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Zoff um Lokschuppen-Denkmal in Potsdam

Erhalt oder Abriss? Zoff um Lokschuppen-Denkmal in Potsdam

Das Karl-Marx-Werk von Babelsberg war einst Potsdams erste Industrieadresse. Hier wurden Dampf- und Dieselloks gebaut, dann Autokrane und Kühlaggregate. Nach der Wende versiegte die Produktion vollkommen; ein Gewerbepark wurde gegründet. Um den historischen Lokschuppen wird nun vor Gericht gestritten: Es geht um den Erhalt oder Abriss.

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Die Zukunft des Lokschuppens steht in den Sternen.

Quelle: Martina Chardin

Potsdam. Die Zukunft des „Lokschuppens“ von Babelsberg steht in den Sternen. Oder sie liegt auf dem Schreibtisch eines Richters. Das Verwaltungsgericht Potsdam nämlich muss über Abriss oder Sanierung des Industriedenkmals entscheiden, das nie eine Lokomotiv-Garage war, sondern eine Montagehalle für Dampf- und Feldbahnloks, wegen seiner fast runden Form im Volksmund auch „Zirkus“ genannt. Der Eigentümer, die Gewerbe im Park (GiP) in Bonn, will die riesige, freitragende Sechseck-Halle abreißen und hat 2013 bei der Stadt einen Abbruchantrag wegen „Unzumutbarkeit der Erhaltung gestellt“, aber die Denkmalpflege lehnt das ab. Dies wiederum wollte die GiP nicht akzeptieren und legte Widerspruch ein. Als auch das nicht fruchtete, zog die GiP 2014 vor Gericht und klagte auf Erteilung der Abbruchgenehmigung, bislang erfolglos. Denkmalgeschützte Gebäude dürfen nur abgerissen werden, wenn kommunale und Landes-Denkmalbehörde einvernehmlich die Aufhebung des Denkmal-Status befürworten; das ist nicht der Fall. Der „Zirkus“ hat einen Durchmesser von 34 Metern und ist 14 Meter hoch.

GiP soll zwei Nutzungsvarianten für den Zirkus vorlegen

Nach einer ersten mündlichen Verhandlung im Amtsgericht wurde die GiP verpflichtet, eine Wirtschaftlichkeitsberechnung mit zwei Nutzungsvarianten vorzulegen. Das sollte zum einen ein Mix aus Gewerbe und Büros sein, zum anderen eine Mischung aus Getränkeproduktion, Markt, Gastronomie, Sport und Veranstaltungen. Was bei der Prüfung herausgekommen ist; wird nach Auskunft der städtischen Denkmalpflege derzeit in einem Abschlussbericht zusammengefasst.

Eine Verwaltungsvorschrift des Kultusministeriums fordert von der GiP den Nachweis der Unzumutbarkeit. Das Land und damit das Gericht will wissen, ob es keine realistische Veräußerungsmöglichkeit für das Grundstück mehr gibt. Dafür muss die GiP belegen, dass sie über einen längeren Zeitraum erfolglos eine Vermarktung versucht hat. Sollte sie ihre Denkmalerhaltungspflicht vernachlässigt haben, fallen die Investitionskosen für den „Zirkus“ naturgemäß höher aus, doch bei der Berechnung der Investitionskosten darf das keine Rolle spielen.

Es gab Gespräche mit Interessenten, doch keiner kam zum Zuge

Die Denkmalschutzbehörde der Stadt räumt ein, dass es „immer wieder auch Gespräche mit potenziellen Nutzern bzw. Kaufinteressenten“ gegeben hat, doch wer die Nutzer oder Interessenten waren und was sie mit der Halle machen wollten, sagt niemand. Der Kaufpreis für das Gebäude lag vor drei Jahren bei 1,5 Millionen Euro; die Sanierung wurde mit weiteren 3,5 Millionen Euro veranschlagt. Weil der Bau zusehens verfällt, fällt zwar der Kaufpreis, doch es steigt der Aufwand zur Instandsetzung.

Die GiP hatte vor etwa 13 Jahren angekündigt, sie werde das Denkmal teilsanieren und Veranstaltungen unter der Kuppel abhalten. Vom Einziehen einer Zwischendecke war die Rede; in den Außenräumen des „Rings“ sollte es Verkaufsflächen geben. Architekturstudenten der Fachhochschule Potsdam schlugen vor, die ehemalige Produktionsstätte in eine Multifunktionshalle umwandeln und bauten ein Modell dafür – auch das blieb Theorie.

Als Filmkulisse beliebt: Tom Tykwer drehte hier „The International“

Eine weltweite Rolle spielte der „Zirkus“ als Kulisse für den Politthriller „The International“ von Tom Tykwer. Studio Babelsberg baute im „Zirkus“ das New Yorker Guggenheim-Museum im Maßstab 1:1 nach. Dazu mussten die Bühnenbauer den Boden mit Asphalt überziehen und Löcher im Dach flicken. So wurde die alte Fabrik im September/Oktober 2007 einen Monat lang zu einer Bühne für Clive Owen, Naomi Watts und Armin Mueller-Stahl – und Schauplatz einer atemberaubenden Schießerei. 200 000 Euro kostete die Nutzbarmachung des Lokschuppens für den Dreh; 16 Wochen dauerte der Kulissenbau.

