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Zu wenig Daten für den Modellversuch

Modellversuch Zeppelinstraße Zu wenig Daten für den Modellversuch

Die Verkehrs- und Luftbelastung in der Zeppelinstraße auf ein zulässiges und erträgliches Maß zu senken, bedeutet höhere Belastungen für den „Rest der Welt“ in Potsdam-West. Die Stadt nimmt das in Kauf. Genauere Luftdaten auf den Ausweichtrassen erhebt sie nicht.

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Die Mess-Station an der Zeppelinstraße steht kurz vor der Rückstau-Kreuzung Nansenstraße. Was in den Neben- und Stauumfahrungsstraßen passiert, erfasst sie nicht.

Quelle: Foto: Christel Köster

Potsdam-West. Weil der Verkehrs-Modellversuch in der Zeppelinstraße die dortige Luftschadstoffbelastung dauerhaft unter die zulässigen Höchstwerte gedrückt hat, sieht die Stadt ihn als gelungen an. Die Reduzierung sei „das bestimmende Kriterium für den Erfolg des Verkehrsversuchs“, erklärte die Verwaltung jetzt auf Nachfrage der MAZ.

Grenzwerte wurden nicht überschritten

Erstmals seien die Jahres-Grenzwerte für das gesundheitsgefährdende Stickstoffdioxid nicht überschritten worden, obwohl nur vier Monate gemessen wurde, es gar keinen Jahreswert gibt und in dieser Zeit trotzdem Überschreitungen gab: Vier Mal lagen die Werte über der Grenze von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Und es geht ja nicht nur um Stickstoffdioxid. Über andere Stickstoffoxide, Feinstäube, Schwefeldioxid, Benzol, Kohlenmonoxid und Blei macht die Zwischenbilanz der Stadt gar keine Angaben.

Auch das Verschwinden von 2000 bis 2500 Autos aus der Zeppelinstraße gilt als Erfolg, obwohl man weiß, dass diese Autos nicht geparkt wurden, sondern in den Nebenstraßen der Wohngebiete Umwege suchen. Auf den Ausweichrouten gebe es trotz des deutlich erhöhten Verkehrsaufkommens weder eine Häufung der Unfallzahlen noch eine Überschreitung der Luftgrenzwerte, untermauert die Stadt ihre Erfolgsmeldung. Zählungen in den Nebenstraßen gab es, automatisch und rund um die Uhr. Luftmessungen dagegen gab es außerhalb der festen Station nicht.

Zweifel an Verlässlichkeit der Computerberechnungen

Die Balastungen mit Stickoxiden und Feinstaub würden „grundsätzlich mittels anerkannter Modellberechnungsverfahren errechnet“, erklärte Stadtsprecherin Friederike Herold gegenüber der MAZ. In diese Berechnungen fließen neben den an zwei Punkten im Stadtgebietes gemessenen Schadstoffwerten zum Beispiel die Verkehrsbelastungen, die Fahrzeugausstoßdaten und die meteorologische Daten ein. Die Zahl der Fahrzeuge, die Typen und ihr durchschnittlicher Schadstoffausstoß sind anhand der Nummernschilder ermittelbar, die von Kameras an Ampeln erfasst werden. Dieses Vorgehen gewährleiste, dass auch für Straßen ohne Messstationen gesicherte Aussagen zur Luftqualität gemacht werden können, versichert die Sprecherin.

Doch schon vor zweieinhalb Jahren hatten Stadtverordnete erhebliche Zweifel an der Verlässlichkeit der Computerberechnungen. Im Bauausschuss forderte man damals bewegliche und je nach Jahreszeit veränderbare Messmethoden nach Berliner Vorbild. In der Bundeshauptstadt hatten Wissenschaftler des Potsdamer Institute for Advanced Sustainabiltity Studies (IASS) ab dem am 3. Juni 2014 zusammen mit dem Berliner Senat (BLUME–Messnetz), den Berliner Universitäten, dem Umweltbundesamt und weiteren Partnern aus der Wissenschaft die Messkampagne BÄRLIN – 2014 (Berlin Air quality Research: Local and long range Impact of anthropogenic and Natural hydrocarbons) gestartet, um während der drei Sommermonate den Ursachen der Luftverschmutzung auf die Spur zu kommen.

