Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Sprühregen

Navigation:
Ärzte stehen vor Problemen mit Asylsuchenden

Sprachbarrieren in der Prignitz: Wer spricht schon Persisch? Ärzte stehen vor Problemen mit Asylsuchenden

Menschen auf der Flucht sind oft traumatisiert. Doch was ist, wenn die Sprachbarrieren eine Behandlung scheinbar unmöglich machen? "Die Verständigungsprobleme sind groß. Wir haben schon alles mögliche versucht", sagt jetzt eine Ärztin aus der Prignitz. Häufig helfen Mimik und Gestik nicht mehr weiter. 

Voriger Artikel
Meyenburger kämpfen um zweiten Sieg in Folge
Nächster Artikel
Zwei Wohnungen nach Brand unbewohnbar

Im Sprechzimmer gibt es immer häufiger Sprachbarrieren.

Quelle: dpa

Perleberg. Ein wenig heimisch fühlt sich der kleine Afghane schon. Wenn er durch Bad Wilsnack geht, grüßt der Zehnjährige freundlich und auch einige deutsche Worte spricht er schon. Doch der heile Schein trügt, denn was der Kleine erlebt hat, hat Spuren hinterlassen. Von den Fluchterlebnisse ist er traumatisiert und braucht eine Therapie. Aber die scheint es für ihn nicht zu geben, wie Anna Buch berichtet, die in der Hausarztpraxis ihrer Mutter immer wieder bei schier unlösbaren Verständigungsproblemen mit ihren Sprachkenntnissen zu helfen versucht. Ein Termin beim Kinderpsychologen gibt es schon, wie sie in einem Gespräch mit der MAZ sagt. Doch die Therapie könne nicht beginnen, weil kein Dolmetscher zur Verfügung steht. Weder der Psychologe noch der Zehnjährige sprechen Englisch und auch ein Verwandter oder eine andere Person, die Deutsch wie auch Persisch – die Heimatsprache des Jungen – spricht, ist nicht zu vermitteln. „Es ist schon schlimm genug, wenn man sich bei seinem Hausarzt nicht verständigen kann“, meinte die junge Frau. Aber noch schlimmer sei dies bei einem Psychologen und dazu noch bei einem Kind. Sie sieht hier den Landkreis in der Verantwortung, der aber keinen Dolmetscher stelle. Das koste sicher Geld, aber es bringe doch auch nichts, einen ratlosen und kranken Patienten und einen überforderten Arzt sich selbst zu überlassen, kritisiert Anna Buch.

Die Verständigungsprobleme sind groß

Auf Nachfrage bestätigte Dr. Katrin Buch die Schilderung ihrer Tochter, und letztlich war die Kinderärztin nach einem Zögern auch bereit, über die tagtäglichen Verständigungsprobleme in ihrer Bad Wilsnacker Hausarztpraxis öffentlich zu sprechen. „Seit März, April kommen deutlich mehr Asylsuchende in meine Praxis,“ berichtet die Ärztin. „Die Verständigungsprobleme sind groß. Wir haben schon alles mögliche versucht.“ Wenn eine Verständigung auch über Englisch nicht funktioniert, haben sie in der Praxis auch schon versucht einen Sprachcomputer einzusetzen oder Sprachapps auf das Handy runter geladen. „Dabei kommt aber nur Quatsch raus“, berichtet Katrin Buch.

Es sind meist junge Familien mit Babys und Schulkindern, die zu ihr in die Sprechstunde kommen. In vielen Fällen sind es die ganz normalen Krankheiten, die Kinder in diesem Alter eben haben. Doch schon, wenn es um das Impfen geht, treten die Probleme auf. „Es gibt da keine Unterlagen, niemand kann sagen, welche Impfungen die Kinder schon haben.“ Also beginnt sie bei den Impfungen von vorne. Einfach ist es schon bei Laboruntersuchungen. Mit Gesten können man sie dann zumindest deutlich machen, ob alles in Ordnung ist, oder ob das Ergebnis nicht gut ist.

