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Die Mafia in Deutschland

Lindenberg Die Mafia in Deutschland

Deutschland hat ein größeres Mafia-Problem, als viele denken. Das erfuhren Zuhörer in Lindenberg (Gemeinde Groß Pankow) von der Mafia-Expertin Margherita Bettoni. Die Journalistin und Bloggerin gab im Gespräch mit Fritz Habekuß Einblicke in eine verborgene Welt, die nördlich der Alpen immer noch als Gefahr unterschätzt wird.

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Margherita Bettoni

Quelle: Bernd Atzenroth

Lindenberg. Fast zehn Jahre ist es her, als ein Sechsfachmord in Duisburg klarmachte, dass Deutschland ein Mafiaproblem hat. Doch hat man daraus Konsequenzen gezogen? Folgt man der Journalistin und Bloggerin Margherita Bettoni, dann wird das Mafiaproblem in Deutschland nach wie vor unterschätzt. Warum das so ist, erklärte Bettoni am Freitagabend im Gemeindehaus von Lindenberg, wo sie aus dem von ihr mitrecherchierten Buch „Die Mafia in Deutschland“ las und sich auf dem Podium zunächst eine gute Stunde lang den Fragen von Fritz Habekuß stellte. Der aus Lindenberg stammende Zeit-Redakteur hatte die Veranstaltung organisiert und gleich zu Beginn feststellen können, welch gute Resonanz das Angebot bei den Lindenbergern hatte: Es waren weit mehr Menschen gekommen als bei einer ersten Veranstaltung im Medienhaus in Hannover.

Margherita Bettoni, die aus Italien stammt und nach einem Literaturstudium die Journalistenschule in München besucht hat, beschäftigt sich seit zweieinhalb Jahren hauptberuflich mit der Mafia und bloggt regelmäßig über die Mafia. Mit dem Thema konfrontiert wurde die 1987 geborene Journalistin erstmals aber bereits zu Schulzeiten, als die Witwe des von der Mafia ermordeten Staatsanwalts Borselino zu einem Vortrag in ihr Gymnasium im Trentino gekommen war. Die norditalienische Region am Gardasee hatte damals eins mit Deutschland gemein: Die Mafia wurde als süditalienische Erscheinung wahrgenommen und nicht als eigenes Problem. Während seit der Ermordung der Staatsanwälte Borselino und Falcone vor 25 Jahren Italien immer konsequenter gegen die Mafia vorgeht, ist in Deutschland und den meisten anderen europäischen Ländern nicht einmal die Mitgliedschaft in einer Mafia-Gruppierung strafbar – was die gute Arbeit von Ermittlern zunichte machen kann und schon gemacht hat. Auch nach Duisburg hat sich die Gesetzgebung in Deutschland diesbezüglich nicht geändert, obwohl die derzeit regierende Große Koalition dies vor vier Jahren in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart hatte.

Das Publikum lauschte mit großem Interesse den Ausführungen von Margherita Bettoni (r)

Das Publikum lauschte mit großem Interesse den Ausführungen von Margherita Bettoni (r.).

Quelle: Bernd Atzenroth

Deutschland ist dabei bereits seit einem halben Jahrhundert Rückzugsraum für Mafiosi, die zunächst als Gastarbeiter in die alte Bundesrepublik kamen. Die Zahl der bekannten Mafiosi in Deutschland, die einer der fünf großen Mafiagruppen aus Italien angehören, liegt nach Bettonis Angaben bei 550, davon allein 300 von der N’Drangheta aus Kalabrien – an beide Zahlen könne man aber noch eine Null dranhängen, wenn man auch das um diesen Kern agierende Milieu hinzuzähle. Zum Vergleich: Es gibt etwa 530 Menschen in Deutschland, die als islamistische Gefährder eingestuft werden.

Doch wie Bettoni ausführte, passiert in Deutschland noch weit mehr: Die Mafia, insbesondere die N’Drangheta, deren Umsatz so groß ist wie der von McDonald’s und der Deutschen Bank zusammen, wäscht hier ihr Geld und macht Geschäfte. Allerdings ist es ihr Prinzip, unsichtbar zu bleiben und nicht in Deutschland zu morden. Der Vorfall in Duisburg passte deswegen den Oberbossen eigentlich nicht ins Konzept – es handelte sich um eine Fehde zwischen zwei Mafia-Clans, die nach der Bluttat beendet wurde. Ehre, Familie, Religion und das Gesetz des Schweigens prägen nicht nur das Mafia-Bild, sondern auch das Handeln der Mafiosi. All dies macht es auch schwer, in das Geflecht einzudringen, etwa weil Kronzeugen gegen die Mafia meist gegen die eigene Familie aussagen müssen.

Fritz Habekuß und Margherita Bettoni

Fritz Habekuß und Margherita Bettoni.

Quelle: Bernd Atzenroth

Margherita Bettoni las Passagen aus dem Buch vor, in denen es um eine Kronzeugin, die trotz Zeugenschutzprogramm immer in extremer Gefahr lebt, und einen Mafiakiller von extremer Kaltblütigkeit ging – spätestens danach war beim Publikum jeder Anflug einer Mafia-Romantisierung verflogen. Sie beschrieb die Mafia als einen Zusammenschluss von Kriminellen zum Begehen von Straftaten, der fast wie ein Unternehmen funktioniert. Die Mafia zieht es immer dahin, wo sie das Geld vermutet – auch ein Grund, weshalb sie still und heimlich in Deutschland aktiv ist. Fritz Habekuß hakte immer wieder ein und fragte nach.

Zwar liegt die Prignitz etwas ab vom Schuss – doch einfach zu vermuten, dass all das komplett an der Region vorbeigehe, wäre wohl naiv: Nach der Wende hat die N’Drangheta ihre Fühler auch nach Brandenburg ausgestreckt und in Ostberlin viele gute Immobiliengeschäfte gemacht.

Die Lindenberger hatten zum Schluss noch viele Fragen an die Autorin. Ganz zuletzt wollte ein Gast wissen, ob Margherita Bettoni nicht manchmal Angst habe. Schließlich könnten sie und ihr Team ja auch ins Visier der Mafia geraten. Ihr Chef habe sie am Anfang beruhigt, erklärte die junge Frau: „Er sagte mir, die Mafia mordet in Deutschland nicht.“

Die Journalistin las aus dem Buch „Die Mafia in Deutschland“, an dem sie mitgearbeitet hat

Die Journalistin las aus dem Buch „Die Mafia in Deutschland“, an dem sie mitgearbeitet hat.

Quelle: Bernd Atzenroth

Von Bernd Atzenroth

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