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Potsdam Janny Armbruster kämpft für einen attraktiveren Nahverkehr
Lokales Potsdam Janny Armbruster kämpft für einen attraktiveren Nahverkehr
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13:00 02.08.2018
Zu Janny Armbrusters Lieblingsorten in Potsdam zählt der Uferweg am Templiner See. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Am 23. September 2018 geht es in Potsdam um die Nachfolge von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Die MAZ stellt die Bewerber vor. Heute: Grünen-Kandidatin Janny Armbruster.

Frau Armbruster, stricken Sie, tragen Sie Recycling-Kleidung und verwenden Sie Jute- statt Plastikbeutel?

Janny Armbruster: Wunderbar, diese Klischees. Ich trage Körbe, schöne Einkaufskörbe, mitgebracht aus den verschiedenen Urlauben. Ich stricke nicht, aber ich nähe ein bisschen: Zum Hosen umnähen und Gardinen kürzen langt‘s.

Dem Klischee der „klassischen Grünen“ entsprechen Sie also nur bedingt?

Ich glaube nicht, dass ich so leicht zuordenbar bin. Das hat etwas mit meiner Ost-Sozialisation zu tun, denn ich war schon in der DDR nicht angepasst. Ich hatte damals ein Angebot, über die Kulturgeschichte der DDR zu promovieren, aber dann hieß es, ich müsste dafür in die Partei eintreten – und das wollte ich nicht.

„Natürlich sind wir immer noch die Umweltpartei“

Inwieweit gibt es bei Ihnen den Potsdamer Grünen überhaupt noch den grünen Markenkern? Man hat ein bisschen den Eindruck, dass Sie sich da zum Beispiel von der Wählergruppe Die Andere überflügeln lassen. Deren OB-Kandidat Lutz Boede möchte zum Beispiel einen Baumbeauftragten durch die Stadt schicken. Das ist ja eigentlich etwas, was man seit alters her den Grünen zuschreiben würde.

Natürlich sind wir immer noch die Umweltpartei. Nehmen wir den Klimaschutz. Dieser Hitzesommer muss doch für uns alle eine Signalwirkung haben wie damals 2011 Fukushima. Auch in Potsdam: Was bedeutet Klimaschutz für die Kommune? Da müssen wir viel aktiver und konsequenter werden. Wie schaffen wir es, dass die Menschen Interesse haben, in unseren öffentlichen Nahverkehr umzusteigen?

Wie denn?

Dazu gehört auch eine andere Verkehrsflotte, E-Busse statt Diesel. Oder dass alle kommunalen Einrichtungen auf Ökostrom umsatteln und auf Braunkohlestrom verzichten. Wir sind nach wie vor die Öko-Partei. Aber die Grünen haben sich in den letzten Jahren thematisch geöffnet. Und das schlägt auch in der Kommunalpolitik nieder. Bei der Baumschutzverordnung waren übrigens wir es, die weitestgehend Vorschläge gemacht haben. Aber es ist richtig, dass Die Andere auch bei grünen Themen mit von der Partie ist. Sie ist uns ja thematisch manchmal näher, als einem Lutz Boede lieb ist. Ich wünschte eigentlich, dass wir in der Zukunft noch mehr kooperieren.

Dennoch: In der Vergangenheit sind die Potsdamer Grünen – nicht zuletzt dank des Engagements von Saskia Hüneke – eher als die Kopfsteinpflaster-Erhalt-Partei bekannt gewesen, nicht so sehr als grüne Robin Hoods. Rächt sich das jetzt?

Klar, Frau Hüneke hat sich für die Stadtentwicklung stark gemacht und ja, sie wird leider oft reduziert auf die Frage Barockisierung? – Nicht-Barockisierung?". Aber ich glaube, dass man ihr unrecht tut. Ich habe erst kürzlich mit ihr darüber diskutiert und gesagt: Weißt du, das geht eigentlich nicht, dass wir in der Innenstadt wegen der Pflastersteine nicht rückenschonend Fahrrad fahren können. Da hat sie gesagt: Ja, da müssen wir etwas tun. Und wir haben beide verabredet, dass wir uns das im Einzelnen genau anschauen und uns Lösungen überlegen. Es gibt Möglichkeiten, dem Kopfsteinpflaster im Stadtbild gerecht zu werden und dafür zu sorgen, dass man gut darauf radeln kann.

