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Den Hebammen fehlt der Nachwuchs

Perleberg/Pritzwalk Den Hebammen fehlt der Nachwuchs

In den Kreißsälen der Region herrscht Fachkräftemangel: Wenn eine Stelle frei wird, ist sie nicht so leicht wieder zu besetzen. Das Kreiskankenhaus Prignitz bildet jetzt drei junge Frauen in dem Beruf aus, die ihren Theorieteil an der neuen Hebammenschule in Eberswalde machen.

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Die Leitende Hebamme am Kreiskrankenhaus Prignitz, Patricia Krause, liebt ihren Beruf. Wer kann es ihr beim Anblick eines Neugeborenen verdenken.

Quelle: Beate Vogel

Perleberg/Pritzwalk. Nicht nur in Brandenburg werden die Hebammen knapp. Zum einen ist der Beruf – wenn auch wohl einer der schönsten der Welt – sehr anstrengend, und immer weniger Menschen lassen sich darin ausbilden. Es fehlt schlicht an Nachwuchs. Zum anderen machen es extrem hohe Haftpflichtversicherungen für selbstständige Hebammen schwer, diese zu finanzieren. Es wird eng – auch in den Kreißsälen.

„Das ist auch bei uns so“, bestätigt Karsten Krüger, Geschäftsführer des Kreiskrankenhauses Prignitz (KKH) in Perleberg. „Ich denke, dass es auch da einen Fachkräftemangel gibt.“ Krüger bestätigt, dass es sehr schwierig ist, Stellen wieder zu besetzen, die vakant geworden sind: „Das dauert sehr, sehr lange.“ Für die Kolleginnen bedeutet das vorübergehend eine besonders hohe Belastung.

Praktikum im Krankenhaus

Sieben Hebammen sind – teils in Teilzeit – im Bereich Geburtshilfe des KKH beschäftigt. Ab 1. November sollen drei Auszubildende starten, um später vielleicht das Team zu verstärken. „Wir haben vor allem auf Bewerber aus der Region gesetzt“, erklärt die Leitende Hebamme Patricia Krause. Sie würden dem Team vielleicht eher erhalten bleiben. Ausgebildet werden sie in der Theorie in der neuen Ausbildungsstätte in Eberswalde. Von den 15 Plätzen im ersten Durchgang habe sich die Prignitz drei gesichert, so Geschäftsführer Krüger. Ihr Praktikum absolvieren die jungen Leute in Kliniken – etwa dem KKH in Perleberg – und bei niedergelassenen Hebammen.

Für Hebammen gibt es verschiedene Beschäftigungsmodelle: Manche Kliniken arbeiten mit Hebammenvereinen zusammen, andere nutzen das Beleghebammenmodell, bei dem freie Hebammen die Frauen durch die Schwangerschaft und auch während der Entbindung im Kreißsaal begleiten. „Das hatten wir damals auch in Pritzwalk, als es dort noch die Geburtshilfe gab“, so Krüger. Allerdings sei die Frage der Haftpflicht hier ein Problem gewesen. Das Modell in Perleberg sieht ausschließlich die Festanstellung der Hebammen vor. „Mit unbefristeten Arbeitsverträgen“, betont Patricia Krause. Die werdenden Mütter nutzen dabei freie Hebammen etwa für die Geburtsvorbereitung oder später auch im Wochenbett. In die Klinik kommen diese dann aber nicht mit. Die Geburt wird von den Hebammen der Geburtsstation übernommen.

Trotz aller Widrigkeiten

Patricia Krause, die lange in Hamburg als ehemalige Hausgeburtshebamme gearbeitet hat, findet es schade, dass der Beruf womöglich ausstirbt. „Es wird immer Hebammen geben, die sagen, ich mache das trotz aller Widrigkeiten. Aber es werden immer weniger.“ Als sie damals mit einer Kollegin zu zweit Hausgeburten begleitet habe, habe es noch 20 Hebammen in Hamburg gegeben. „Heute sind es noch sieben.“

Karsten Krüger stellt sich ganz klar auf die Seite der Hebammen: „Die Versicherungsfrage muss ein Teil des Versorgungsauftrages werden, vielleicht über einen Fond. Da sind die Politik und die Gesellschaft gefragt.“ Die Gesellschaft trage ja auch das Risiko für Raucher. Dass die Hebammen die Geburt begleiten, regelt übrigens immer noch die Reichsversicherungsordnung aus dem Jahr 1913. Fakt sei, so der Geschäftsführer, dass auch das Vorhalten einer kleinen Entbindungsstation nicht ausfinanziert ist.

