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Prignitz Behinderte mit Dreirad bangt um jede Zugfahrt
Lokales Prignitz Behinderte mit Dreirad bangt um jede Zugfahrt
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02:15 26.05.2017
Solch ein Zug älterer Bauart kann das Dreirad von Cordelia Zimmermann mitnehmen. Bei den neuen, fahrradgerecht umgebauten Waggons gibt es Probleme. Quelle: Andreas König
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Pritzwalk

Ob sich ein geeigneter oder ein neuer Waggon dem Pritz­walker Bahnhof nähert, hört Cordelia Zimmermann bereits am Tuten. „Das ist wohl ein alter, also ein guter“, sagt die 43-jährige Wittstockerin. Cordelia Zimmermann ist schwerbehindert und arbeitet beim Jobcenter Prignitz in Pritzwalk im Empfang. Für ihren täglichen Weg zur Arbeit benötigt Cordelia Zimmermann ein Dreirad „um die Gefahr von Stürzen zu vermeiden“, wie sie sagt. Seit sechs Jahren nutzt sie den Prignitz-Express, um zur Arbeit zu kommen – ihr Dreirad inklusive.

Lokführer wollte Dreirad zunächst nicht mitnehmen

Bis Dienstag vor zwei Wochen ging das auch ganz gut. „Der Lokführer wollte mich nicht mitnehmen, weil mein Dreirad angeblich den Fluchtweg im Zug verstellt“, berichtet Cordelia Zimmermann. Nur der Fürsprache der anderen Fahrgäste habe sie es zu verdanken gehabt, dass der Lokführer dann doch noch überzeugt werden konnte. Das Problem sind die neuen, angeblich für Fahrräder besser geeigneten Waggons“, sagt Cordelia Zimmermann. Die würden nämlich eine Trennwand besitzen, an der es sich mit dem Dreirad schwer vorbeibugsieren lasse.

Jobcenter-Chef findet Vorgehen der Bahn „diskriminierend“

Doch das Problem sitzt tiefer. Cordelia Zimmermanns Chef, der Geschäftsführer des Jobcenters Prignitz, Gordon Werber, schrieb eine Mail an den Verkehrsverbund Berlin Brandenburg (VBB), als er von dem Fall hörte. „Das Vorgehen der Bahn ist in diesem Fall aus meiner Sicht diskriminierend, weil es dem Gedanken der Teilhabe behinderter Menschen im Arbeitsleben widerspricht“, sagt Gordon Werber.

VBB verweist auf Hilfsmittellliste der Krankenkassen

Während es die Bahn der Entscheidung ihres Personals überlässt, ob Dreiräder mitgenommen werden, lässt der VBB in seinen Beförderungsbedingungen die Mitnahme von „Krankenfahrstühlen und sonstigen orthopädischen Hilfsmitteln“ nur zu, wenn „der Fahrgast im Besitz eines gültigen Fahrausweises oder eines Schwerbehindertenausweises mit Beiblatt und aufgeklebter oder integrierter gültiger Wertmarke ist und die Bauart des Verkehrsmittels die Mitnahme zulässt“, heißt es in der Antwort des VBB an Gordon Werber. Ein orthopädisches Hilfsmittel aber ist nach Lesart des VBB ein Dreirad nur, wenn es „im Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbandes (Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen) verzeichnet“ ist. Das jedoch ist nicht der Fall. „Anfang der 1990er Jahre standen Therapieräder drin, sind dann aber aus Kostengründen herausgenommen worden“, sagt Cordelia Zimmermann. „Bei der Entscheidung darüber, welche Hilfsmittel in das Verzeichnis aufgenommen werden, müssen viele Faktoren berücksichtigt werden“, sagt Claudia Widmaier, Pressereferentin beim GKV-Spitzenverband. Im Übrigen sei es aber Angelegenheit des VBB die Mitnahme von Hilfsmitteln in den von ihm bezahlten Zügen zu regeln.

Radfahren ist umweltfreundlicher, stressärmer und weniger gefährlich

„Für mich ist es wirklich wichtig, mein Dreirad nutzen zu können“, sagt Cordelia Zimmermann. Zwar könnte sie theoretisch auch mit dem Auto zur Arbeit fahren, aber „das erzeugt Stress, der wiederum meine Gesundheit zusätzlich beeinträchtigt“, sagt Cordelia Zimmermann. Im Übrigen sei das Radfahren gut für sie, umweltfreundlich und nicht zuletzt sehr viel günstiger.

Behinderten werden „Steine in den Weg gelegt“

Im Jahr 2012 wurde sie schon einmal an der Bahnsteigkante stehen gelassen. Damals halfen ihr Familienmitglieder. Dass der Zug nach Wittstock am Bahnsteig 1 hält, sei für sie ein Segen. „Die Treppen würde ich mit meinem Dreirad nicht schaffen“, sagt Cordelia Zimmermann. „Überall wird gesagt, behinderte Menschen sollen teilhaben am öffentlichen Leben, auch am Arbeitsleben. Aber immer wieder werden einem Steine in den Weg gelegt“, empört sich die Wittstockerin. Am Dienstag hat der Zug sie mitgenommen. Doch jeden Tag fährt die Angst mit, dass sie stehen bleibt.

Von Andreas König

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