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Potsdam Wenn Zettel zum Lebensretter werden
Lokales Potsdam Wenn Zettel zum Lebensretter werden
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00:21 10.11.2018
Mit einem verzweifelten Aufruf an Laternenmasten bittet Alice Asare um die Rückgabe ihrer Mappe. Quelle: Anne Knappe
Potsdam

In Babelsberg, der Innenstadt und in Potsdam-West suchen drei Potsdamer nach ganz unterschiedlichen Dingen. Studentin Laura van Altena möchte gerne für sich und ihre zwei kleinen Kinder eine bezahlbare Wohnung finden, Alice Asare hat ein Projekt verloren, an dem sie Jahre gearbeitet hat – und der kleine Thies kann ohne seinen Eddy einfach nicht einschlafen. Einblicke in drei Geschichten von der Straße:

Studentin Alice Asare (29) hat ihre Lebensgeschichte verloren

Es ist einer dieser Tage, an denen irgendwie alles schief läuft. Alice Asare radelt gerade von der Filmuniversität in Babelsberg zurück in die Innenstadt, als sie plötzlich mit einem kleinen Kind zusammenstößt. Alles läuft glimpflich ab, keiner ist verletzt. Erst kurz hinter dem Hauptbahnhof merkt sie, dass ihre orangefarbene Stofftasche fehlt – und mit ihr auch ein Stück Geschichte.

„Es hat mich wie ein Blitz getroffen, als ich es bemerkt habe“, erzählt die 29-Jährige. Sofort kehrt sie um. Fährt vergebens den gesamten Weg ab. Mit Tränen in den Augen fährt sie wieder nach Hause. Auch die Suche am nächsten Tag bringt keinen Erfolg. Sie fragt Passanten, schaut in den Mülleimern nach, doch die orangefarbene Stofftasche taucht nicht auf.

Alice hat den Weg aufgemalt und jedes noch so kleine Detail in ihr Buch gezeichnet. „Ich gehe davon aus, dass mir die Tasche vom Gepäckträger geklaut wurde“, sagt sie. Tage später hängt sie Zettel in Babelsberg und in der Innenstadt auf: Lebensgeschichte verloren, schreibt sie. Daneben hat sie einen bunten Vogel gezeichnet.

Die 29-Jährige Alice Asare hat sich einen Animations-Film überlegt. Das Material ist verloren gegangen. Quelle: Martin Müller

Alice Asare vermisst nicht etwa Geld, Schmuck oder ein Smartphone. „Ich wünschte, es wären Wertgegenstände gewesen. Aber das, was ich verloren habe, kann ich nicht mehr kaufen.“ Ihrem Professor hatte sie zuvor die Zeichnungen aus ihren zwei grauen Mappen gezeigt, um seine Meinung zu hören. „Das waren nicht einfach nur Skizzen, sondern Projekte, an denen ich Jahre gearbeitet habe“, erzählt sie.

Damit meint sie ihre Idee: „Mia und der Regenschirm“. Zehn Jahre ist es her, als sie die Figur entwickelte. Mia, das ist ein zehn Jahre altes Mädchen mit kurzen Haaren, einem verschmitzten Blick und einem Regenschirm, der sie überall hinbringen kann. Auf der Reise lernt sie Ureinwohner aus dem Regenwald kennen. Es ist eine Geschichte rund um Freundschaft und zwei Kulturen, die voneinander lernen.

Von Babelsberg bis Potsdam-West – überall in der Stadt hängen bunte Notizen. Eine Sammlung mit bunten Geschichten:

Alice Asare hat schon immer ein kreatives Händchen: In München arbeitete sie als Mediengestalterin, später ließ sie sich noch zur Holzbildnerin ausbilden. Immer wieder arbeitet sie in ihrer Freizeit an Mia weiter. „Die Mia ist ein Teil von mir“, erklärt sie.

Auf der Leipziger Buchmesse stellt sie ihr Projekt erstmals vor. Sie möchte ein Kinderbuch herausbringen. Mia sei sehr beweglich und eigne sich prima für eine Animation, sagen die Profis auf der Messe. Das war auch der Auslöser für ihre Entscheidung, 2017 nach Potsdam zu ziehen, um an der Filmuniversität Animation zu studieren. „Von der ersten Zeichnung bis zur finalen Fassung ist alles in der Mappe. Die Erinnerungen lassen sich nicht nachholen“, erzählt sie.

Vor etwa sechs Jahren wurde ihr die Mappe schon einmal in einer Eisdiele geklaut. Spiegelreflexkamera, Geld – alles war damals verschwunden, nur Mia tauchte zu ihrer großen Freude wieder auf. Damals hatte sie angefangen, das Material zu digitalisieren. Aber der letzte Stand fehlt.

So soll das Cover von „Mia und der Regenschirm“ aussehen. Quelle: Alice Asare

Mit der Mappe ist auch eine zweite Arbeit mit dem Titel „Südfrüchte“ verschwunden. In der Geschichte geht es um ein bezauberndes Inselleben bunter Figuren, die zur Hälfte Frucht und zur anderen Hälfte Vogel sind. Die kleine Mango, die sich partout nicht pürieren lassen möchte, hat Alice auf den Flyer gemalt.

