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600 Briefe pro Stunde geöffnet
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Vortrag von Peter Hellström über die Postkontrolle der Staatssicherheit 600 Briefe pro Stunde geöffnet

Das DDR- Geschichtsmuseum Perleberg hatte am Mittwochabend zum 30. Vortragsabend über die Auswirkungen der SED-Diktatur eingeladen.Peter Hellström stellte sein Sachbuch „Die Postkontrolle der Staatssicherheit – Aus der Sicht eines Zeitzeugen“ vor.

PERLEBERG. r. Es besteht aus zwei Teilen. Der erste stellt die Geschichte der Postkontrolle dar, der zweite befasst sich mit deren Auswirkungen auf Hellströms Biografie. Als 25-Jähriger hatte er 1968, nach dem Einmarsch des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei, einen Brief an einen Freund in Westberlin geschrieben, indem er sich über die Folgen für die Freiheit in der DDR beklagte.

Obwohl er vorsorglich einen falschen Absender angegeben hatte, wurde er sechs Monate später verhaftet und wegen staatsfeindlicher Hetze zu 18 Monaten Haft verurteilt. Im Rahmen eines Forschungsauftrages der Stasi-Unterlagenbehörde erarbeitete Hellström die Untersuchung über den riesigen Apparat der Postkontrolle von einfachen Anfängen nach der Währungsreform 1948 auf den Kreispostämtern bis zum Apparat mit zuletzt 2177 Mitarbeitern. Täglich wurden etwa 90 000 Briefe kontrolliert.

Zeitweise wurden die Briefkästen in ganz Ostberlin ausschließlich von Stasi-Offizieren geleert. Nicht zu vergessen waren die Pakete, die dieselben Kontrollmaßnahmen durchliefen. Die Postkontrolle wurde erst am 16. November 1989 eingestellt. An Hand von Abbildungen erläuterte er Technologien, Mittel und Maschinen der Abteilung M des MfS, die wie keine andere den totalen Überwachungsstaat präsentiert.

Hellström erzählte: „Die Postkontrolle, von der jeder wusste und die jeden betraf, der einen Brief über die Post schickte, war eine hochgeheime Angelegenheit.“ Doch warum das angesichts der Tatsache, dass die meisten Briefeschreiber von den unliebsamen Mitlesern wussten?

Hellström wies auf die Verfassung der DDR hin: „Der Artikel 31 der DDR-Verfassungen von 1949 und 1968 besagte, dass das Post- und Fernmeldegeheimnis unverletzbar sind und nur auf gesetzlicher Grundlage eingeschränkt wird, wenn es die Sicherheit des sozialistischen Staates oder eine strafrechtliche Verfolgung erfordern.“

Daher war es ein vorrangiges Ziel der Sicherheitsbehörden, ihren permanenten und perfiden Verfassungsbruch unter dem Schutzmantel der Konspiration zu begehen. Hellström: „Beim Eindringen in die Privatsphäre der Menschen ging es dem MfS darum, Eindrücke in das Denken und Fühlen der Bevölkerung zu gewinnen. Dazu wurde das gesamte Postaufkommen kontrolliert. Post und Zoll hatten alle Postsendungen lückenlos zuzuführen.“

Hellström zählte unter dem Lachen der Zuhörer die Merkmale auf, die eine vorrangige Kontrolle auslösten: Waren die Briefe über-, unterfrankiert oder mit Sonderbriefmarken beklebt, stand auf dem Umschlag nur „Herr“ statt „Herrn“, Greisen- und Kinderhandschrift, gestempelter oder geklebter Absender.

Höchst verdächtig war, wenn ein Brief per Bahnpost aufgegeben wurde und auf dem Umschlag beispielsweise „Klaus B. Schmidt“ stand. Daraus zog das MfS die Schlussfolgerung, dass es sich hierbei um einen amerikanischer Agenten handeln musste, da nur die Amerikaner diese Art der Namensform verwenden. Auch jeder Trauerbrief wurde geöffnet. „Die Philatelisten waren eine besonders gefährdete Gruppe. Sie waren unter ständiger Beobachtung. Es haben sich dort furchtbare Dinge abgespielt, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.“

Beim illegalen Öffnen der Briefe gab es ebenfalls manches Mal Probleme. „Jeder, der das System kannte, konnte geöffnete Briefe erkennen“, erläuterte Peter Hellström. Gängigste Methode war die Öffnung mit Wasserdampf. Ab 1976 setzte die Stasi eigens entwickelte Brieföffnungsanlagen ein, die 600 Briefe pro Stunde öffneten. Heißluftgeräte lösten Klebebänder ab.

Der Referent berichtete von zwei Problemen, welche das MfS „nicht in den Griff“ bekam: Die schlechte Qualität des DDR-Briefpapiers, das sich nach dem Öffnen wellte, und das Westgeld in bundesrepublikanischen Briefen – trotz fehlender Taschen an den Kitteln der Kontrolleure wurde wohl nicht jeder Schein abgegeben. Jeder Kontrolleur musste übrigens 100 Briefe in einer Stunde durchforsten. (Von Wolfram Hennies)

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