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Zu Besuch im Reich der Sinne

Liebe, Sex und Träume Zu Besuch im Reich der Sinne

Potsdam hat ein kleines Pornokino – und wie es sich für die geschichtsbewusste Stadt gehört, ist das sogar in einem Baudenkmal untergebracht. Wer sich als faktensuchende Frau an einem Sonntag in diese lustvollen Gefilde begibt, den erwartet ein Gratis-Eintritt und die Erkenntnis, dass Taschentücher auch außerhalb der Schnupfenzeit nützlich sind.

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Auch Potsdam hat ein kleines „Reich der Sinne“ zu bieten. Es liegt direkt am Hauptbahnhof.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Die historischen Shedhallen neben dem Haupteingang des Bahnhofs bieten vor allem fleischliche Genüsse. An der Ecke lockt zum Beispiel das Potsdam Grillhaus. Von Bouletten über Hamburger bis hin zu Döner und Dürüm, einem gerollten Fladenbrot mit Salat und Fleisch – Vegetarier kriegen hier das kalte Grausen. Bei Fleischfreunden schlägt das Herz hingegen höher. Vor allem angesichts des Werbeplakats, das eine propere Blondine samt Teller mit Hähnchenschenkeln zeigt. Apropos Schenkel: Gleich nebenan öffnen sich die Pforten zu Potsdams Lustgrotte. Das „LSD Erlebnis-Erotic-Kino“ bietet unter anderem zwei Kinoräume und einen angegliederten Shop mit einschlägigen Angeboten. Für alle Freunde von Abkürzungen: LSD steht hier nicht für verbotene Substanzen, sondern für „Love, Sex, Dreams“.

„Vergnügungsstätten“

Das LSD-Erlebnis-Erotic-Kino gehört zu einer Kette, die auch Filialen u. a. in Berlin hat. Das Kino befindet sich in der so genannten „Alten Halle“. Dabei handelt es sich um ein eingetragenes Baudenkmal, das zur „Königlichen Eisenbahn-Hauptwerkstatt“, später in „Reichsbahnausbesserungswerk“ RAW umbenannt, gehörte. Das Gebäude wurde 1872 durch den Architekten L. J. Quassowski errichtet.

Bauplanungsrechtlich sind Sex-Kinos dem Begriff der „Vergnügungsstätten“ zuzuordnen. „Dazu gehören zum Beispiel auch Spielhallen, Diskotheken und ähnliche Einrichtungen“, erklärt Stadtsprecher Jan Brunzlow.

Eine Rotlichtmeile gibt in Potsdam nicht, auch kein „klassisches“ Bordell. Anfang der 90er Jahre gab es zeitweise eines im Bereich Großbeerenstraße.

Als ich an einem nieseligen Sonntagnachmittag in das Reich der Sinne eintauche, bin ich gut getarnt: Dank einer fast bis zu den Augen hinunter gezogenen blauen Mütze sehe ich aus wie ein weiblicher Schlumpf auf dem Weg nach Schlumpfhausen. Drinnen in Pornohausen wundert sich aber keiner über meinen absonderlichen Look. „Frauen zahlen keinen Eintritt“, sagt der Mann an der Kasse, als ich mit ebenso tapferer wie fester Stimme: „Einmal Kino, bitte!“ sage. Auch Pärchen würden gratis den Tempel der Lust betreten dürfen, erfahre ich. Nur Solo-Männer müssen die Brieftasche zücken und zwölf Euro zahlen. Interessant: Ein einmaliger Besuch kostet genauso viel wie das 24-Stunden-Ticket. Warum das so ist? Durchreisende haben meist nur einmaligen Bedarf. Und die Ehemänner aus der Region legen wahrscheinlich keinen gesteigerten Wert darauf, dass die Angetrauten irgendwelche anrüchigen Belege in ihren Taschen finden. Also bevorzugen sie wohl die Ex-und-Hopp-Variante.

Heiße Getränke, noch heißere Filme

Im Besuch inklusive sind auch Getränke. Vielleicht gar eine Flasche Schampus zum Natursekt? Der nette Herr an der Kasse zerstört meine Träume: „Nein, nur Heißgetränke aus dem Automaten.“ Also auf ins Wunderland. Zuerst macht er eine Tür auf, dann geht es durch einen kleinen Flur hinein in ein mittelgroßes Zimmer. Vorne auf der Leinwand macht gerade eine Dame auf einer Treppe die Beine breit. Die Zuschauerreihen bestehen aus ein paar Couches. Auf den niedrigen Tischchen sind mehrere Pappschachteln mit Papiertaschentüchern verteilt. Eine Schnupfen-Epidemie? Wohl eher nicht, wie ich mir nach einem Augenwinkel-Blick auf einen Zuschauer zusammenreime. Hier wird wenigstens noch die gute alte Handarbeit hochgehalten.

Trotz seiner eher bescheidenen Ausmaße bietet das LSD-Kino eine große Vielfalt auf Bildschirmen und Leinwänden. Im Flur fasziniert mich das Liebesspiel zwischen einem Vollweib mit Mega-Silikonbrüsten und einem brünstigen Liebhaber, das auf einem kleineren Monitor gezeigt wird. Was mich verwirrt: Man sieht eine Frau und einen Mann – aber zwei mächtige Erektionen? Irgendwann fällt sogar bei mir Landpomeranze endlich der Groschen. Alles klar: Ich bin in der Abteilung „Trans“ gelandet.

Ab durch den Drehkreuz-Ausgang

Das Film-Angebot umfasst hetero, bi, transsexuell und „gay“, wie mir der Hüter der Kasse erklärt. Zur Gänze schöpfe ich das Repertoire aber dann nicht aus. Lieber lasse ich den paar männlichen Kinoliebhabern ihre Ruhe. Auf meine Anwesenheit haben sie doch teilweise mit leicht verstörtem Blick reagiert. Oder lag es an meiner Schlumpf-Mütze? Also ab durch den Drehkreuz-Ausgang und hinaus durch den Sex-Shop. Die bonbonfarbenen Dildos auf den hinteren Regalen stehen zum Abschied stramm.

Von Ildiko Röd

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