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Die Faszination des Grauens

Mark Benecke führte in Pritzwalk durch die Welt der bizarren Kriminalfälle Die Faszination des Grauens

Das Böse ist immer und überall – bei Mark Benecke aber manchmal auch einfach ziemlich banal. Der bekannte Kriminalbiologe wartete bei seinem Auftritt im Pritzwalker Kulturhaus mit allerlei Kuriositäten aus dem Reich des Bösen auf und sorgte damit für beste Unterhaltung.

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Mark Benecke (M.) inmitten seiner Fans beim Bad in der Menge.

Quelle: Bernd Atzenroth

Pritzwalk. Man kann jede Sache immer so oder so sehen. Vor allem beim Klären von Kriminalfällen, insbesondere der bizarren Art, ist das Offensichtliche oft der falsche Denkansatz. Mark Benecke achtet auf das Nebensächliche und demonstriert das mit einer ganz eigenen Sicht auf die Prignitzer Bahnhöfe, die er zwischen Wittenberge und Pritzwalk im Vorbeifahren fotografiert hat. „Mit dem Graffiti könnte man in Berlin nichts reißen.“ Und: „Achten Sie auf die Gardinen.“ Und dann die Erfahrung am Pritzwalker Bahnhof: „Das Ordnungsamt im Bistro. Das ist doch sehr kundenfreundlich.“ Ja, auf diese Ideen wäre Otto Normalverbraucher in Pritzwalk wohl nicht so leicht gekommen.

Das war aber nur eine kleine Einstimmung auf das, was seine Zuhörerschaft im brechend vollen Pritzwalker Kulturhaus an diesem Samstagabend noch erwarten sollte. Mark Benecke, Kriminalbiologe, freischaffender Forensiker und Spezialist für die Bestimmung von Todeszeitpunkten, konfrontierte das Publikum mit dem Unerwarteten, etwa einem Kinderbuch für Drei- bis Sechsjährige, in dem sich Maden über eine tote Maus hermachen. Oder dem Bild von einer Frau, die eher nach Teufelsanbeterin aussieht als nach einer Verkäuferin selbst gemachter veganer Seife – auf die Idee wäre wohl auch keiner gekommen.

„Glauben Sie überhaupt keinem was“, ist sein Credo. Er predigt den unvoreingenommenen Blick auf das Geschehen, denn oft genug „wollen Sie einfach nur bestätigt wissen, was Sie denken oder gelernt haben“. Als Meister des unvoreingenommenen Blicks stellt Benecke den Professor Prokop vor, der sich „völlig vorbehaltlos Fälle angeschaut und so Lösungen gefunden hat“. Nach ein paar weiteren launigen Ausführungen über Spermienköpfe, die in Seidenbettwäsche trotz regelmäßiger Handwäsche auch nach zehn Jahren noch zu finden sind, und Bahnhofsautomaten, in denen neben Würstchen und Nüssen auch Kondome und Schwangerschaftstests zu finden sind, kommt er zum eigentlichen Punkt: Besonders schräge Kriminalfälle, auf deren Lösung man wirklich nur (ver-)quer gedacht kommt. 1000 solcher Fälle hat Benecke gesammelt und dokumentiert. Den Busen-Mord zum Beispiel, ein Tötungsdelikt, das es tatsächlich gegeben hat, sich aber viele nicht zu erklären wussten. RTL Explosiv versuchte den Fall mit Fachkräften aus den vielen Kölner Bordellen ohne großen Erkenntnisgewinn nachzustellen, Benecke war dabei natürlich etwas erfolgreicher. Schön illustriert mit Lady Gagas auf der Bühne brennendem Busen – ein „Mordinstrument“, so Benecke – und anderen Preziosen kam der Kriminalbiologe der Sache nach und nach näher. Dabei machte er sich die wissenschaftlich erwiesene Tatsache zu eigen, dass alles, was sexuell wahrgenommen wird, wie etwa ein großer Busen, das Gehirn kurzzeitig ausschaltet: „Reize haben den Nachteil, dass man Dinge vergisst.“ Im vorliegenden Fall zum Beispiel, dass die Frau, die ihren Mann mit ihrem Busen umbrachte, größer und breiter war als er. Sie habe ihrem Mann einen durchaus „schönen Tod“ bereitet, findet er.

Dem Motto folgend „Geschlechtsverkehr hat gar keinen Sinn, außer Sie wollen Kinder haben“ mäanderte Benecke von einem offenbar sexuell motivierten Verbrechen zum nächsten. „Freundin ersticht Professor mit Highheels“, oder verschiedene Formen, bei denen Menschen sich selbst oder anderen den Erstickungstod beigebracht haben. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass etwa sieben Prozent nach Umfragen bereits mit solchen Praktiken experimentiert haben (und dabei mitunter per Unfall zu Tode gekommen sind) und sich ansonsten Straftaten dieser Art „zu 99 Prozent“ im Umfeld von Familie und Bekannten abspielen, „von wegen Sex-Mob und so“.

Das alles ist schaurig-schöne Unterhaltung, Benecke springt ein wenig durch seine Fälle, folgt offenbar auch der spontanen Eingebung. Bevor es dann so richtig blutig wird, gibt es eine Pause mit kleinen Gimmicks zwischendurch, etwa eklig großen Insekten von der Insel Madagaskar zum Anfassen. Das Publikum kommt selbst zum großen Meister, ein paar wenige sind wie er und seine Begleiterin schwarz gewandet, ansonsten hat man den Eindruck, ganz Pritzwalk ist hier, zumindest ein durchaus repräsentativer Querschnitt, der ganz offensichtlich der Faszination des Grauens erlegen ist, vor allem wenn es so witzig daherkommt wie bei Meister Benecke.

Von Bernd Atzenroth

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