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Prignitz DDR-Geschichtsmuseum wird zehn Jahre alt
Lokales Prignitz DDR-Geschichtsmuseum wird zehn Jahre alt
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00:16 04.10.2016
Gisela und Hans-Peter Freimark mit der Fahne „Schwerter zu Pflugscharen“. Quelle: Michael Beeskow
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Perleberg

„Das war nicht vorauszusehen.“ Vor zehn Jahren eröffneten Gisela und Hans-Peter Freimark das DDR-Geschichtsmuseum in einem schmucklosen Grauputzgebäude an der Feldstraße in Perleberg, und sie wussten nicht, was auf sie zukommen würde. „Mit 40 000 Besuchern in diesen zehn Jahren haben wir nicht gerechnet“, sagt der ehemalige Pfarrer. „Dafür sind wir sehr dankbar.“

Gisela Freimark erinnert sich, wie sie mit ihrem Mann überlegte, wie die Ausstellung heißen sollte. „Wir haben uns für Museum entschieden, weil uns nichts Geeigneteres einfiel.“ Ein herkömmliches Museum mit Objekten und Objektbeschreibung haben sie nicht geschaffen. Sie dokumentieren. Beide haben Dinge zusammengestellt, die die DDR ausmachten. Der Besucher kann ihnen gegenüber treten und Erinnerungen aufrufen, an die Fahnen der Kampfgruppe, an Uniformen, an Aufmärsche, an die Schriften über die Parteitage, die Lehrbücher über den historischen und dialektischen Materialismus. Man kann die DDR aber auch riechen: Putz- und Waschmittel wie Ata und Spee.

Ganz so voll waren die Regale in HO und Konsum nicht. Quelle: Michael Beeskow

Nach und nach haben sie 30 Räume gestaltet. In jedem wird ein Thema behandelt: ein Kinderzimmer, ein Schlafzimmer, doppelstöckige Waggons der Deutschen Reichsbahn fahren auf einer Modelleisenbahn, Trabant und Wartburg stehen in einem dieser Räume. An der Wand hängt eine Übersicht mit den Bestellzeiten im Autohaus Kyritz vom November 1989. Man staunt über die vielen Typen, die man bestellen konnte, nicht nur Wartburg und Trabant, sondern auch verschiedene Ladas und Skodas. Für die Limousine Trabant wurde die Bestellung vom 30. November 1975 abgearbeitet. Am längsten musste man auf einen Moskwitsch warten. Hier kamen Anträge vom 15. Juli 1971 zur Auslieferung.

„Wir machen das aus der Kompetenz der Betroffenheit“, erklärt Gisela Freimark. „Nicht um ein Museum einzurichten.“ So befinden sich in den Räumen auch persönliche Dinge des Pfarrerehepaares, das über Jahre in Neustadt (Dosse) lebte. Die aus einem Betttuch gefertigte Fahne „Schwerter zu Pflugscharen“ wehte zu bestimmten Anlässen oben am Neustädter Kirchturm. Nachts, im Schutze der Dunkelheit, brachte Hans-Peter Freimark sie am Turm an.

Protest in Neustadt gegen Atomkriegsübung

Zu sehen ist auch ein Sarg, den Hans-Peter Freimark nach der Wende aus dem Depot der Staatssicherheit zurückbekam. 1983 wollte das Ehepaar mit ihm aus Protest gegen die Atomkriegsübung durch Neustadt ziehen. Doch noch bevor sie den Kirchhof verlassen konnten, wurden sie von Sicherheitskräften mit Nebelgranaten beschossen. Sie wurden zu einer Ordnungsstrafe von 100,75 Mark verurteilt, weil sie angeblich den öffentlichen Verkehr behindert hatten, obwohl sie nicht mal bis auf die Straße gekommen waren. Bezahlt haben sie allerdings nicht.

Der Sarg als Protest gegen die Atomkriegsübung 1983. Quelle: Michael Beeskow

Warum er auf Distanz zum System der DDR gegangen ist, erklärt Hans-Peter Freimark: „Die Lügen haben mich erschüttert. Dabei wollten wir der bessere Staat sein.“

Nicht alle sind begeistert vom DDR-Geschichtsmuseum in Perleberg. Bis heute gibt es anonyme Briefe, auf denen auch mal Kreuze gemalt sind. Es gibt auch die empörten Besucher. „Uns müssen Sie nichts erzählen“, wurde Gisela Freimark schon angeherrscht. „Wir sind stolz auf die DDR.“ Dieser Stolz bekommt dann jedoch Kratzer, wenn die Besucher im Originalton das Kampfgeschrei Karl-Eduard von Schnitzlers im Schwarzen Kanal hören. Zu sehen sind DDR-Kurzfilme über das Leben in der Republik, etwa der flammende Aufruf an die FDJler, Kampfreserve der SED zu sein. „Das geloben wir“, hallte es wie aus einem Mund zur Antwort.

Die Staatssicherheit verfügte über moderne Technik zur Bespitzelung der Bürger. Mit diesem Gerät wurden Briefe durchleuchtet. Quelle: Michael Beeskow

Die zehn Jahre sind schnell vergangen. „Wir haben so viel erlebt“, sagt Gisela Freimark. Auch Erschütterndes. Es war schon dunkel und sie wollte abschließen. Da stieß sie auf einen Besucher, der unfähig war zu gehen. Er war als junger Offizier überzeugt gewesen von der DDR als Friedensstaat, bis er in einer nicht öffentlichen Runde Armeegeneral Heinz Hoffmann hörte, der die Planung für einen Angriffskrieg auf die BRD vorstellte. Später landete er in einer Gefängniszelle, deren Boden mit Mehl bestreut war. Er hielt in der Hand eine Schale mit Wasser, was nicht trinkbar war. Das Trinkwasser stand in einer Ecke des Raumes. Aber er durfte sich nicht bewegen und nichts verschütten. Deshalb das Mehl auf dem Fußboden.

Oft hat Hans-Peter Freimark von Besuchern den Satz gehört: „Das haben wir nicht gewusst.“ Damit man es wissen kann, wenn man es denn will, gibt es regelmäßige Themenabende. Seit 2009 sind es mehr als 50. Ein anderer Satz lautet: „Wir waren doch auch glücklich in der DDR.“ Hans-Peter Freimark sagt dazu: „Es wäre ja schlimm, wenn dies nicht so gewesen wäre. Aber das Persönliche ist doch nicht mit dem politischen System gleichzusetzen.“

Auf einer Modellbahn verkehren auch Doppelstockwagen der Reichsbahn. Quelle: Michael Beeskow

Gisela (69) und Hans-Peter Freimark (71) haben noch viel vor. „Wir haben Pläne für 30 Jahre.“ Die Kraft dazu gibt ihnen die Unterstützung, die sie erfahren, auch durch ehrenamtliche Helfer. Vor wenigen Wochen wurden beide mit dem Roten-Adler-Orden, der höchsten Auszeichnung Brandenburgs, geehrt. Ministerpräsident Dietmar Woidke versicherte ihnen, er werde eine Lösung finden zur Fortführung des DDR-Geschichtsmuseums, falls Gisela und Hans-Peter Freimark dies einmal nicht mehr können.

Das Museum lädt am Montag, 3. Oktober, von 11 bis 17 Uhr zu einem langen Tag ein. Alle 30 Räume sind geöffnet. Ein kleiner Imbiss mit Kaffee und Kuchen und auch einer Bockwurst ist möglich.

Von Michael Beeskow

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