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Zeithistorikerin forschte zu Bestattungsriten

Beisetzung im 19. Jahrhundert Zeithistorikerin forschte zu Bestattungsriten

Die Potsdamer Zeithistorikerin Franziska Rehlinghaus belegt in einer preisgekrönten Arbeit, dass protestantische Pfarrer über Bestattungsriten im Deutschland des 19. Jahrhunderts neuen Einfluss erlangten. Einst wurde der Leichnam vielerorts einfach still ohne sie und die Angehörigen bestattet. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts interessierte sich der Pfarrer wieder für die Verblichenen.

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Trauerfeier in der protestantischen Hauptkirche St. Michaelis in Hamburg für den Schriftsteller Sigfrid Lenz.

Quelle: dpa

Potsdam. Quirlig ist Franziska Rehlinghaus (35). Im Gespräch purzeln die Gedanken und Assoziationen nur so aus ihr heraus. Entsprechend vielfältig sind auch die Forschungsgegenstände, die die junge Historikerin bisher schon bearbeitet hat. Erst kürzlich hat sich Rehlinghaus mit ihrer am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam entstandenen Arbeit über das Revival protestantischer Begräbnisrituale im Deutschland des 19. Jahrhunderts besonders empfohlen. Geschrieben als Beitrag für einen Sammelband über Tod und Sterben, hat ihr diese Arbeit in der ersten Dezemberwoche 2015 prompt den Postdoc-Preis des Landes in der Kategorie Geisteswissenschaften eingebracht. Den Preis in den Naturwissenschaften hatte der Biologe Luis Valente erhalten.

Tatsächlich hat die Historikerin etwas über protestantisches Leben herausgefunden, das unserer Intuition ziemlich zuwiderläuft. Normalerweise geht man ja davon aus, dass der Einfluss der Kirchen seit dem 19. Jahrhundert durchweg zurückging. Falsch, beweist Rehlinghaus in ihrer sorgfältig dokumentierten Arbeit über das Ritual der protestantischen Bestattung. Mögen die Kirchen selbst zwar leer sein, zumindest bei Bestattungen erzielen protestantische Pfarrer durchaus Zulauf und damit Öffentlichkeit. Was viele dabei nicht wissen: Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts hatte der evangelische Pfarrer bei Bestattungen am Grab – anders als der Priester auf katholischen Friedhöfen – überhaupt nichts mehr verloren.

Nach dem Tod war allein Gott für den Verstorbenen zuständig

„Der Leichnam wurde vielerorts einfach von Leichenträgern abgeholt und still auf dem Friedhof bestattet – ohne Ritual und ohne Beteiligung von Angehörigen oder eines Pfarrers“, sagt Rehlinghaus. Das habe neben vielen anderen auch religiöse Gründe gehabt. Nach streng protestantischer Auffassung ist nach dem Tod allein Gott für das Schicksal des Verstorbenen zuständig. Die Lebenden können sein Seelenheil nicht wenden. Trotzdem beginnen sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch die evangelischen Pfarrer wieder für die Verstorbenen zu interessieren.

Sie verfolgen eine vielschichtige Reformpolitik, und entwickeln dabei – übrigens gegen großen Widerstand der orthodoxen Theologen – neuartige Rituale wie Leichensegnungen und Fürbitten für die Toten, die das Begräbnis wieder attraktiver machen. So werden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vielen Landeskirchen nahezu hundert Prozent aller verstorbenen Protestanten wieder durch einen Pfarrer zur letzten Ruhe geleitet. Um das zu belegen, hat Rehlinghaus nicht nur Kirchenstatistiken durchforstet, sondern auch Akten aus Kirchenbehörden, Zeitungen, zeitgenössische Abhandlungen, Briefe, kirchliche Vorschriften und Bestattungsdarstellungen in der Belletristik studiert. Ihr Fazit: Die protestantische Kirche habe vor gut 200 Jahren im Bestattungsritual ein neues Betätigungsfeld entdeckt und durch zahlreiche Reformbemühungen erobert.

Das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) ist ein interdisziplinär ausgerichtetes Institut zur Erforschung der deutschen und europäischen Zeitgeschichte mit Sitz in Potsdam. Es ist seit 2009 Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft (WGL). Das ZZF Potsdam wird von den beiden Geschichtsprofessoren Frank Bösch und Martin Sabrow geleitet.


Der evangelische Bestattungsgottesdienst ist heute ein öffentlicher Gemeindegottesdienst. Im Zentrum steht die Botschaft des Evangeliums für die Lebenden. Gleichzeitig wird die Bestattung als seelsorgerischer Dienst an den Hinterbliebenen gesehen. Hinzu kommt aber der bewusste Abschied vom Verstorbenen. Die Trauerfeier hält normalerweise ein Pfarrer ab.

„Damit wird in gewisser Weise unsere Säkularisierungsthese in Frage gestellt“, so die Historikerin. Anders als vermutet, passe sich die Kirche den Zeitumständen erfolgreich an und dringe in Bereiche vor, in denen sie vorher keine Rolle spielte. Säkular sei das Zeitalter nur insofern, als die Kirche nicht mehr wie einst die Deutungshoheit über das gesamte menschliche Leben und die Gesellschaft habe. „Seit dem 19. Jahrhundert ist sie mehr zu einer Art Dienstleister geworden“, sagt Rehlinghaus. Dienstleistung im Zusammenhang mit dem Tod biete sich da sehr gut an, denn der Tod sei ja bis heute eines der Rätsel, die mit dem menschlichen Verstand nicht gelöst werden können.

Interesse für die Geschichte des Todes

Rehlinghaus habe eine hervorragende Arbeit zu einer spannenden historischen Fragestellung vorgelegt, meinte die zehnköpfigen Jury des Postdoc-Preises nach der Lektüre. Für Rehlinghaus selbst ist die preisgekrönte Studie ein Beispiel dafür, wie subtil die Vergangenheit in die Gegenwart wirke. Vieles, was wir für selbstverständlich hielten, sei überhaupt nicht selbstverständlich. Es habe sich vielmehr zufällig entwickelt.

Das sei das Faszinierende an der Geschichte, sagt Rehlinghaus: „Man kann sich praktisch mit allem beschäftigen: Mit Sprache, Politik, Religionsgeschichte. Immer stoße man auf Überraschungen. Bereits als Studentin an der Ruhr-Universität Bochum hat sie sich für die Geschichte des Todes interessiert, später widmete sie sich in ihrer Promotion der Entwicklung des Schicksalsbegriffs. Ihre aktuelle Stelle in der Abteilung IV „Regime des Sozialen“ des ZZF wiederum verdankt sie dem Start eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts. Rehlinghaus will sich mit den Wurzeln unserer Ich-Optimierung befassen. Die lassen sich schon in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts lokalisieren. Wie daraus unsere auf Höchstleistung abgestellte modernen Gesellschaft entstand, darauf ist Rehlinghaus selbst gespannt: „Die Optimierung trägt ja bei uns auch schon quasi-religiöse Züge.“

Von Rüdiger Braun

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