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Prignitz Chady bringt die Welt zum Lachen
Lokales Prignitz Chady bringt die Welt zum Lachen
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08:56 04.02.2018
Chady Seubert ist die Frau, die gern lacht – und die andere zum Lachen bringt. Quelle: Fariba Nilchian
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Hasenwinkel

Es ist ein nasskalter Januartag. Der Himmel ist grau über Hasenwinkel und es regnet in Strömen. Doch Chady Seubert sieht gut gelaunt aus, während sie gleichzeitig ein Tablett und ihre Gitarre aus ihrer Haustür balanciert.

Die Kaffeeutensilien und die Gitarre müssen nur ein paar Meter weiter in die Theaterscheune getragen werden. Ein hoher Raum mit Holzbalken und Holzdecke, der trotz seiner Ausmaße gemütlich mit Teppichen ausgelegt ist. Ein großer Bullerjan-Ofen sorgt für angenehme Raumtemperatur. Die E-Gitarre knackt, als sie an die kleine Lautsprecheranlage angeschlossen wird.

Noch ein Schluck Kaffee, und Chady Seubert beginnt eine Melodie zu zupfen. Wenn man ganz genau hinschaut, sieht man, dass die Gitarre nur drei Saiten hat und die Musikerin eine merkwürdige Greiftechnik. Hören kann man den Unterschied als Laie nicht und wenn der Gesang einsetzt, geht man mit der sanftem dunklen Stimme der Sängerin auf eine Reise in ihre Welt.

Chady Seubert in ihrer Theaterscheune in Hasenwinkel. Quelle: Fariba Nilchian

Mit dem Gesang hat die Schauspielerin erst spät begonnen. „Ich dachte immer, ich kann nicht singen“, erzählt sie.

Ihr erster öffentlicher Gesangsauftritt war während einer Performance, eingeschlossen in einem Koffer, der auf einem Feld stand. Erst danach fand sie Vertrauen in ihre Stimme und wagte es außerhalb von Koffern zu singen. „Die Musik ist mein Tagebuch. Hier spiele ich nichts, hier sitze ich als Chady.“ Die poetischen Texte beschreiben ihr Leben in der Prignitz und die Dinge, mit denen sie sich beschäftigt. Die Melodien spielt sie bei neuen Stücken viele Male hintereinander, um sie sich einzuprägen. Sie schreibt sich Eselsbrücken auf, Noten zu schreiben, hat sie nicht gelernt.

Chady Seubert ist ein Multitalent. Sie gibt Schauspielkurse für Erwachsene und Kinder, hat Engagements als Sängerin, sie veranstaltet Theaterworkshops zu Konfliktbewältigung – vor allem aber spielt, singt und arbeitet sie mit Daniela Dörfel zusammen.

Die beiden Frauen schmeißen seit fünf Jahren gemeinsam den gesamten Betrieb des Vogelfrei-Theaters. Sie schreiben die Stücke, komponieren die Lieder, stellen die Ausstattung zusammen, kümmern sich um die Garderobe, erledigen den Bühnenaufbau und spielen die Rollen.

In der Prignitz sind sie vor allem durch ihre aufmüpfigen Großmutterfiguren Ilse und Margarethe immer bekannter geworden, aber auch die alljährliche Silvesteraufführung von „Christels 90. Geburtstag“ ist mittlerweile eine Institution.

Die beiden Frauen haben auch politische Stücke in ihrem Repertoire. Zum Beispiel das „Hundertfünfundsiebziger Protokoll“, das sich mit Homophonie auseinandersetzt, oder ihre glatzköpfige Figur Nobody, die auf provokante Weise politische Themen und menschliche Phänomene aufgreift.

„Es ist ein großes Glück, wenn man jemanden gefunden hat, der einen versteht, ohne viel zu reden“ erzählt Chady Seubert von der Beziehung zu Daniela Dörfel. „Ich stelle immer wieder die Warum-Frage, aber sie hält mich trotzdem aus“, sagt sie und lächelt.

Inzwischen schon kult: Silvester führen Chady Seubert als Horst (l.) und Daniela Dörfel als Christel „Christels 90. Geburtstag“ auf – eine Adaption des Klassikers „Diner for One“. Quelle: Bernd Atzenroth

Auch in ihren Stücken ergänzen sich die beiden großartig. Daniela Dörfel hat eine weibliche Stimme und wirkt feminin. Chady kann mit ihrer tiefen Stimme gut die männlichen Teile von Stücken übernehmen und fühlt sich auch in polterigen Rollen wohl.

Seit 20 Jahren lebt Chady Seubert mit ihrem Mann Jason und der gemeinsamen Tochter Nikita auf dem Hof in Hasenwinkel. In Berlin wurde es in den 1990er Jahren eng, bezahlbare Probenräume waren Mangelware.

