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Prignitz Chancen für Förderschüler im Arbeitsmarkt
Lokales Prignitz Chancen für Förderschüler im Arbeitsmarkt
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00:19 26.11.2017
Viola Lehmann und Anke Burghardt vom Integrationsfachdienst IFD mit Sitz in Neuruppin vermitteln Förderschüler in den ersten Arbeitsmarkt. Quelle: Beate Vogel
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Hoppenrade/Neuruppin

Tobias interessiert sich schon lange für die Landwirtschaft: „Wir haben privat auch Tiere“, erzählt er. Deshalb macht ihm sein Job Spaß: Er arbeitet in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Pritzwalker Ortsteil Buchholz. „Ich muss Kühe füttern, ausmisten und Geräte reparieren.“ Zurzeit werden die Arbeitsgeräte winterfest gemacht. Es ist eine vielseitige Arbeit, die der 20-Jährige erledigt. Das Besondere: Tobias kommt von der Christophorus-Förderschule des Christlichen Jugenddorfwerkes (CJD) in Hoppenrade.

Dabei haben gerade ehemalige Förderschüler ganz spezielle Qualitäten, an die andere kaum herankommen, weiß Schulleiter Ulrich Resch. Sie seien sicher nur begrenzt einsetzbar, aber wenn sie eine Arbeit haben, die ihren Neigungen entspricht, seien sie extrem zuverlässig. Eben diese Neigungen versucht das Lehrer- und Betreuerteam der Förderschule Hoppenrade schon früh herauszufiltern. „Zum Beispiel in unserer Arbeitsgemeinschaft Kochen.“ Niklas etwa lernt in der AG, aus der laut Resch später vielleicht eine Schülerfirma werden könnte, wie man perfekte Kanapees herstellt. Das Ergebnis kann mit Profi-Caterern mithalten: Lachs, Edelsalami und Camembert kräuseln sich auf den kleinen Schnittchen, daneben Blätterteigteilchen und Sahnedesserts mit Beeren.

Niklas lernt in der Arbeitsgemeinschaft Kochen der CJD-Förderschule Hoppenrade unter anderem, wie man perfekte Kanapees herstellt. Quelle: Beate Vogel

Das Interesse an seinen Schulabgängern sei da, vielleicht auch, weil es nicht überall genug Bewerber gibt, sagt der Schulleiter. Eine Schülerin fragte einmal, ob sie beim Friseur ein Praktikum machen könne. Erst wollte er nicht so recht, erzählte Resch. Der Betrieb aber war hoch zufrieden. Vergangenes Jahr habe die Förderschule einen jungen Mann für ein Praktikum in einem Pritz­walker Autohaus vorgestellt. An dem Tag bewarben sich auch zwei Gymnasiasten. Nach zwei Stunden rief der Werkstattleiter an und informierte darüber, dass er die beiden anderen wegschicken musste. „Die konnten schon alles.“ Die Firma entschied sich für den Schüler aus Hoppenrade als Praktikanten.

Selbstbestimmtes Leben ermöglichen

„Man muss mutig sein, den Kindern vertrauen und ihnen etwas zutrauen“, sagt Resch. Dazu passt, dass jedes Jahr elf besonders gute Schüler mit in den Skiurlaub fahren dürfen. „Auch Tobias war schon sechs, sieben Mal dabei“, so der Schulleiter. Sicher sei ein Großteil der Schulabgänger in den Behindertenwerkstätten richtig, räumt Resch ein. „Aber wenn wir Schüler haben, die besondere Fähigkeiten und Fertigkeiten haben, sollten diese auch danach eingesetzt werden.“ Das Ziel aller Beteiligten: Den jungen Menschen auch mit geistiger Behinderung ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Tiergestützte Therapie und Smartboards

An der Förderschule des Christlichen Jugenddorfwerkes Berlin-Brandenburg (CJD) in Hoppenrade werde derzeit 89 Kinder und Jugendliche in elf Klassen unterrichtet. Die Nachfrage nach Plätzen an der Ganztagsschule ist höher, die Kapazität aber momentan ausgeschöpft.

Zu den besonderen Angeboten der CJD Christophorusschule gehören unter anderem die tiergestützte Therapie mit Pferden und Hunden, Theaterprojekte, Sprachförderung, Musik- und Ergotherapie sowie Moto- und Physiotherapie. Die Kinder arbeiten im Unterricht mit Smartboards und können sich in Arbeitsgemeinschaften entfalten. Motto: „Traut euch was, traut den Kindern etwas zu.“

Laut Schulleiter Ulrich Resch gab es in Brandenburg kurz nach der Wende rund 50 Schulen für geistig Behinderte in Brandenburg, aktuell sind es rund 40.

„Von zwölf Abgängern haben wir zwei in den ersten Arbeitsmarkt integriert“, berichtet der Einrichtungsleiter. Das sei ein sehr hoher Schnitt. Er bemüht sich mit seinem Team und vielen Verbündeten, alte Strukturen aufzubrechen. Auch dem Prignitzer Landrat Torsten Uhe ist das Thema ein Anliegen. Gerade erst besuchte er mit Resch eine Konferenz zum Thema Inklusion. „Wir wollen endlich den Automatismus abbauen, dass sich die Schüler der Geistig-Behinderten-Schulen zu fast 100 Prozent in den Behindertenwerkstätten wieder finden.“

Förderschullehrer Matthias Jesse koordiniert den Bereich der unterstützenden Beschäftigung. Er vermittelt zwischen Schülern, Lehrern und dem Integrationsfachdienst (IFD), hält Kontakte zu den Betrieben und weiß, welche Unterlagen wann gebraucht werden. Oft genug muss er auch den Arbeitsweg organisieren. „Wir haben jetzt eine 17-Jährige, die macht ein Praktikum in einem Hotel in Wittstock“, erzählt er. Andere Schüler haben Praktika in einer Kita, in der Tierauffangstation in Viesecke oder in einer Autowerkstatt absolviert. Die Arbeitgeber scheinen zufrieden. „Tobias ist unheimlich fleißig“, weiß Jesse. „Damit können sie punkten.“

Unzählige Gespräche mit Schülern

Drei Jahre lang werden die Förderschüler vom IFD, der im Auftrag des Landesintegrationsamtes arbeitet, intensiv auf eine mögliche Integration in den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet. Die Beraterinnen Viola Lehmann und Anke Burghardt sind von Anfang an involviert. Sie sind zuständig für den Arbeitsamtsbezirk Neuruppin. „Vertieftes Berufsorientierungsverfahren im Übergang von Schule und Beruf“ heißt das Modellprojekt, das 2009 startete. „Wir sind an das Diakonische Werk Ostprignitz-Ruppin angegliedert“, erklärt Lehmann. Die Beraterinnen führen unzählige Gespräche mit den Schülern, den Eltern, der Schule, den Firmen und der Arbeitsagentur. „Wir müssen die Schüler kennenlernen“, sagt Lehmann.

Für Tobias war der Weg in den ersten Arbeitsmarkt wohl der richtige: „Wenn das mit dem Job nicht geklappt hätte, hätte ich was anderes probiert“, sagt er.

Von Beate Vogel

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