Aber es geht dann zulasten von Parkplätzen?

Das ist möglich. Aber was ist uns wichtiger? Abstellplätze für den individuellen Autoverkehr oder sichere Rad- und Gehwege?

Staudenhof: „Der Abriss war nie absolut gesetzt.“

Die Grünen beziehungsweise Sie persönlich machen ja in letzter Zeit überhaupt überraschende Denk-Wendungen. Vor nicht allzu vielen Jahren war zum Beispiel der Abriss des Staudenhof-Wohnblocks am Alten Markt absolut gesetzt. Und jetzt haben Sie im Rahmen Ihrer Bewerbung für die OB-Kandidatur einfach mal so den Erhalt des Staudenhofs postuliert. Sprich: Kein Abriss. Oder?

Der Abriss war noch nie absolut gesetzt. Die Entscheidung dazu ist vielmehr vertagt. Ich plädiere dafür, dass es dort in jedem Fall Sozialwohnungen gibt, kleinteilige Wohnungen für Rentner und Studierende. Aber Sie sehen ja vor Ort, dass eine architektonische Lösung gefunden werden muss, denn der Staudenhof steht nicht mehr in einer Höhe mit den neuen Wohnkarrees auf der Fläche des abgerissenen FH-Gebäudes.

Also machen Sie jetzt doch wieder den Schwenk zum Abriss?

Wie gesagt, weder früher noch heute ein Schwenk. Ich warte jetzt mal die Vorschläge des Sanierungsträgers ab. Sie sind für 2020 angekündigt.

Sie setzen sich dafür ein, dass Potsdam die erste deutsche Stadt wird, in der überall problemlos möglich ist, Strom aus erneuerbaren Energien oder Wasserstoff in Autos zu tanken. Wie wollen Sie das anstellen beziehungsweise wie will man sicherstellen, dass der Strom tatsächlich aus erneuerbaren Energien ist?

Man hat jetzt schon bei den diversen Stromanbietern die Möglichkeit zu entscheiden, ob man Atomstrom oder Ökostrom bezieht. Wenn jeder einzelne sich entsprechend den Strom kauft, dann verhindern wir alle zusammen, dass Strom aus Kohle oder aus fossilen Brennstoffen weiter so bereitgestellt wird.

Aber der Strom wird – symbolisch gesprochen – doch in einen riesigen See eingespeist, da kann man dann gar nicht mehr unterscheiden, ob es guter Öko-Strom oder böser Kohlestrom ist.

Was ich als Oberbürgermeisterin machen kann: Ich kann als Gesellschafter unsere kommunalen Unternehmen dazu auffordern, dass diese nur Strom aus nicht-fossilen Brennstoffen verwenden. Das kann man regeln. Und dann kauft eben das Krankenhaus auch Strom aus Wasser- oder Sonnen - oder Windenergie. Das steigert auch wieder den Anteil an Öko-Strom und drängt die Angebote von Anbieter nicht-fossiler Energie zurück.

„Das Auto nutze ich nur für längere Fahrten“

Sie plakatieren derzeit den Spruch: „Mit Öffis und Trams - wie sonst“. Was haben Sie gegen Autofahrer?

Gar nichts, so lange sie ihr Auto wirklich nur bewegen, wenn sie es wirklich benötigen. Jeder hat es in der Hand, morgens zu überlegen: Besteht die Möglichkeit, anders mobil unterwegs zu sein? Brauche ich heute das Auto oder geht das Fahrrad oder soll ich mit der Tram fahren? Allein wenn jeder bei sich anfängt und für verschiedene Wege auch mal das Rad oder Bus oder Straßenbahn nutzt, dann haben wir schon viel gewonnen. Ich selbst habe zwar ein Auto, nutze es in Potsdam aber kaum noch.