Neue Hebammenschule in Eberswalde

Im Jahr 2015 gab es im Kreiskrankenhaus Prignitz 303 Geburten – wobei Zwillinge als eine Geburt gezählt werden. 2016 wurden 375 Entbindungen gezählt. In diesem Jahr brachten bisher 280 Frauen ihre Kinder in Perleberg zu Welt. So viel waren es vergangenes Jahr erst einen Monat später.

Die Entbindungsstation in Perleberg hat 14 Betten. Die nächsten Krankenhäuser mit einer Geburtshilfe sind in Neuruppin, Parchim, Schwerin, Stendal und Salzwedel.

Zur Welt kommen in Perleberg Babys meist ab der 32. Schwangerschaftswoche. Bei Komplikationen arbeitet die Klinik vor allem mit Schwerin zusammen, das in 55 Minuten erreichbar ist.

Mit einer neuen Hebammenschule in Eberswalde (Barnim) will das Land Brandenburg dem Fachkräftemangel begegnen. Am 1. November startet der Schulbetrieb. Dieses Jahr sollen dort 15 Auszubildende und in den beiden darauf­fol­gen­den Jahren nochmals jeweils so viele ihre Berufsausbildung beginnen. Bislang wurden nur in Cottbus Hebammen ausgebildet.

Den Dienst auf der Geburtsstation mit 14 Betten haben die Hebammen normalerweise allein, erklärt Patricia Krause. „Drei Schichten bekommen wir nicht hin“, sagt die Leitende Hebamme. Nach der Schicht auf der Station folgt jeweils eine Rufbereitschaft. Eine Hebamme ist also immer für die Mütter da. „Wir arbeiten, wenn es mal ganz eng ist, mit den Gynäkologen zusammen, die helfen.“ Das klappe sehr gut.

Die Gebärenden können sich zwischen „normalen“ Betten, der Geburtswanne oder Gebärbetten entscheiden. Das Gebärbett lässt sich mit einem Handgriff in einen Gebärhocker umwandeln. Patricia Krause hält mehr von der Geburt in der Senkrechten, denn da helfe die Schwerkraft: „Die liegende Position ist nach dem Kopfstand mit die ungünstigste Position bei der Geburt.“ Die Station sei zwar klein, aber dafür familiär, findet Patricia Krause. „Es ist eines unserer Ziele, dass die Paare gern an die Geburt zurückdenken, weil sie so schön war.“

In Pritzwalk gibt es eine Gemeinschaftspraxis

„In Pritzwalk ist die Situation nicht ganz so eng, weil wir noch zu dritt sind“, erzählt Kerstin Käpernick. Sie betreibt gemeinsam mit ihren Kolleginnen Ute König und Anke Krüger eine Hebammenpraxis. Aber es dauere nicht mehr lange, dann werde es auch hier so kommen wie in anderen Städten. „In zehn, 15 Jahren sieht es hier genauso aus“, fürchtet Kerstin Käpernick. Aktuell können sich die drei Kolleginnen in der Gemeinschaftspraxis gegenseitig gut vertreten. „Jede von uns bietet Kurse an, etwa Geburtsvorbereitung, Rückbildung oder die Betreuung im Wochenbett.“ Das klappe gut, auch wenn mal jemand im Urlaub ist. Ihre Kollegin Ute König werde allerdings jetzt 60 Jahre alt, Anke Krüger sei nächstes Jahr so weit.

Die Kolleginnen hätten immer mal Praktikantinnen gehabt. Ob diese sich für den Beruf entscheiden, sei aber offen.„Hebamme ist ein schöner Beruf“, ist Kerstin Käpernick überzeugt. „Er macht viel Spaß, bringt aber auch viel Verantwortung mit sich.“ Ob sich die jungen Frauen da in die Freiberuflichkeit wagen, fragt sie sich schon. Gearbeitet werde zudem in Schichten, wie bei Krankenschwestern. Kerstin Käpernick fürchtet, dass es in Zukunft schwierig wird mit dem Berufsstand.

Auch Patricia Krause hadert manchmal mit dem Beruf, sagt sie: „Vor allem, wenn ich Kolleginnen sehe, die ausgestiegen sind.“ Viele seien glücklich. „Aber ich kann mir das für mich nicht vorstellen“, sagt die Hebamme.

Von Beate Vogel

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