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Zeitzeuge spricht beim SV Babelsberg

Michael Maor überlebte ein KZ und arbeitete für den Geheimdienst Zeitzeuge spricht beim SV Babelsberg

Michael Maor, 81, hat ein Konzentrationslager überlebt und arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg als Spion beim Israelischen Geheimdienst. Am Dienstagabend war er als Zeitzeuge zu Gast beim SV Babelsberg in Potsdam. Der Verein will mit solchen Veranstaltungen ein Zeichen gegen Rassismus setzen.

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Der israelische Zeitzeuge Michael Maor bei Babelsberg 03. 

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Im Zug nach Frankfurt/Main hatte ihm noch ein Nazi gegenübergesessen, mit Monokel im Auge. „Feinde und Antisemiten erkenne ich hundert Meter gegen den Wind“, sagt Michael Maor, als er am Dienstagabend zu Gast beim SV Babelsberg 03 ist. Seine 81 Lebensjahre passen wohl kaum in die eine Stunde Redezeit, also fängt er gleich mit seiner größten Geschichte an. Mit der Fahrt ein paar Jahre nach Kriegsende nach Frankfurt. Am Hauptbahnhof nimmt Maor ein Taxi und lässt sich 100 Meter vor dem Ziel absetzen. Lieber den restlichen Weg zu Fuß gehen, nicht dass er noch gesehen wird. Den Schlüssel zum Büro von Staatsanwalt Fritz Bauer in der einen Hand, den „James Bond“ in der anderen – seinen Koffer mit der Kamera. In dem Zimmer findet er alles so vor wie angekündigt: Die Vorhänge sind zugezogen, der Zigarettenqualm steht in der Luft. Auf dem Schreibtisch liegt eine Akte. Die muss es sein.

Hakenkreuze und die Unterschrift von Adolf Eichmann
Erst zu diesem Zeitpunkt versteht Michael Maor, was er hier überhaupt tut. „Auf jedem Blatt waren Hakenkreuze, ab und zu die Unterschrift von Herrn Adolf. Und vorne drauf der Name ,Eichmann’“, sagt Michael Maor. Er hält die Unterlagen in den Händen, die Adolf Eichmanns Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg belegen. Seite für Seite fotografiert Michael Maor, der selbst ein Konzentrationslager überlebt hat, die Akte. In Köln gibt er die Fotos bei seinem Auftraggeber ab – dem israelischen Geheimdienst.

Noch ein zweites Mal macht Maor die Tour nach Frankfurt. „Das war wie beim Fallschirmspringen. Wenn man das erste Mal springt, fühlt man sich wie ein Held. Beim zweiten Mal klopft das Herz“, sagt der heute 81-Jährige, der in den 1950er Jahren vom israelischen Militär zum Fallschirmspringer ausgebildet wurde. Und so hört Maor plötzlich Schritte, die vor dem Büro des Staatsanwalts stoppen – und kurz danach weiterziehen. Die Putzfrau.

Fotografien sind unauffälliger als Kopien
Zwei Mal ermöglicht Staatsanwalt Fritz Bauer, selbst Sohn jüdischer Eltern und zur Adenauer-Zeit unter massivem Druck der Regierung, die nächtlichen Fotos in seinem Büro. Kopien anzufertigen wäre viel zu auffällig gewesen. Dank Bauers Unterstützung wird der Naziverbrecher gestellt: Israelische Agenten fassen Adolf Eichmann in Buenos Aires. Ein Gericht in Jerusalem spricht ihn unter anderem wegen der Deportation von Millionen Juden in Konzentrationslager schuldig. Am Ende lautet das Urteil „Tod durch Strang“.

An dem Prozess nimmt Michael Maor nicht teil. „Die Aussagen von KZ-Insassen hätte ich nicht hören wollen“, sagt Maor. Zu frisch sind damals die Erinnerungen an seine eigenen Erlebnisse. Geboren in Sachsen-Anhalt und aufgewachsen im Rheinland wird Michael Maor 1939 wegen seines jüdischen Glaubens und dem sozialistischen Propagandamaterial seines Vaters ausgewiesen. Auf der Adria-Insel Rab kommt er in ein Konzentrationslager. Wenn das Gespräch auf dieses Thema kommt, wird der sonst so erzählfreudige Maor wortkarg. Wie er die Gräueltaten dort überstanden habe? „Man verdrängt“, ist die kurze Antwort. Erst als er 1943 freikommt, setzt seine Erinnerung wieder ein. „Da bin ich gerannt und gerannt“, sagt er. Doch es dauert nicht lange, bis er das nächste Traumatische erlebt. Er muss mit ansehen, wie seine Eltern im Wald erschossen werden. Vollwaise mit elf Jahren.

Für Vorträge nach Deutschland
Unterkriegen lassen hat sich Maor aber nie: Erst die Arbeit als Fallschirmspringer, dann eine Fotografenausbildung in Köln und schließlich hoher Militär- und Polizeimitarbeiter in Israel. In Brasilien hat er im Dschungel nach Naziverbrechern gesucht, später 15 Jahre lang für die Israelis in der Westbank gearbeitet.

Heute lebt er in Israel, hält aber immer wieder Vorträge in Deutschland. Dabei kann es gerne auch kontrovers zugehen: „Ich hoffe, ihr habt zum Diskutieren euren Stahlhelm mitgebracht“, sagt er zum Beginn beim SV Babelsberg. Wenn es um die aktuelle deutsch-israelische Geschichte geht, wird er aber ganz weich: „Deutschland ist eines der wenigen Länder, auf das wir uns verlassen können.“

Gegen Antisemitismus

  • Der SV Babelsberg 03 hatte Michael Maor zu dem Gespräch eingeladen. „Wir sind zwar ein Fußballverein und keine politische Plattform, aber wir verbinden damit eine gesellschaftliche Verpflichtung“, sagte Vorstandsmitglied Götz Schulze. Sport funktioniere ohne eine gesellschaftliche Verankerung nicht, so Schulze weiter. 
  • Ein Zeichen gegen Rassismus und Antisemitismus und für Toleranz will der Verein mit solchen Veranstaltungen setzen. In die Satzung hat sich der Verein als Anspruch an sich selbst geschrieben, „weltoffen, tolerant und völkerverständigend“ zu sein. 
  • Mit einem 2:0-Sieg endete kürzlich die Begegnung zwischen dem SV Babelsberg 03 und Germania Halberstadt – der Geburtsstadt von Michael Maor. 
  • In der Regionalliga Nordost steht der SV Babelsberg 03 derzeit auf Tabellenplatz 6 .

Von Lisa Rogge

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