Haben Sie ein E-Auto?

Nein. Das kaufe ich mir erst, wenn die Reichweite mehr als 200 Kilometer ist. Das Auto nutze ich nämlich nur für längere Fahrten. Wir müssen unseren öffentlichen Nahverkehr weiter so gestalten, dass er attraktiv ist - da ist sicher noch Luft nach oben.

Und wie wollen Sie diese Investitionen - etwa in die Aufstockung der Fahrzeugflotte - bezahlen?

Die Steuereinnahmen steigen in der wachsenden Stadt. Wir brauchen aber auch Förderprogramme vom Bund und vom Land. Die Lösung ist doch nicht, noch mehr Straßen zu bauen und noch mehr Autoverkehr zu erzeugen.

Sind Sie also auch für eine autofreie Innenstadt? Linken-Kandidatin Martina Trauth fordert ja genau das.

Ja, da ist sie auf unseren Zug aufgesprungen. Das diskutieren die Grünen schon lange und natürlich ist das ein langfristiges Ziel. Aber wie erreichen wir dieses Ziel konkret? Und wo fängt die autofreie Innenstadt genau an? An der Pirschheide? Keiner wird sich da festlegen zum aktuellen Zeitpunkt, das hat auch Frau Trauth nicht gemacht. Es wäre populistisch zu sagen, ich will bis 2023 eine autofreie Innenstadt haben. Wir müssen uns mit den Stadtplanern zusammensetzen, um zu sehen, wie Verkehr in der Innenstadt erst einmal minimiert werden kann. Ich sehe die autofreie Innenstadt als konkrete Perspektive. Schauen Sie nach London, da zuckt doch schon keiner mehr, dass im Zentrum nur noch die roten Busse und die schwarzen Taxis fahren.

„Schnellverkehre nach Werder und Geltow

Der abgewählte grüne Beigeordnete, Matthias Klipp, hat seinerzeit dafür plädiert, dass die Fahrradstreifen auf der Fahrbahn sein sollten, nur durch einen Strich abgetrennt. Ist das nicht viel gefährlicher als ein eigener Radweg?

Es gibt unterschiedliche Arten von Radwegen, auf dem Gehweg, rechts oder links neben den Autos. Damit es möglichst viele Radwege gibt, wird es zunächst sicher beide Varianten geben – aber natürlich lieber die sicherere. Die Straßenführungen sind teilweise sehr eng. Mein Wunsch ist, die Radwege auszubauen und vor allem die Schnellverkehre nach Werder und Geltow.

Radautobahn – das klingt super. Und was ist im Winter oder bei Regen, wenn es kalt ist beziehungsweise ungemütlich. In der Realität muten die vielgelobten Alternativen bisweilen auch etwas weltfremd an.

Es gibt die ganz Mutigen, die fahren bei Wind und Wetter. Dazu zähle ich auch nicht. Dann empfiehlt sich der gut ausgebaute ÖPNV. Wann braucht man in der Stadt das Auto wirklich? Am ehesten noch, um schwere Sachen zu transportieren.

„Frauen verfügen über Einfühlungsvermögen“

Frauen an der Potsdamer Führungsspitze sind immer noch rar. Und eine weibliche Rathauschefin gab es seit der Wende nicht mehr. Glauben Sie, dass Frauen die besseren Oberbürgermeister wären als Männer?

Ich glaube, dass Frauen in der Tat Kompetenzen mitbringen, über die viele Männer nicht so verfügen: Einfühlungsvermögen, den sensiblen Umgang mit Themen und die Fähigkeit, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu motivieren. Ich glaube, es ist ein Vorzug von uns Frauen, dass wir oft mehr abwägen und besser zuhören können. Und, dass es uns dabei nicht um die persönliche Profilierung geht, sondern mehr um die Sache. Deshalb denke ich, dass weibliche Führungsqualität super ist für das Amt des Oberbürgermeisters.

