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Potsdam Der Berg ruft
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21:36 09.09.2018
Feierliche Eröffnung des Winzerberges – die Besucher saßen sogar dicht gedrängt auf den Treppen, die zu den Weinberg-Terrassen hinaufführen. Quelle: Bernd Gartenschläger
Sanssouci

Ein Abend für die Geschichtsbücher: Hunderte Besucher strömten am Sonnabend bei einbrechender Dunkelheit auf das Gelände des Winzerbergs, um die Feier zur vollendeten Sanierung des historischen Juwels mitzuerleben. Zehn Jahre hatten die Arbeiten der Ehrenamtlichen gedauert – nun ist das weinrebenumrankte, terrassierte Ensemble bis auf Winzigkeiten fertig. Grund genug, dass auch die vielen fleißigen ehrenamtlichen Helfer einmal im Mittelpunkt standen. Sie hatten Ehrenplätze in den vorderen Reihen der aufgestellten Bänke vor der Bühne, auf der sich die prominenten Gäste quasi die Klinke in die Hand gaben. Einer hatte es sich nicht nehmen lassen zu gratulieren, obwohl er ja mittlerweile ein „Ex“ ist. Der nunmehrige Intendant des Humboldt-Forums, den Potsdamern immer noch eher bekannt in seiner früheren Funktion als Generaldirektor der Schlösserstiftung.

Musikalische Liaison der Extraklasse: Das Deutsche Filmorchester Babelsberg und die Band „Keimzeit“ rund um Sänger Norbert Leisegang standen zur Winzerberg-Eröffnung auf der Bühne. Quelle: Bernd Gartenschläger

Hartmut Dorgerloh hatte extra die Geburtstagsfeier eines sehr guten Freundes sausen lassen, um bei der Einweihung des neuen Prunkstücks dabei sein. Schließlich ist er einer der Väter des Projekts. Der zündende Gedanke kam ihm bei einer Busfahrt, die er mit einer Delegation hinauf nach Sanssouci unternahm. Unterwegs stand er im Stau – „etwas“, so Dorgerlohs ironischer Nachsatz, „was Sie hier in Potsdam noch nie erlebt haben.“ Auf jeden Fall tat dem Herrn der Schlösser und Gärten der Anblick des wild überwucherten, verfallenen Ortes, an dem einst die Preußenherrscher Nachschub für ihre Obsttafel gezüchtet hatten, das Herz weh. Und dann – plötzlich – sah Dorgerloh die eben erst erfolgreich von Ehrenamtlichen rund um Roland Schulze sanierte Neuendorfer Angerkirche vor seinem geistigen Auge. Weshalb nicht hier dasselbe in Angriff nehmen wie bei dem Babelsberger Vorzeigeprojekt?

Baudenkmalpfleger Roland Schulze (2.v.r.). Quelle: Bernd Gartenschläger

 

Aus dem zarten Pflänzchen dieser Idee erwuchs in den Folgejahren dank des Einsatzes von Roland Schulze und dem Winzerbergverein eine Initiative, die sich seit kurzem sogar stolz die Europa-Nostra-Plakette tragen darf. Unter 300 Teilnehmern in ganz Europa wurde der Winzerberg da gekürt. Als am Sonnabend die Plakette feierlich oben am Aufgang zu den Rebenterrassen angebracht wurde, gab es unten bei den Zuschauern einen Jubel wie bei einem siegreichen Fußballpokal.

Der Denkmaltag 2018 lockte am Sonntag mit mehr als 50 lohnenswerten Zielen. Schon am Vorabend wurde am Winzerberg bei Sanssouci der Abschluss der langjährigen Sanierungsarbeiten gefeiert. Besonders die vielen ehrenamtlichen Helfer standen dabei im Mittelpunkt.

Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) stellte das Projekt in eine Reihe mit jenen Potsdamer Projekten, die anfänglich wie Traumtänzer-Vorhaben wirkten und sich später zu traumhaften Vorzeige-Erfolgsgeschichten wandelten. „Wir haben in Potsdam schon wiederholt unter Beweis gestellt, dass Unmögliches möglich wird.“ Jakobs’ Dank ging an die Ehrenamtlichen – über die Jahre unglaubliche 2000 an der Zahl – und dabei insbesondere an Schulze. „Er ist jemand, der andere Leute mitreißen kann.“

Bei der feierlichen Eröffnung des Winzerberges freuten sich der ehemalige Generaldirektor der Schlösserstiftung, Hartmut Dorgerloh (r.), und der amtierende „Schlösser-Chef“, Heinz Berg, über das Ergebnis. Quelle: Bernd Gartenschläger

Tatsächlich wird auf der Baustelle nicht nur um die historisch richtige Kitt-Mischung für das Einsetzung der Scheiben am Winzerberg gerungen. Der zwischenmenschliche „Kitt“ ist wohl das Erfolgsgeheimnis: Neu-Potsdamer, die Kontakte zu ihrer neuen Heimat knüpfen wollen, kommen ebenso her wie Alteingesessene, erzählte Schulze nach der offiziellen Feier.

Der Denkmaltag 2018 lockte am Sonntag mit mehr als 50 lohnenswerten Zielen. Schon am Vorabend wurde am Winzerberg bei Sanssouci der Abschluss der langjährigen Sanierungsarbeiten gefeiert. Besonders die vielen ehrenamtlichen Helfer standen dabei im Mittelpunkt.

Aber was wäre eine „Tauffeier“ ohne tolle Geschenke? Für riesigen Applaus sorgten die Azubis des Oberlin-Ausbildungswerkes: Sie hatten – nach historischem Vorbild – ein traumhaftes Eingangstor geschmiedet. Den riesigen prunkvollen Schlüssel gab’s dann als Präsent obendrauf für die Stiftung respektive den Verein.

Schlüsselübergabe für das neue Eingangstor. Quelle: Bernd Gartenschläger

Musikalisch gesehen, gab es nicht nur ein Geburtstagsständchen, sondern gleich ein ganzes Konzert. Umrahmt von der fast surrealen, in buntes Licht eingetauchte Nachtkulisse des majestätischen Winzerbergs, gingen auf der Bühne zwei große Namen – das Deutsche Filmorchester Babelsberg und die Band „Keimzeit“ mit ihrem Sänger Norbert Leisegang – eine wunderschöne Liaison ein.

„Dieses Konzert hat der Berg verdient“, sagte Vorstandsmitglied Peter Räsch sichtlich gerührt.

Auch Ober-Flötist und Winzerberg-Erfinder Friedrich II. dürfte das Konzert ein paar Himmelsterrassen drüber gerne vernommen haben. Frage an die feiernden Gäste am Weinberg: Was ist Ihr Lieblingstropfen? Heinz Berg, amtierender Generaldirektor der Schlösserstiftung, sucht mit seiner italienischen Frau, Marta Dossi, gerne Weingüter im Trentino auf. Die SPD-Landtagsabgeordnete Klara Geywitz wiederum findet eher Geschmack am Weißwein. Trotz ihrer Parteizugehörigkeit ist sie kein Toskana-Fan, mag mehr die Masuren. „Ich liebe Weißburgunder“, erzählte Jutta Braun. Die Geschäftsführerin des Kongresshotels Potsdam am Templiner See entschloss sich angesichts der Schönheit des Ortes spontan, ihren Gästen künftig Führungen zum Winzerberg anzubieten. Dafür wird der Verein eine Spendensumme bekommen – der Eintritt ist ja kostenlos. Dies bleibt auch künftig so, betonte Roland Schulze: „Wir haben es ja gebaut, um ein offenes Denkmal zu haben.“

Abendliche Stimmung am Winzerberg. Quelle: Bernd Gartenschläger

Von Ildiko Röd

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