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Prignitz Kindheit in Groß Warnow – Bärbel Goebel hat ihre Geschichte aufgeschrieben
Lokales Prignitz Kindheit in Groß Warnow – Bärbel Goebel hat ihre Geschichte aufgeschrieben
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14:48 30.01.2019
Bärbel Goebel, die Verfasserin von „Der Koffer auf dem Scheunenboden“ an ihrem Schreibtisch. Quelle: privat
Groß Warnow

Wer kennt ihn nicht, den französischen Spielfilm „Die fabelhafte Welt der Amélie“, in dem es eine zu Herzen gehende Passage gibt: Als der etwa 50-jährige Dominique Bretodeau ein Kästchen, vollgestopft mit seinen gesammelten Schätzen aus seiner Kindheit plötzlich wiederfindet, bricht er vor Rührung über seine Erinnerungen in Tränen aus. So etwas gibt es aber nicht nur im Film.

Vor neun Jahren erhielt Bärbel Goebel, eine pensionierte Lehrerin aus Nordrhein-Westfalen, einen Anruf von einer Bekannten in Postlin. „Du, da hat mich die Tochter von den Leuten angerufen, die damals euer Haus in Groß Warnow gekauft haben. Sie wohnt in Grabow und hätte was für Dich. Du möchtest sie mal anrufen.“

Bei dem Telefonat erfuhr die 1939 geborene Autorin, dass der Sohn der Angerufenen beim Aufräumen des Scheunenbodens einen Koffer gefunden hatte – voll gepackt mit Urkunden, Briefen und vielen Fotos.

Bärbel Goebel fuhr nach dem Anruf sofort nach Grabow

„Ich war wie elektrisiert“, schreibt Bärbel Goebel dazu, die sich dann in aller Frühe am 15. Januar 2010 in den Zug nach Ludwigslust setzte. Angekommen bei der Grabowerin, war es dann soweit. „Was ich im randvoll gefüllten Koffer erblickte, machte mich sprachlos. Von den Dokumenten in der Mappe kannte ich überhaupt keines; je länger ich blätterte, desto überraschter wurde ich. Ich hielt meine Geburtsanzeige in den Händen!“

Nach der Heimreise schrieb Ehemann Klaus einen Artikel für die MAZ mit dem Titel „Der Koffer in der Scheune“, und die Kinder des Ehepaares meinten: „Das musst Du alles mal aufschreiben, sonst kann man sich das gar nicht vorstellen.“

Und so entstand das Buch „Der Koffer auf dem Scheunenboden“, eine mit 314 Seiten und zahlreichen Fotos vollgepackte Dokumentation der Kinderjahre der Verfasserin, die gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte der Prignitz aufzeigt.

Der Koffer enthält eine ganze Kindheitsgeschichte

Nach der Evakuierung aus Ostpreußen und dem Umzug nach Thüringen „war meine Mutter im Zweifel, ob eine Rückkehr nach Berlin überhaupt noch möglich sein würde. Deshalb zog sie mit mir in ihr Heimatdorf Groß Warnow um. Dort konnten wir im Haus der Großmutter gemeinsam mit den Urgroßeltern leben. Ich war 21 Jahre alt, als ich Groß Warnow verließ. Das Dorf war zu meiner Heimat geworden. Hier hatte ich den größten Teil meiner Kindheit und Jugend verbracht“, schreibt die Verfasserin über das in der nordwestlichen Prignitz gelegene und sich die B 5 erstreckende Grenzdorf zu Mecklenburg.

Das Buch ist sehr persönlich gehalten. Die ersten Kapitel sind der Familie, wie der Heirat der Eltern und dem Tod des Vaters, gewidmet. Im zweiten Drittel widmet sich Bärbel Goebel ihrem damaligen Heimatdorf. Das Haus ihrer Großeltern beschreibt sie mit folgenden Worten: „Die Haustür wurde aber nicht als Eingangstür genutzt. Dazu diente viel-mehr die Küchentür am Giebel“ – so wie es in der Prignitz mal üblich war. „Rechter Hand wuchsen Obstbäume und in der Fluchtlinie des Altenteils lag etwas zurückgesetzt die Fachwerkscheune.“

Das durch den Koffer inspirierte Buch ist ein Stück Zeitgeschichte

Und dann gibt es im Buch reichlich Einblick in die Lebensverhältnisse der Kriegszeit. „Zu unseren kargen Fleischmahlzeiten gehörte von Zeit zu Zeit ein geschlachtetes Huhn und das wenige Fleisch, das auf Lebensmittelkarten gekauft wurde.“ Dazu wurden im Wald Pilze und in „Muhsens Steig“ Hagebutten und Schlehen für Marmelade und Gelee gesammelt. Unvorstellbar ist heute das: „Im letzten Spülwasser wurde ich im Bottich in der Küche gebadet. Meine Mutter wusch mir die Haare mit Eigelb, damit die Zöpfe glänzten. Das Auskämmen habe ich als Tortur in Erinnerung.“

Zudem sprach die Familie Platt. „Ich verstand das wohl seinem Sinn nach, konnte es aber selbst nicht sprechen.“ Die gegenüber wohnenden Nachbarn Kotzan versuchten, dem Mädchen mit dem Prignitzer Spruch „To Bett, to Bett is all’ mien Sinn, wenn’k upstahn sall, slopt immer wedder in“, zu helfen, „aber mit der Aussprache haperte es.“

Am Kriegsende erlebte die Autorin die vielen Trecks, die durchs Dorf zogen. Weitere Themen sind Schulzeit, Kleidung, Einkaufsmöglichkeiten im Ort und das dörfliche Leben zu Feiertagen wie Erntedank. „An der Spitze des Zuges sehe ich Edgar Pollmann im weißen und Otto Ebel jun. in einem hellen Anzug auf ihren Pferden. Gefolgt von einer langen Reihe geschmückter Wagen bewegt sich der Zug über die Dorfstraße, Bäckerstraße und die Chaussee. Viele schauen vom Straßenrand zu. Gefeiert wurde anschließend in einem der beiden Gasthöfe.“

Nach 60 Jahren war der Koffer unbeschädigt

Ihr Abitur machte Bärbel Goebel in Wittenberge, um daraufhin am Güstrower Pädagogischen Institut ein Lehrerstudium zu absolvieren.

Nachdem die junge Frau am 4. Dezember 1959 noch im Groß Warnower Gasthaus „Zum Goldenen Stern“ fröhlich einer Hochzeit beigewohnt hatte, wendete sich das Blatt: Weil sie einen „bösen Witz“ zur Einheit Deutschlands erzählt hatte, wurde Bärbel Goebel am 22. Januar 1960 vom Studium „an allen Hochschulen und Universitäten der DDR“ ausgeschlossen. Nach einem „Strafjahr“ blieb nur eines: die Flucht in den Westen.

Dazu schreibt sie: „Wie verabredet floh ich am 20. Dezember 1960 von Wittenberge aus allein zu meiner Oma nach West-Berlin“, und wurde ein Jahr später an der Pädagogischen Akademie Wuppertal immatrikuliert. Im dortigen Schuldienst lernte die Verfasserin „den Mann aus dem Westen, für den meine Berliner Oma gebetet hatte“, kennen – Klaus. Schließlich sagt die einstige Groß Wanowerin: „Ich glaube, Gott schreibt auch auf krummen Linien grade.“ Und er sorgt dafür, dass ein Koffer 60 Jahre auf einem Dachboden unbeschädigt verwahrt bleibt.

Von Kerstin Beck

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