In den vergangenen Tagen hat sie Anrufe von vermeintlichen Findern bekommen. Einmal hat jemand seine Stimme verstellt, beim einem weiteren Anruf hat einer gelacht. Kinderstreiche, vermutet Alice Asare. Wer die Zeichnungen näher betrachtet, spürt, dass es mehr als nur ein paar verlorene Skizzen sind. Es ist eine Idee, die über Jahre hinweg reifen konnte.

Bei der Polizei hat sie eine Anzeige gestellt. Weil Prüfungsnummer und Name sogar auf dem Material stehen, handelt es sich um Unterschlagung. Über’s Patentamt möchte sie ihre Idee jetzt schützen lassen. Mia macht jetzt eine Reise, sagt Alice Asare. „Ich habe es in mir drin, es wird weitergehen“, sagt sie. Loslassen – das sei das Schwerste. Wer die Tasche findet, kann Alice Asare eine Nachricht per Mail alice.asare@ymail.com schreiben.

Tauschangebot: In Potsdam-West möchte Studentin Laura van Altena eine neue Wohnung finden. Quelle: Rainer Schüler

Alleinerziehend: Laura van Altena (33)

Vier Zimmer, Balkon und Badewanne – gut 920 Euro kostet die Altbauwohnung in Bornim, in der Laura van Altena jetzt allein mit ihren Kindern (2 und 12) wohnt. „Für mich allein ist es viel zu teuer“, sagt sie. Nach der Trennung von ihrem Partner blieb sie mit den Kindern dort. Seit einem halben Jahr sucht sie nun schon nach einer kleineren, bezahlbaren Wohnung.

Laura van Altena lebt mit ihren zwei Kindern (2 und 12) alleine. Quelle: Privat

Am liebsten möchte sie ins zentral gelegene Potsdam-West ziehen. „Die Situation ist vertrackt“, erzählt sie. Laura van Altena (33) ist Studentin, hat einen Wohnberechtigungsschein (WBS) und findet trotzdem keine Wohnung. Viele Menschen hätten Stereotypen im Kopf. „Dass ich eine Frau bin und alleinerziehend, macht es schwieriger“, sagt sie. Bisher hat sie niemanden zum Tausch gefunden. Als Zwischenlösung ist seit Oktober ein Paar mit einem Kind eingezogen. So können sie die Miete teilen. Tauschen ist jetzt zwar nicht mehr möglich, aber das Paar kann die Wohnung sofort übernehmen, wenn sie etwas Passendes findet.

Eddy – komm zurück! Thies (2) vermisst seinen Teddy. Quelle: Anne Knappe

Thies kann ohne Eddy nicht schlafen

Astrid Bruckmann (40) und ihr Freund Daniel Escher (42) sind verzweifelt. „Eddy – komm zurück. Wir vermissen dich“ schreiben die Eltern auf einen Aushang in der Potsdamer Innenstadt. Sie suchen derzeit nach einem ganz bestimmten Begleiter. Ende September war das Paar im Museum Barberini, um sich die Ausstellung von Maler Gerhard Richter anzusehen. Irgendwo auf dem Vorplatz am Alten Markt muss Sohn Thies (2) seinen geliebten Plüschbären verloren haben. „Er hat mit dem Teddy gelebt“, weiß Vater Daniel Escher. „Seit seiner Geburt schläft er jeden Abend mit ihm ein – ohne geht es nicht.“ Die ersten Nächte waren daher für alle Familienmitglieder anstrengend: Für Thies, dem sein Teddy so sehr fehlte, dass er die halbe Nacht weinte und für seine Eltern, die durch sein Leid auch nicht zur Ruhe kamen. „Irgendwo macht man sich als Eltern auch selbst Vorwürfe. Man hätte besser aufpassen sollen“, sagt Daniel Escher.

Thies (2) hat jetzt einen Ersatz: Eddy II sieht dem Original-Teddy zum Verwechseln ähnlich. Quelle: Daniel Escher

Tagelang war der Teddy Gesprächsthema. „Es ist, als hätten wir ein Familienmitglied verloren“, erzählt Daniel Escher der MAZ. Auf die Zettel, die die kleine Familie in Potsdams Innenstadt rund um den Alten Markt aufgehangen hat, meldete sich ein paar Tage später tatsächlich ein Mann. Er hätte den Teddy gefunden. Sie einigten sich am Telefon auf einen Finderlohn von zehn Euro. Per Paypal, dem gesicherten Online-Bezahldienst, der es ermöglicht, Geld ohne Kontoangaben zu transferieren, erreichte das Geld den Finder. Doch die Freude verpufft rasch: Der vermeintliche Helfer entpuppt sich als Betrüger, der zwar das Geld einsackt, den Teddy aber nicht zurückbringt. Nach der Enttäuschung haben Daniel Escher und seine Frau jetzt einen neuen Teddy gekauft. Jetzt hilft Eddy II dem Zweijährigen beim Einschlafen – bis eines Tages vielleicht der alte Eddy zurückkehrt.

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Von Anne Knappe

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