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Prignitz Bodenreform – Erinnerungen aus erster Hand
Lokales Prignitz Bodenreform – Erinnerungen aus erster Hand
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00:18 17.01.2018
Museumsleiter Frank Riedel mit den Zeitzeugen Karl-Friedrich Sauer, Manfred Graf von Schwerin und Ernst-Otto Schönemann (v.l.). Quelle: Marcus J. Pfeiffer
Perleberg

Bodenreform 1945, Kollektivierung 1960, Aktionen „Ungeziefer“ und „Kornblume“ sind Begrifflichkeiten und Jahreszahlen aus den Sachbüchern des Geschichtsunterrichts. Einen realen Bezug dazu haben die meisten Schüler der heutigen Zeit nicht mehr. Darum ist es ein wichtiger und besonderer Bestandteil, mit Zeugen der damaligen Zeit ins Gespräch zu kommen und vielleicht das ein oder andere zu erfahren, was nicht in den Geschichtsbüchern steht. Unter dem Titel „100 Jahre Kommunismus – Geschichte und Folgen“ bekamen Schüler aus Perleberg und Pritz­walk am Freitag im Stadt- und Regionalmuseum in Perleberg dazu die Gelegenheit.

Drei Zeitzeugen waren zu den unterschiedlichen Themenschwerpunkten eingeladen. Ernst-Otto Schönemann aus Berlin sprach über seine Erlebnisse bei der Zwangsaussiedlung aus seiner damaligen Heimat in Lenzen. „Meine Eltern hatten dort ein großes Geschäft. Durch Tüchtigkeit waren sie sehr erfolgreich“, berichtet der gebürtige Prignitzer. Durch den Kontakt mit den Kunden habe er und seine Familie viel Leid von den umliegenden Bauern erfahren. Man habe sich oft unterhalten, teils auch über das normale Maß hinaus. Nach der zweiten Welle der Zwangskollektivierung traf es im Jahr 1961 auch die Familie Schönemann. Früh am Morgen hat man sie in einer Nacht- und Nebelaktion ohne weitere Antworten aufgefordert, das Haus zu verlassen. „Wir kamen in die Nähe von Schwerin in ein völlig verwahrlostes neues Zuhause“, so Ernst-Otto Schönemann. Durch viele gute Kontakte gelang es ihnen, sich ein neues Zuhause aufzubauen. Er selbst begann ein Studium. Doch die alte Heimat mussten sie für immer hinter sich lassen, wodurch ihnen bestimmt einiges verwehrt blieb, was sie hätten erreichen können.

Drei Zeitzeugen sprachen über Bodenreform und ähnliche Themen

Karl-Friedrich Sauer aus Uenze, ein weiterer Zeitzeuge, berichtete über seine Erfahrungen bei der Kollektivierung des familiären Hofes im Rahmen des sogenannten „Sozialistischen Frühlings auf dem Lande“. Sein Vater war Pferdezüchter. Er selbst war als Hofnachfolge vorgesehen. Doch durch die zu hohen Umlagen konnte der Hof nicht gehalten werden. Bis heute erhielt er keinerlei Entschädigung dafür.

Manfred Graf von Schwerin erzählte von seiner Flucht als Kind aus der vorpommerschen Heimat, einer der prägendsten Adelsfamilien der deutschen Geschichte. Er berichtete über die Begleitumstände des Kriegsendes und die Umsetzung der Bodenreform mit ihren Verfolgungen und Enteignungen vor 70 Jahren. Als 12-jähriger erlebte er das Kriegsende hautnah mit. Über Nacht kamen über 6000 Flüchtlinge in sein kleines Heimatdorf, wobei viele ums Leben kamen. Die Ostwest-Verschiebung trat immer weiter in den Vordergrund, bis hin zur Bodenreform. Grundbesitzer über 100 Hektar hat man willkürlich enteignet. So auch den eigenen Betrieb der Familie von Schwerin.

Im Publikum saßen Gymnasiasten aus Perleberg und Pritzwalk

Die Bodenreform der Sowjetische Besatzungszone hat der damalige Vorsitzende der KPD Wilhelm Pieck am 2. September 1945 verkündet. Ein Denkmal für die Bodenreform, ein Kreuz für deren Opfer und ein Gedenkstein für die Opfer der Kollektivierung erinnern heute in Kyritz, wie vergleichbar in keiner anderen Stadt, an die dramatischen Einbrüche der Jahre 1945 und 1960 in die vielhundertjährige Prignitzer Landwirtschaftsgeschichte.

Seit 1992 setzt sich Manfred Graf von Schwerin in einer Aktionsgemeinschaft für einen Ausgleich und Entschädigungen ein. „Nach 25 Jahren sind wir längst noch nicht so weit wie der Westen es nach vier Jahren war“, sagt der Zeitzeuge. „Andere politische Konstellationen bringen vielleicht auch andere Möglichkeiten. Wie wollen wir vorankommen, wenn wir uns der Vergangenheit nicht stellen?“

Noch heute kämpfen viele Opfer um Ausgleich und Entschädigungen

Sicherlich sehr spannend und lehrreich war die Veranstaltung für die mit im Publikum sitzenden Schüler des elften und zwölften Jahrgangs des Gottfried-Arnold-Gymnasiums aus Perleberg und der zehnten Klasse des Johann-Wolfgang-von-Goethe-Gymnasiums aus Pritzwalk. „Das war mal was Neues“, betont Leonard Krassin vom Perleberger Gymnasium. „Die Geschichte wurde lebhaft erzählt und nicht trocken aus irgendeinem Buch vorgelesen“, ergänzt Klassenkamerad Daniel Poehl. Beide gehen in den Geschichtskurs auf erhöhten Anforderungsniveau. Gerade wird dieses Thema im Unterricht behandelt. Da bot es sich gut an, Fragen loszuwerden, wobei sich „wohl erst im Nachhinein konkrete Fragen im Kontext bilden“, so Daniel Poehl. Im Anschluss an die Vorträge der Zeitzeugen bekamen die Schüler die Möglichkeit, umfangreiche Fragen zu stellen, um alles noch besser zu verstehen. Auch andere interessierte Bürger waren zu der kostenlosen Veranstaltung eingeladen.

Das besondere Treffen mit den Zeitzeugen stand im Rahmen der Bildungsveranstaltungen im Sonderprogramm der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und wurde unterstützt von der Fördergemeinschaft Recht und Eigentum und dem Förderkreis Prignitzer Museen. Vor dem Hintergrund des Sonderprogramms der Bundesstiftung „Aufarbeitung zu den Folgen totalitärer Diktaturen im 20. Jahrhundert in Europa“ fanden im vergangen Jahr erste Zeitzeugenveranstaltungen in der Region im Prinz-von-Homburg-Gymnasium in Neustadt/Dosse und im Evangelischen Gymnasium in Neuruppin statt.

Von Marcus J. Pfeiffer

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