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Potsdam Zeitzeugenprojekt: Wie klingt Gefängnis?
Lokales Potsdam Zeitzeugenprojekt: Wie klingt Gefängnis?
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00:18 19.03.2019
Die Auftaktrunde im Saal der Gedenkstätte Lindenstraße. Quelle: Bernd Gartenschläger
Innenstadt

Klopfgeräusche an der Wand. Klopfen mit dem Kamm, mit dem Löffel, mit der Fingerspitze. „Wir haben alle miteinander gemorst“, sagt Helga Scharf. Wer dabei erwischt wurde, kam in den Bunker. In ein enges, kaltes Loch im Keller. Für zwölf, manchmal auch für 24 Stunden.

Helga Scharf wurde um 1950 mit Flugblättern im Gepäck verhaftet. Kaum volljährig, verurteilte man sie zu drei Jahren Zuchthaus.

Helga Scharf saß in Einzelhaft im mittlerweile abgerissenen Polizeigefängnis Bauhofstraße, heute Henning-von-Tresckow-Straße, später in Gemeinschaft mit kriminellen Häftlingen in Cottbus und ganz zum Schluss in der Lindenstraße 54/55, die heute Gedenkstätte ist.

Das Morsen an der Wand war ihr heimliches Gespräch mit anderen Häftlingen. Doch sie erinnert sich auch an andere Geräusche. Das Rasseln der Schlüssel, wenn die Wärter die Zelle aufschlossen, das Klicken des Spions in der Zellentür, der Lärm der Toilettenspülung.

Und sie erinnert sich an das Geläut von Ersatzglocken am halb zerstörten Turm der Garnisonkirche, das beim Freigang auf dem Gefängnishof zu ihr hinüber wehte: „Ich bin heulenderweise im Kreis gelaufen; das ist mir sehr an die Nieren gegangen.“

Helga Scharf ist eine von fünf ehemaligen Gefangenen der Lindenstraße, die sich auf Einladung der Gedenkstätte an einem ganz besonderen Experiment beteiligen.

„Klänge hinter Mauern“ ist der Titel des Projekts mit fünf Komponisten und der Kammerakademie Potsdam, die am 27. Juni in einem Gesprächskonzert in der Gedenkstätte Musik gewordene Erinnerungen der Zeitzeugen zur Aufführung bringen wird.

Helga Scharf (l.) und Heidelore Rutz beim Eröffnungstreffen in der Gedenkstätte. Quelle: Bernd Gartenschläger

Wie klingt Gefängnis? Welche Geräusche und Töne, welche klanglichen Erinnerungen verbinden ehemalige Inhaftierte mit der Lindenstraße 54/55? Im Dezember gab es einen ersten Austausch der fünf Komponisten mit den ehemaligen Häftlingen, seitdem sind sie im Kontakt.

An einem großen Tisch gab es jetzt im Saal der Gedenkstätte ein erstes Treffen aller Beteiligten, auch Musiker der Kammerakademie waren dabei. Die Begegnung begann mit der Schilderung der Zeitzeugen.

Nach Helga Scharf berichtete Heidelore Rutz, Mutter von zwei Söhnen, die einen Antrag auf Ausreise aus der DDR zu laufen hatte und nach einem Treffen mit anderen Antragstellern in Jena verhaftet worden war.

Heidelore Rutz, die Anfang der 1970er Jahre nach zehn Monaten Gefängnis vom Westen freigekauft wurde, berichtete, wie Stille klingt. Die marternde Stille in der Einzelzelle, wenn man weder seinen Aufenthaltsort kennt noch weiß, was aus dem Mann und den Jungen geworden ist.

Sie schilderte die Stille der Angst beim Verhör, wenn die Hände zittern und man nur noch die eigenen Geräusche hört, den Puls, das Rauschen. Heidelore Rutz erzählte, wie sie allein mit dem Klopfen an der Wand in das Morsealphabet der Gefangenen eingeweiht wurde.

Und sie erzählte von einem Flugzeug, das jeden Abend um 19 Uhr über das Gefängnis flog; nach Schweden, wie sie irgendwann erfuhr. Den Linienflug, sagt sie, gebe es heute noch.

Von Volker Oelschläger

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