Es hat der GiP zufolge immer wieder einzelne Reparaturarbeiten gegeben; zwei der sechs Seiten des Gebäudes sehen sogar voll saniert aus; am Boden der einen „neuen“ Wand ist noch der Versuch einer Fassadenbepflanzung zu sehen. Eine namentlich Firma ohne Firmenschild hat einen Lagerraum im „Zirkus“ eingerichtet. Das übrige Dach ist löchrig; es regnet herein. Im Inneren sind teilweise Holzdecken gegen den Absturz von Steinen eingezogen; man sieht viele säuberlich aufgeschichtete Altziegelstapel in der Halle liegen. Bäume wachsen aus den Traufkanten des Daches und im Inneren der Halle, die an „Jurassic Park“ erinnert.

Gewerbe im Park greift nur von Bonn aus ein und hält sich bedeckt

Gewerbe im Park hat sein Babelsberger Büro längst aufgegeben und gibt aus dem fernen Bonn keine Auskunft zur geschäftlichen Entwicklung auf dem Gelände, wo sie mehrere Gebäude an der Großbeerenstraße und hinter dem Lokschuppen einen Gewerbehof mit 14 Firmen darin betreibt.

Hinter dem GiP-Riegel der Großbeerenstraße hat sich im vergangenen Jahr die Sirius Facilities GmbH als Verwalter von fünf modernen Gewerbe- und Bürobauten etabliert, die die niederländische Marba Cedarwood B.V. im Dezember 2014 von der GiP gekauft hat, die seit 1998 Eigentümer war. „Sirius ist der hellste Stern am Himmel“, sagt Center-Manager Bastian Seidler (34). Das Unternehmen ist in London und Kapstadt börsennotiert mit über 40 Business-Parks in Deutschland: in Bremen, München und Hannover etwa, allein vier in Berlin.

Sirius-Manager: Unser Leerstand ist sehr gesund

Der gebürtige Potsdamer und wohnhafte Kleinmachnower ist gelernter Immobilienkaufmann und kennt den Markt seit langem. Er verweist auf einen „sehr gesunden“ Gewerbeflächenleerstand von unter zehn Prozent. Es gebe eine „große Nachfrage“ nach Büro- und Lagerflächen, unter anderen von öffentlichen Institutionen. Als Sirius antrat, hatte man Büros und Lager von 150 bis 1000 Quadratmeter, viel zu groß für jetzige Bedürfnisse, wo viele Start-Up-Unternehmen mit vorerst geringem Flächenbedarf auf den Markt drängen, oft Ausgründungen aus Hochschulen und Forschungsstätten Potsdams. Die müssen wir hier halten“, sagt Seidler. „Wir sind kleinteiliger geworden, legen aber auch Büros zusammen.“ Sogar Logistikunternehmen interessieren sich für Flächen, denn die Gebäude liegen extrem verkehrsgünstig an der Nutheschnellstraße, der Autobahn und der Bahnlinie; vor allem für die Beschäftigten sei das verlockend.

Die Investitions- und Landesbank (ILB) Brandenburg ist sein größter Mieter, aber nur, bis das neue Gebäude am Bahnhof fertig ist. Durch umbauten und Raumzusammenlegung hat man Platz für die Produktionsstätte der Fahland-Bäckerei geschaffen, die sich dem Vernehmen nach erweitern will am Standort, das aber nicht bestätigt gegenüber dieser Zeitung. Es ist der einzige Vertreter des produzierenden Gewerbes. BB Radio, Kieser-Training und Top-Autoteile sind namhafte Adressen bei Sirius an der Wetzlarer Straße.

Studio Babelsberg nutzt alte Produktionshallen des Karl-Marx-Werkes

Mit im Spiel auf den Gewerbeflächen sind die Studio Babelsberg AG und der Telefondienstleistungsunternehmer Alexander Grella (ehemals DuG). Die Studios haben alte Karl-Marx-Werk-Hallen als Innenstudios angemietet und Flächen angekauft für Filmkulissen. Die von „Anonymous“ (Roland Emmerich, 2011) steht hier; die neue Vielzweckkulisse „Berliner Straße“ wird gerade aufgebaut. Grella äußert sich vorerst nicht zu seinem Eigentum und seinen Plänen, die er gerade mit einem weiteren Grundstückseigentümer abstimmt.

Außerdem entwickelt der Babelsberger Entwicklungsträger Stadtkontor ein kleineres Gewerbegebiet zwischen Ahorn- Großbeeren- und Grünstraße. Er hat dazu Kleingartenflächen von der Firma Maximum übernommen, hinter der der frühere Kranhersteller Bernd Breuer steht. Er wollte an den Autokranbau des Karl-Marx-Werkes anknüpfen, scheiterte damit aber und gibt nun offenbar seine Flächen Stück um Stück ab. Die Maximum-Breuer GmbH hatte 1993 insgesamt 15 Hektar des früheren Karl-Marx-Werks gekauft.

Von Rainer Schüler

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