Also würden Sie sagen, dass Linken-Kandidatin Martina Trauth dem Job besser gewachsen ist als ein Mann?

Frau Trauth traue ich viel Empathie zu, aber kommunalpolitische Sachkompetenz braucht man auch. Sie hat mir bislang in den verschiedenen Runden, in denen ich sie erleben durfte, zu allgemein geredet und zu wenig unter Beweis gestellt, was sie konkret machen möchte und wie sie es machen möchte. Außer dass sie zu den verschiedenen Themen Arbeitskreise bilden will.

Glauben Sie, dass das Frauenthema im Wahlkampf eine Rolle spielt oder dass man es doch nur am Menschen an sich fest macht?

Ich denke, mehr als 50 Prozent unserer Wähler sind Frauen. Und natürlich werden die Frauen und Mädchen nochmal stärker überlegen, ob sie nicht ihre Stimme einer Frau geben wollen, wenn sie das Gefühl haben, die können das. Die Frauenkarte aber spiele ich nicht, weil sie nicht das entscheidende Kriterium sein sollte. Was mir noch wichtig ist zu unterstreichen: Ich bin keine Apparatschik, die im politischen System sozialisiert ist, sondern eine politische Quereinsteigerin. Ich mache jetzt seit fünf Jahren Politik und bringe einen anderen Kommunikationsstil mit, einen anderen Verhandlungs- und Führungsstil, was ich als Referatsleiterin erlernen durfte.

Wie viele Mitarbeiter hatten Sie?

Zwölf. Mike Schubert hatte vier als amtierender Referatsleiter im Innenministerium, bevor er Beigeordneter wurde. Ich glaube, Führungserfahrung heißt vor allem, wie schafft man es, wertschätzend zu führen und zu motivieren und die Verwaltung zu einer dienstleistungsorientierten Behörde umzubauen. Als Oberbürgermeisterin möchte ich in den ersten Wochen alle Fachbereiche besuchen, die Kolleginnen und Kollegen kennenlernen und mir auch ihre Fragen und Ideen abholen.

Aber mit Ihren Forderungen stehen Sie nicht alleine da. Viele Ihrer Mitbewerber mahnen eine Reform des Rathauses an.

Ich weiß nicht, ob SPD-Kandidat Mike Schubert in seiner Eigenschaft als Sozialdezernent so führt – sonst gäbe es die Probleme in der Ausländerbehörde wahrscheinlich nicht. Er ist immerhin zwei Jahre da und ob er wertschätzende Mitarbeiterführung kann und Empathie mitbringt, können nur die Betroffenen sagen. Ich denke, dass es ein riesiger Vorzug ist, dass ich in Universitäten mit flacheren Hierarchien als einem Rathaus sozialisiert bin. Und klar, ich weiß, dass das Rathaus vor riesigen Herausforderungen steht. In den nächsten Jahren gehen 400 Mitarbeiter in den Ruhestand – ein Generationenwechsel steht an.

„Menschen wünschen sich Veränderung“

Wem würden die Grünen denn eine Wahlempfehlung aussprechen, sollten Sie nicht in die Stichwahl kommen?

Das ist eine Falls-Frage. Sie erübrigt sich, weil ich in die Stichwahl komme. Die Menschen wünschen sich nach vielen Jahren Stadtpolitik, die von SPD und Linken dominiert wurde, Veränderungen. Aber keine, die in soziale Kälte führt, also zur CDU. Es hat sich in den letzten zwei Jahren außerhalb der Rathauskooperation mit CDU und SPD gezeigt, dass wir Grünen unsere Themen oft besser darstellen können, und das hat uns und der Stadtpolitik gutgetan. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass die Grünen sagen, es ist gut und richtig, auch die nächsten Monate zu nutzen, unabhängig klare grüne Themen zu setzen.

Von Ildiko Röd

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