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Potsdam Zeitreise zur alten Alten Fahrt
Lokales Potsdam Zeitreise zur alten Alten Fahrt
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11:53 31.08.2013
Blick auf die Alte Fahrt nach Kriegsende Quelle: POTSDAM-MUSEUM FÜR GESCHICHTE
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Potsdam

Es gibt Sehenswürdigkeiten, die gibt’s eigentlich gar nicht. Jedenfalls ist die Sehenswürdigkeit „Alte Fahrt“ derzeit noch in keinem Reiseführer verzeichnet. Und trotzdem ist sie ein Magnet. Immer wieder bleiben Passanten am Bauzaun am Alten Markt stehen. Manche nur wenige Minuten, andere sogar eine Viertelstunde. Ein paar sind wohl auch „Stammgäste“, die seit Monaten verfolgen, wie die Alte Fahrt jeden Tag ihr Gesicht verändert.

Sie schauen auf die große Fläche, die zum Wasser hinunterführt, und auf die schräg vis-à-vis vom Stadtschloss aufragenden imposanten Sandpyramiden. Bagger kriechen darauf wie Riesen-Raupen herum. Die Zaungäste verfolgen, wie barocke Backsteinmauern nach Jahrhunderten wieder das Licht der Potsdamer Oberwelt erblicken. Oder wie schwarzgraue Hölzer – mittelalterliches Treibgut – vorsichtig von Archäologenhand freigelegt werden.

Bald sollen an der Alten Fahrt die ersten Baukräne stehen. Aber vorher sollte man noch die Gelegenheit nutzen und einen Blick in die Vergangenheit tun. Auf der Höhe vom Theaterschiff sind zum Beispiel Mauern zu erkennen: Kellermauern – die letzten Reste des einst so stolzen Palastes Barberini, erbaut unter der Regentschaft Friedrichs II. und architektonisch „geklaut“ von einem römischen Palazzo. Im Barberini traf sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Potsdamer Bürgerschaft zum Feiern und Tanzen und zur Fortbildung. Im Vorderhaus hatte unter anderem der „Kunst- und Wissenschaftliche Verein“ seinen Sitz. Weil der König den Hauseigentümern finanziell unter die Arme griff, mussten sie versprechen, dem Verein die Räume „auf ewige Zeiten“ unentgeltlich zur Nutzung zu überlassen. In den beiden havelseitigen Seitenflügeln befanden sich Wohnungen. 1912 kaufte die Stadtverwaltung dann das Barberini, um Büros hier unterzubringen. Vermerkenswert in der Chronik wäre zudem noch die jugendfreundliche Nutzung: Vor dem Krieg quartierte man eine Jugendherberge in den Seitenflügeln ein. Dann kam das Jahr 1945, als unter den Bomben alles in Schutt versank: das Barberini, die benachbarten Palazzi Chiericati und Pompeji, das elegante Palast-Hotel an der Langen Brücke und all die anderen Häuser, die oft mit Caféterrassen nebst Wasserblick gelockt hatten. Alte Bilder zeichnen das Stimmungsbild eines Klein-Venedig an der Alten Fahrt.

Tempi passati – vergangene Zeiten. Nicola Hensels Beruf ist es, diese Zeiten wieder ans Licht zu holen. Momentan graben die Archäologin und ihr Kollege Volker Neukampf in der Mitte des Barberini-Areals. Hensel ist eine schlanke Frau, in der Hand eine Schippe, an den Füßen festes Schuhwerk. Vor 800 Jahren hätte sie an derselben Stelle Schwimmflossen gebraucht. „Die Uferlinie lag etwa 40 Meter näher am Alten Markt“, erklärt sie und zeigt auf die uralten Eichenholzpfähle, die jetzt wieder aus dem Boden ragen: Reste einer Befestigung mit Steganlage. Schon im späten Mittelalter begannen die Potsdamer aber mit der Aufschüttung der Wasserfläche, um Land zu gewinnen.

Blick auf die Alte Fahrt vor demZweitenWeltkrieg Quelle: POTSDAM-MUSEUM FÜR GESCHICHTE

Gleich neben dem Barberini standen auf der Höhe des Alten Rathauses die Häuser der Brauerstraße. Hier sind die alten barocken Tonnengewölbe der Vorderhauskeller noch gut zu erkennen. Im Hofbereich fand man Gräber von slawischen Siedlern, die wohl schon Christen waren. Woran man das erkennt? „Die Köpfe der Toten blickten in Richtung Osten, der aufgehenden Sonne entgegen.“.

Wenn man sich als Spaziergänger zur Wasserseite ans Theaterschiff begibt, kann man in den freigelegten Häuserresten sogar noch schwarz-weiße Wandfliesen und Reste eines Bodenbelags erkennen. Hier, so mutmaßt Hensel, befand sich in der Vorkriegszeit wohl die Küche einer Gaststätte. Die Alte Fahrt ist eine Fundgrube quer durch die Zeiten. Sogar Gräber aus der Ötzi-Epoche, aus der Jungsteinzeit, hat man gefunden: Die Toten wurden auf Scheiterhaufen verbrannt; ihre Knochen in Gefäßen bestattet.

Die modernsten Funde machte man im Palast-Hotel an der Langen Brücke: Tassen, Kännchen zu Dutzenden – die Überreste des hoteleigenen Kaffeeservice! Besonders hübsch fand Nicola Hensel einen Fund aus den Barberini-Grabungen: ein Parfümfläschen aus Glas; auf der einen Seite der Schriftzug „Potsdam“, auf der anderen die Initialen von Fridericus Rex. Möglicherweise ein Geschenk der Bürger an ihren König. Warum aber „verschlug“ es den royalen Toilettenartikel ausgerechnet ins Bürgerpalais am Alten Markt? Vielleicht das Indiz einer geheimnisvollen Liaison des Königs? Leider nein. Die Erklärung sieht viel schlichter aus, vermutet die Archäologin: Während des Kriegs musste das Museum seine Bestände teilweise ins Barberini auslagern – den Flakon inklusive.

Von Ildiko Röd

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