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Prignitz Die Seele bekommt keine Hornhaut
Lokales Prignitz Die Seele bekommt keine Hornhaut
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02:15 17.03.2017
Franzi (l.) steht kurz vor ihrem Schulabschluss und vor einer Ausbildung in einer Milchviehanlage sowie als Traktoristin. Mandy Birkhuhn ist ihre Bezugsbetreuerin. Quelle: Claudia Bihler
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Neu Redlin

Unverkennbar liegt der Geruch von Landluft über dem winzigen Dorf Neu Redlin. Ein paar verstreute Häuser versammeln sich kurz vor dem Schild zur Landesgrenze nach Mecklenburg – Neu Redlin ist dort, wo andere das Nirgendwo vermuten. Und doch würde Franzi, die Fast-18-Jährige mit den blau getönten Haaren, ihren Wohnsitz nicht eintauschen wollen, den sie sich vor rund zwei Jahren selbst gewählt hat: die Jugendwohngemeinschaft Rabenhorst.

Und wo andere nur über die Perspektivlosigkeit der Dorfjugend philosophieren, haben die Perspektiven für Franzi erst begonnen. Freiwillig und auf eigenen Wunsch war die junge Frau in die Wohngemeinschaft eingezogen, nachdem sie mit 15 Jahren ihr Elternhaus verlassen hatte. Erzählen will sie nicht viel darüber, nur „Hartz IV“ murmelt sie leise. Später dann, bei der Runde am Kaffeetisch bestätigt sie: „Früher kannte ich nur Stulle und Bratwurst.“

Viele müssen erst das normale Leben lernen

Mangelernährt, misshandelt, vernachlässigt – die Kinder, die in Neu Redlin ein neues Zuhause finden, stammen aus zerrütteten Familien, von überforderten Eltern, sind Opfer von Missbrauch und Gewalt. Und: Sie müssen das erst mühsam lernen, was für Kinder aus intakten Familien selbstverständlich ist. „Etwa einen vielfältigen Speiseplan“, sagt Christine Weiss, Begründerin der Einrichtung in privater Trägerschaft, „Viele wissen nicht einmal, was es alles für Lebensmittel gibt, sondern kennen nur Tiefkühlkost und Döner.“ Im Gegensatz zu Franzi bleiben die Kinder durchschnittlich 22 Monate in der Einrichtung, nachdem sie vom Jugendamt aus ihren Familien herausgeholt wurden. Und es sind die dramatischen Fälle, die in dem Prignitzer Dorf untergebracht werden – etwa die drei Geschwister, die mit bis zu sieben Lebensjahren sogar noch das Laufen lernen mussten.

Streiten und kuscheln wie in einer echten Familie

Im Rabenhorst finden sie erstmals eine Art Familie vor – inklusive der gemeinsamen Mahlzeiten am großen Tisch. Für Franzi bedeutet gerade das sehr viel: „Auch, wenn wir am Esstisch streiten, kuscheln, streiten und wieder kuscheln – so ist das eben in einer Familie.“

Die zehnköpfige Belegschaft an Erziehern und Therapeuten sieht das ähnlich, auch, wenn regelmäßig in Schichten gearbeitet wird. Franzi allerdings ist im Rabenhorst eine Ausnahme – denn sie will bis zu ihrer Ausbildung da bleiben und anschließend eine eigene Wohnung beziehen.

Nach einem Jahr sind die Kids längst nicht stabilisiert

Für die Erzieher dagegen geht es oft hart an die Nieren: „Wir bekommen neue Kinder, die sind dann ein Jahr hier und werden dann mit der Erlaubnis des Jugendamtes von ihren Familien zurückgeholt“, sagt Traumatherapeutin Stefanie Müller-Pelz. „Bis dahin haben sie viel gelernt, aber stabilisiert sind sie dann noch lange nicht.“

Theoretisch könnten die betroffenen Kinder den Wunsch äußern, im Rabenhorst zu bleiben. In der Praxis komme dies selten vor, sagt Christine Weiss. „Denn jedes Kind wünscht sich eine echte Familie – eine Familie, die sie nur höchst selten bei ihrer Rückkehr ins Elternhaus dann auch vorfinden werden.“ Oft genug erreichen Nachrichten die Wohngruppe, dass die Kinder nach kurzer Zeit wieder die alten Verhältnisse vorfanden. „Das nimmt einen dann immer sehr mit“, sagt Christine Weiss. „Die Seele, die bekommt in diesem Beruf auch nach Jahren keine Hornhaut.“

Franzi steht vor ihrem Ausbildungsbeginn

Um so mehr freuen sich die Erzieher, wenn sich dann wie Franzi ein junger Mensch entschließt zu bleiben. Nach ihrem bevorstehenden Schulabschluss will sie in die Landwirtschaft gehen, einen Ausbildungsplatz in einer Milchviehanlage hat sie schon. Und sie freut sich darauf – ein Bürojob wäre nichts für sie: „Ich muss einfach zupacken können.“

Von Claudia Bihler

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