Die Prignitz hingegen bot viel Platz und neue Möglichkeiten. Die Weite der Landschaft, die Höfe und Gemäuer. Als die Großmutter der jungen Künstlerin ein Erbe „für etwas Solides“ hinterließ, ergriff Chady Seubert die Gelegenheit und kaufte den Hof in Hasenwinkel.

Mit der Geburt ihrer Tochter ist die Familie 1998 ganz aufs Land gezogen. Seitdem ist der Hof nicht nur ihr Zuhause – die Scheune dient auch als Probenraum und Bühne, als Raum für Seminare alle Art, er wird an Gruppen vergeben und für die Kung-Fu-Kurse ihres Mannes genutzt. Ein Ort, der Gemeinschaft möglich macht.

„Ich hatte schon immer ein Faible fürs Lachen.“ Chady Seubert lacht viel, auch über sich selbst. Dieser selbstironische Zug macht sie so sympathisch und er ist bezeichnend für die Rolle ihres Lebens – den Clown, oder besser die Clownin. Anarchisch wie ein Clown scheint die 52-Jährige auch durch ihr Leben zu gehen. Gesellschaftliche Normen wie Karriere, Sicherheit und Status interessieren sie wenig – wohl aber ein sinnvoller Platz in der Gesellschaft. Ein Platz, an dem sie sich mit ihren Kompetenzen einbringen kann.

Chady Seubert (r.) und Daniela Dörfel alias Ilse und Margarete. Quelle: Jens Wegner

Als junge Mutter hat sie einige Jahre ihres Lebens darauf verwendet, die freie Schule in Baek mit aufzubauen. Das Einkommen der Familie hat damals ihr Mannes bestritten. Seit dieser Zeit ist sie auch in der brandenburgweiten „Arbeitsgemeinschaft für gewaltfreie Erziehung“ aktiv.

In Perleberg ist die Schauspielerin Teil einer integrativen Theatergruppe. Behinderte und Nicht-Behinderte Menschen erarbeiten mit den Mitteln des Theaters Konfliktlösungen. „Da verdient keiner Geld, es ist einfach sehr spannend.“

Immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen

Die quirlige Frau sucht weiter nach neuen Herausforderungen, sie nimmt Seminare, bildet sich fort und gelegentlich gönnt sie sich auch Pausen, um die Warum-Fragen aufs Neue abzuklären. „Ich habe einen Beruf der mich glücklich macht, aber das Kräfte-Einteilen musste ich erst noch lernen“, sagt sie nachdenklich.

Als sechsjähriges Mädchen haben ihre Eltern sie das erste Mal ins Göttinger Stadttheater mitgenommen, zu einer Aufführung des Clowns Charlie Rivel. Ein einschneidendes Erlebnis für die Erstklässlerin, die gleich im Anschluss mit ihren ersten Selbstversuchen als Clown begann.

Sie trat verkleidet ins elterliche Wohnzimmer. Sie tat nichts, schaute in die Runde und verzog das Gesicht – die ganze Familie bog sich vor Lachen. Auch in der Schule hatte sie die Lacher als Clown auf ihrer Seite. „Ich werde Schauspielerin, das war dann völlig klar“, erzählt sie. In ihrer Jugend in Göttingen hat sie Märchentheater gespielt und war am Jugendzentrum in verschiedenen Theatergruppen aktiv. Die Ballettausbildung hatte sie bereits mit vier Jahren begonnen und das Tanzen später auch für ihr Schauspiel genutzt.

Nach der Schule ging es an freie Theater

Nach der Schule ist die junge Frau 1984 nach West Berlin gegangen. Sie spielte in zahllosen freien Theatern und machte Performances, sie tanzte und spielte an ungewöhnlichen Orten und in schrägen Inszenierungen. „Ich wurde an den Off-Theatern hin- und hergereicht“, erinnert sie sich, „und ich wollte mich auch nicht von großen Regisseuren an großen Bühnen formen lassen“. Sie absolvierte zwei Jahre an einer Schauspielschule, aber bis heute interessiert es sie nicht, eine Rolle perfekt zu spielen. Die Prozesse beim Theaterspielen und die Selbstwahrnehmung der Menschen sind ihr wichtig. Begriffe wie „richtiges Theater“ ärgern sie. „Alles, was behauptet Theater zu sein, ist auch Theater“, sagt die weltoffene Frau und geht unbeirrt ihren eigenen Weg. Ihr Kindheitsidol Charlie Rivel hat für ihre Haltung einmal die richtigen Worten gefunden: „Jeder Mensch ist ein Clown, aber nur wenige haben den Mut, es zu zeigen.“

Von Fariba Nilchian

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