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Dem Handwerk geht der Nachwuchs aus

Azubimangel in Prignitz und Ruppin Dem Handwerk geht der Nachwuchs aus

Dutzende Handwerkslehrstellen blieben in den vergangenen Jahren in der Prignitz und im Ruppiner Land unbesetzt. Viele Betriebe sind ratlos, wie sie junge Leute für ihre Berufe begeistern können – andere haben bereits resigniert. In den zumeist kleinen Familienunternehmen sind oft die eigenen Kinder die einzige Chance, dass die Traditionsbetriebe fortbestehen können.

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Lutz Eisermann aus Putlitz ist einer der letzten Schmiede in der Prignitz. Wer nach ihm die Schmiede übernehmen wird, ist unklar.

Quelle: Christian Bark

Wittstock. Er ist einer der letzten seiner Art in der Prignitz – der Schmied Lutz Eisermann aus Putlitz hatte vor 18 Jahren den über 150 Jahre alten Familienbetrieb von seinem Vater übernommen. Damals war auch der letzte Lehrling in der Schmiede, danach keiner mehr. „Das möchte ich auch ehrlich gesagt keinem zumuten“, sagt Eisermann. Denn es sei ein echter Knochenjob. Allein das schrecke junge Leute heute wahrscheinlich ab, eine Ausbildung in der Metallbaubranche absolvieren zu wollen. Abgesehen davon, dass der Schmied seit Jahren keine Bewerbungen mehr hatte, könne er sich als Ein-Mann-Betrieb auch rein zeitlich nicht um einen Azubi kümmern. „Ich bin viel unterwegs“, berichtet er. Ohnehin habe er mit seinen letzten Praktikanten kaum gute Erfahrungen gemacht.

„Die sind alle nicht mehr belastbar“, moniert er. Ursachen dafür vermutet Eisermann im Schulsystem und im Elternhaus. „Bei mir ist nicht viel Zeit für endlose Diskussionen.“ Dass es für seinen Betrieb womöglich keinen Nachfolger geben wird, damit hat sich der Schmied bereits abgefunden. Leid tue es ihm aber für seine Kollegen. Seit fünf Jahren gebe es nämlich keine Lehrlingsprüfungskommission mehr in der Prignitzer Innung. Der habe er selbst zehn Jahre angehört. „Das hat eigentlich Spaß gemacht, aber wenn uns die Lehrlinge ausgehen“, zuckt Eisermann mit den Schultern.

 Klempner Rüdiger Kurtz aus Pritzwalk hatte die letzten vier Jahre keine Azubi-Bewerber mehr

Klempner Rüdiger Kurtz aus Pritzwalk hatte die letzten vier Jahre keine Azubi-Bewerber mehr.

Quelle: Christian Bark

Ähnliche Klagelieder singen dem Schmied zufolge auch dessen Kollegen aus anderen Gewerken. Glaser, Tischler oder die Heizungs-Sanitär-Branche. In der arbeitet der Pritzwalker Klempner Rüdiger Kurtz. Auch bei ihm sei der letzte Geselle vor zehn Jahren vom Hof gegangen, seit vier Jahren erhalte er keine Bewerbungen mehr. Kurtz ist zudem Mitglied im Ausschuss für die Lehrlingsprüfungen, dem Vertreter aus dem gesamten Handwerkskammerbezirk angehören. „Die Innung Prignitz allein bekommt nicht genug Lehrlinge für einen eigenen Ausschuss zusammen“, erklärt der 57-Jährige. Und auch jetzt sei die Zahl der Prüflinge eher überschaubar. „In den 90ern wurde noch über Bedarf ausgebildet“, erinnert sich der Klempner. Die Zeiten seien lange vorbei.

Höhere Lehrlingsgehälter sollen mehr Anreize schaffen

Neben flexiblen Arbeitszeiten, körperlicher Belastung und den in seinem Beruf immer komplexer werdenden Anforderungen sieht Kurtz eine Ursache für das Desinteresse auch in den bislang zu niedrigen Lehrlingsgehältern. Die sollen aber demnächst kräftig angehoben werden, kündigt der Klempnermeister an.

Offene Lehrstellen im Kammerbezirk Potsdam

559 freie Lehrstellen in 62 verschiedenen Ausbildungsberufen, darunter 37 in Ostprignitz-Ruppin und 39 in der Prignitz, verzeichnet die Handwerkskammer Potsdam derzeit.

Jeweils zwölf Ausbildungsplätze bieten in beiden Kreisen das Elektronik- und Friseurhandwerk. Sieben Lehrstellen sind bei den Metallbauern, jeweils sechs bei den Dachdeckern und den Hochbauern sowie fünf bei den Anlagenmechanikern für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik nicht besetzt.

433 Lehrstellen konnten im Ausbildungsjahr 2015/16 im Kammerbezirk Potsdam nicht besetzt werden. Landesweit waren es 825. In diesem Jahr konnten in Ostprignitz-Ruppin bisher 16 und in der Prignitz acht Ausbildungsverträge neu abgeschlossen werden.

Höhere Lehrlingsgehälter sind auch im Interesse von Fleischermeisterin Uta Lüdecke aus Wittstock. Zumindest ab dem zweiten Lehrjahr müsste es ihrer Ansicht nach mehr Geld für Azubis geben. Sorgen um das Fortbestehen ihrer in der fünften Generation betriebenen Familienfleischerei muss sich Lüdecke aber wohl nicht machen. Seit Januar ist Tochter Laura Quooß als Lehrling an Bord. Weil in Wittstock Not am Mann war, wechselte die 19-Jährige von einer Fleischerei in Neuruppin zurück in die Heimat.

 Laura Quooß (r) aus Wittstock macht Fleischerlehre im elterlichen Betrieb bei Mutter Uta Lüdecke

Laura Quooß (r.) aus Wittstock macht Fleischerlehre im elterlichen Betrieb bei Mutter Uta Lüdecke.

Quelle: Christian Bark

„Erst war es schon komisch, plötzlich hier zu arbeiten“, sagt sie. Aber mittlerweile mache es großen Spaß. Den muss man Laura zufolge auch an der Arbeit haben, sonst sei die Ausbildung umsonst. Ein Job für Schwächlinge sei das Fleischerwesen schon gar nicht, wenn man bis zu 60 Kilo schwere Rinderkeulen tragen müsse. Auf der anderen Seite erlaube der Beruf gerade Einsteigern Unmengen an Ausprobiermöglichkeiten. So habe sie zum Beispiel eine „Gute-Laune-Wurst“ kreiert die super bei den Kunden ankomme. Und das sei für die 19-Jährige, die kurz vor ihrer Gesellenprüfung steht, eine besonders große Motivation, weiter in dem Beruf tätig zu sein.

Der wachsende Mangel an Lehrstellenbewerbern macht auch der Handwerkskammer Potsdam zu schaffen. „Folgen des Bewerbermangels an Ausbildung sind fehlende Fachkräfte und dann damit lange Wartezeiten für Kunden, die handwerkliche Dienstleistungen nachfragen, sowie wirtschaftliche Probleme für die Betriebe und das Handwerk“, warnt Eva Gatzky von der Handwerkskammer. Mit einer bundesweiten Imagekampagne, Präsentationen auf Messen, auch in Berlin, sowie mit Praktikumsangeboten für Schüler versuche die Kammer aber, dem Problem gezielt begegnen zu können.

Von Christian Bark

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