Schwere Erkrankungen brauchen Worte

Doch es gibt auch schwere Erkrankungen, zu denen sie die Patienten befragen und sie ihnen die Behandlung erklären muss. Nur wie das geschehen soll, weiß sie mitunter auch nicht. „Sie sind sehr freundlich und äußerst dankbar“, berichtet Katrin Buch über ihre Patienten. „Sie wollen aber auch über ihre Krankheit Bescheid wissen und darüber nicht im Dunkeln bleiben.“

Es sei schon ein glücklicher Umstand, wenn ein Patient etwas Englisch spreche. Doch es gibt eben auch Patienten, wie den kleinen Afghanen, die nur ihre Heimatsprache Persisch sprechen.

Drei Fragen an...

Christian Müller, als Erster Beigeordneter im Landkreis Prignitz für den Bereich Soziales zuständig.

Sind dem Landkreis die Probleme in den Arztpraxen bekannt?

Christian Müller: Ja, natürlich wissen wir, dass das nicht immer einfach ist, man manchmal nur mit Händen und Füßen weiter kommt. Seit eineinhalb Jahren wächst die Zahl der Aslybewerber stets und ständig und das ist eine Herausforderung für alle Beteiligten.

Muss sich der Landkreis nicht stärker für die Lösung des Sprachproblems einsetzen?

Müller: Man muss auch sehen, wo wir an Grenzen stoßen. Wenn am Donnerstagabend die Anfrage für eine Überweisung am Freitag erfolgt, dann ist das schwer zu schaffen. Bei schwierigen Diagnosen können wir vereidigte Dolmetscher in Berlin telefonisch hinzuziehen. Die Nachfrage ist aber groß. Wir arbeiten mit einem Pool ehrenamtlicher Dolmetscher im Kreis, d ehemalige Asylbewerber, die Deutsch können.

Welche Anforderungen stellen Sie an die Sozialarbeiter, die die Asylbewerber betreuen?

Müller: Natürlich sollen sie mehrere Sprachen sprechen. Aber sie müssen in erster Linie Sozialarbeiter sein. Schon die Suche nach Sozialarbeiter ist bekanntlich nicht ganz einfach, Dazu einen zu finden, der vielleicht Serbisch, Russisch oder Arabisch spricht, ist noch weitaus schwieriger. Die Lösung kann letztlich nur sein, dass die Asylbewerber so schnell wie möglich Deutsch lernen.

In Glöwen hält die Ärztin ebenfalls Sprechstunde. Das Verständigungsproblem ist dort nicht ganz so krass. Hier gibt es einen ehemaliger Asylbewerber, der in der Prignitz sesshaft geworden ist. Er kann inzwischen Deutsch sprechen und zugleich Arabisch. Für Katrin Buch er eine große Hilfe, Doch kann er auch nicht immer hinzugezogen werden. Doch sie kennt keinen, an den sie sich wenden kann, wenn der Patient nur Syrisch oder eben Persisch spricht. Etwas Hoffnung hat sie für die Zukunft, so hat sie gehört, dass in Glöwen einige Mütter mit ihren Kindern in die Schule gehen, um dort Deutsch zu lernen.

Hilfe benötigt

Sie findet auch, dass Asylsuchende, obwohl sie kaum etwas verstehen, vor viele Herausforderungen gestellt werden. Für jede ärztliche Leistung müssen sie einen Berechtigungsschein vorlegen. Den bekommen sie aber nur in Perleberg. Wie und mit welchem Bus sie dorthin kommen, müssen sie selbst herausfinden. Katrin Buch sagt: „Menschliche Hilfe ist herausgefordert, und dies gerade in kleinen Orten, wo die Menschen auf sich gestellt sind.“

Von Michael Beeskow

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Prignitz

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg