das freundliche WM-Motto gefährdet von Ausländerfeinden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilt „das abscheuliche Verbrechen“. Der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye, der in Babelsberg lebt, erklärt Potsdam indirekt zur No-go-Area. In einem Interview behauptet er, es gebe Städte in Brandenburg, in die ein Dunkelhäutiger besser nicht gehe solle, weil er möglicherweise nicht mehr lebend herauskomme. Der einzige Mahner ist Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU): Ein rechtsextremer Hintergrund sei doch noch gar nicht erwiesen. Er wird scharf kritisiert, auch in Potsdam, wo Anwohner Blumen am Tatort ablegen und sich auf dem Luisenplatz zu einer riesigen Kundgebung gegen Rechts versammeln.

Hauptangeklagter „Pieps“

Matthias Schöneburg erinnert sich nur zu gut an die Zeit vor zehn Jahren. „Das Ganze wurde zur ausländerfeindlichen Tat hochgejubelt. Es stand alles fest, bevor es bewiesen war“, sagt der Anwalt, der den wegen seiner Fistelstimme „Pieps“ genannten Hauptangeklagten Björn L. vertrat.

Der 29 Jahre alte Wilhelmshorster wird kurz nach der Tat vom 16. April festgenommen. Er beteuert, gar nicht am Tatort gewesen zu sein. Generalbundesanwalt Kay Nehm schaltet sich ein. „Pieps“ und der zweite Verdächtige Thomas M. aus Potsdam werden per Hubschrauber nach Karlsruhe geflogen. Der Chefankläger sieht eine „Beeinträchtigung der inneren Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland“.

„Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass mein Mandat mit der Sache nichts zu tun hat“, sagt sein Anwalt. Schöneburg war mit seiner Einschätzung nicht allein. Die Soko „Charlottenhof“ hatte eigens einen Vernehmer der Mordkommission bestellt, der schon dem Hintze-Entführer Sergej Serow Details entlockte. Bei Björn L. war er sich sicher: Der war es nicht. Trotzdem wird „Pieps“ angeklagt. Ermyas M., der wochenlang im Bergmann-Klinikum lag, tritt bei Günther Jauch auf, spricht im Fernsehen davon „dass die Sache eindeutig einen rassistischen Hintergrund hatte“ – vor dem Prozess.

Im Prozess kommt ein Handymitschnitt auf den Tisch. Augenzeugen sagen aus. Daraus ergibt sich ein etwas anderes Bild: Ermyas M. ist in der Tatnacht angetrunken. Er spricht die Angreifer offenbar zuerst an, tritt einem der Beiden in den Hintern, betitelt ihn als „Schweinesau“. Der dreht sich um, streckt den Äthiopier nieder. „Scheiß Nigger“ ist zu hören. Es soll die Stimme von Pieps sein. Doch ein Gutachten ergibt, dass der Bodybuilder wegen einer Kehlkopfentzündung nicht der Mann auf dem Mitschnitt sein kann: Freispruch.

Bei den Kollegen war Ermyas M. geschätzt

Im Verfahren sei Ermyas M., der später wegen Prozesskostenhilfebetrugs verurteilt wurde, nicht sympathisch rübergekommen, meint Schöneburg. An seiner früheren Arbeitsstätte, dem Leibniz-Institut für Agrartechnik in Bornim, hat Ermyas M. einen anderen Eindruck hinterlassen. „Er war ein sehr, sehr netter Kollege“, sagt Sprecherin Helene Foltan. Sein Vertrag sei 2003 ausgelaufen, aber 2006 wurde der Ingenieur noch als Doktorand betreut, war häufig am Institut. „Das war damals ein Schock“, erinnert sich Foltan. Die Mitarbeiter hätten die Nachricht von der Attacke zunächst gar nicht „mit einem von uns“ in Zusammenhang gebracht. Was Ermyas M. heute macht, wisse sie nicht. Am 10. Dezember 2010 verteidigt er an der Universität Rostock seine Promotion. Thema: „Optimierung des Waschprozesses für Gemüse und Speisekartoffeln.“

Der Potsdamer Anwalt Thomas Zippel, der Ermyas M. vertrat und ungewöhnlicherweise Freispruch für die Angeklagten forderte, will sich nicht mehr äußern. Ermyas M. antwortet am Freitag auf eine Mail der MAZ. Wo er heute lebt, wie es ihm geht, will er aber nicht preisgeben. Er habe schlechte Erfahrungen mit den Medien gemacht, schreibt er und „zur Wahrnehmung meiner Privatsphäre möchte ich die gestellten Fragen nicht beantworten“. Es bleiben viele Fragen in dem Fall. Nicht nur in der Brandenburger Vorstadt.

Ungewöhnlicher Prozess

Anfang Februar 2007 beginnt vor der 4. Großen Strafkammer des Landgerichts Potsdam der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter Björn L. alias „Pieps“ (29) und Thomas M. (31).

Wegen gefährlicher Körperverletzung wird L., wegen unterlassener Hilfeleistung M. angeklagt. Beide bestreiten die Tat.

Sogar die Staatsanwaltschaft und der Anwalt von Ermyas M. fordern am Ende, die beiden Männer freizusprechen. Es gab Indizien für die Täterschaft, aber im Zweigel für den Angeklagten, urteilt der Vorsitzende Richter Michael Thies am 15. Juni 2007.

Von Marion Kaufmann

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