Dazu montierte man auf eine feste Mess-Station zusätzliche Instrumente zur Messung von Kohlenwasserstoffen, Feinstaub und Verschmutzungshöhen, um detailliertere Ergebnisse mit hoher Zeitauflösung und Genauigkeit zu erhalten. Mehr sogar: Das auch als Töpfer-Institut bekannte IASS schickte Mitarbeiter mit Messgeräten in Rucksäcken und Packtaschen auf ausgedehnte Radtouren durch Berlin und Potsdam, um die tatsächlichen Belastungen abseits der festen Stationen zu ermitteln und mit den festen Daten zu vergleichen.

Bärlin-Luftgütemessung 2014

Bärlin-Luftgütemessung 2014: Erika von Schneidemesser, Projektleiterin beim „Töpfer-Institut“ IASS in Potsdam, trug die Messtechnik in Packtaschen und einem kleinen Rucksack durch Berlin und Potsdam.

Quelle: IASS

Die Potsdamer Umwelt und Verkehrsbehörde unter dem inzwischen entlassenen Dezernenten Mathias Klipp (Die Grünen) lehnte solche Tests ab, offiziell aus finanziellen Gründen. Dabei waren die Mess-Sensoren „ziemlich kostengünstig“, wie die MAZ beim IASS erfuhr. Sie konnten sehr gut Feinstaub erfassen, allerdings weniger das Stickstoffdioxid. Dafür müssten die Geräte noch feinfühliger werden, sagte IASS-Projektleiterin Erika von Schneidemesser gestern der MAZ. Die Auswertung brauche zudem viel Personal. Was in den Straßenschluchten passiere, sei mit ihnen noch nicht schlüssig zu erfassen.

Die Daten des Potsdamer Modellversuches werden bis zum Jahresende, also insgesamt sechs Monate, erfasst und anschließend ausgewertet. Die Ergebnisse dazu werden Anfang März 2018 vorgelegt. Dann wird eine Beratung in den Ausschüssen und in der Stadtverordnetenversammlung erfolgen.

Erika von Schneidemesser, Rebecca Kutzner und Laura Weiand vom IASS unternahmen mit den „Zephyr“-Messgeräten am Lenker Radtouren durch Berlin

Erika von Schneidemesser, Rebecca Kutzner und Laura Weiand vom IASS unternahmen mit den „Zephyr“-Messgeräten am Lenker Radtouren durch Berlin.

Quelle: IASS

Zählung der Fahrzeuge erfolgt mittels Dauerzählstellen

Die Landeshauptstadt Potsdam betreibt Dauerzählstellen zur Erfassung des Verkehrsaufkommens auf den Potsdamer Brücken und für den Modellversuch auf der Zeppelinstraße. Für den Modellversuch wird das Verkehrsaufkommen (Verkehrsmenge, Geschwindigkeit, Verkehrsfluss) verteilt über das gesamte Stadtgebiet erfasst. Dies erledigen automatische Zähleinrichtungen permanent über den gesamten Versuchszeitraum. Im Zusammenhang mit dem Versuch werden insbesondere folgende Straßen betrachtet und ausgewertet: Potsdamer Straße (mehrere Querschnitte), Kaiser-Friedrich-Straße, Maulbeerallee, Bornstedter Straße (mehrere Querschnitte), Werderscher Damm, Forststraße, Geschwister-Scholl-Straße (mehrere Querschnitte), Kastanienallee, Breite Straße (mehrere Querschnitte) und Zeppelinstraße (mehrere Querschnitte).

Die Zählung der Fahrzeuge erfolgt mittels Dauerzählstellen, also 24 Stunden am Tag mit Unterscheidung nach Fahrzeugklassen. Die Zähleinrichtungen sind entweder an Ampelanlagen montiert oder in Form von Detektoren in die Fahrbahn eingesetzt. Radzählstellen sind ebenfalls Dauerzählstellen. Die Zählung erfolgt per Infraroterfassung.

Es gibt im Stadtgebiet vier Luftgütemessstationen des Landesumweltamtes. Zwei davon stehen in Straßenabschnitten mit hoher Luftschadstoffbelastung, das ist in der Zeppelinstraße und in der Großbeerenstraße. Weitere Messstellen sind am Bassinplatz und in der Seeburger Chaussee in Groß Glienicke. Die Station auf dem Bassinplatz misst die städtische Hintergrundbelastung und die Station in Groß Glienicke die allgemeine Hintergrundbelastung.

 

Von Rainer Schüler

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