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Die „Soda-Brücke“ von Herzsprung

Verlorene Orte Die „Soda-Brücke“ von Herzsprung

Mitten in der Herzsprunger Landschaft zwischen Wald und Weideland steht eine Autobahn-Brücke ohne Anschluss. Das Bauwerk könnte auch Denk- und Mahnmal deutscher Geschichte sein: Die Brücke sollte ursprünglich einmal ein Teil der Reichsautobahn-Trasse Berlin Hamburg werden. Die spätere Transitautobahn wurde jedoch wegen des Bombodroms anders gebaut.

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Die „Soda-Brücke“ von Herzsprung war Teil der frühen Planungen für eine Autobahn zwischen Berlin und Hamburg.

Quelle: Claudia Bihler

Herzsprung. Nach den langen Regenfällen der vergangenen Tage sind die Feldwege rund um Herzsprung völlig aufgeweicht. Weit laufen muss ein Spaziergänger allerdings ohnehin nicht, denn das Bauwerk, das da zwischen dem lichten Kiefernwald, Maisfeldern und Weideland steht, ist schon von Weitem zu sehen: die „Soda-Brücke“ von Herzsprung ist ein riesengroßes Bauwerk. Etwa 40 mal 30 Meter groß ist die Brücke, über die ursprünglich einmal die heutige Autobahn 24 verlaufen sollte.

„Soda-Brücken“ gibt es nicht nur in Deutschland, obwohl der Bundesrechnungshof mehrmals die Errichtung von Bauwerken bemängelte, die ohne Sinn in der Landschaft zurückbleiben und – daher der Name – einfach nur „so da“ stehen. In Italien sind sie oftmals als Projekte von Mafia-Geschäften bekannt, in Neuseeland gar hat sich eine Soda-Brücke zur Attraktion für Outdoor-und Action-Tourismus entwickelt.

Die Herzsprunger Brücke dagegen könnte durchaus als Denkmal für deutsch-deutsche Geschichte gelten. Ein Grund, weshalb Antje Zeiger, Leiterin der Wittstocker Museen Alte Bischofsburg, das Bauwerk als Ausflugsziel empfiehlt: „Am besten verbunden mit einem anschließenden Besuch der Museen.“

So ganz exakt bestimmen, wann die Brücke gebaut wurde und wann die Bauarbeiten abgebrochen wurden, lässt sich heute nicht. Sicher ist jedoch, dass sie während der Zeit des Nationalsozialismus gebaut wurde und zum ehemaligen „Abschnitt 20“ der Reichsautobahn 44 gehören sollte.

Die ersten Planungen für ein Netz von Kraftwagen-Straßen in Deutschland stammten allerdings schon aus den 1920er Jahren. 1921 war als erste Autobahn weltweit die Avus in Berlin eröffnet worden. Die „Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße“ war dem Autobahnverkehr vorbehalten und wurde für Autorennen wie zu Versuchen für Baumaterialien genutzt. Wären die Planungen der Weimarer Republik aus dem Jahr 1926 damals umgesetzt worden, würde die heutige A 24 vermutlich einen anderen Verlauf haben – und statt Wittstock die Prignitzer Städte Perleberg und Wittenberge tangieren.

Mit Hitlers Machtergreifung änderten sich die Planungen: Ab 1941 sollte die Autobahn zwischen Berlin und Hamburg im Wesentlichen ihren heutigen Verlauf bekommen, die Planungen waren abgeschlossen.

Teilstücke der Autobahn Hamburg-Berlin im Norden wie im Süden waren vor und während des Krieges bereits fertiggestellt worden. Am mittleren Teil durch die Prignitz und das Ruppiner Land wurde bereits gebaut, jedoch sollte die Trasse bis in die 1980er Jahre nicht mehr fertiggestellt werden. Die Brücke von Herzsprung stammt offenbar aus den frühen 1940er Jahren – kurz bevor die Bauarbeiten kriegsbedingt zum Erliegen kamen.

Nach Kriegsende wollte die DDR zwar zunächst am Autobahnbau festhalten, auch, wenn der Bau in der Region zunächst nicht weiter fortgesetzt wurde. Die Planungen für die heutige A 24 wurden zunächst wenig verändert.

Das sollte sich jedoch mit dem Mauerbau gravierend ändern: Nachdem die DDR auch den Hamburger Hafen nicht mehr nutzen wollte, sollte der Rostocker Hafen zum Überseehafen entwickelt werden. Das führte dazu, dass zunächst auch die Planungen für eine Autobahntrasse in Richtung Hamburg zugunsten der heutigen A19 von Wittstock nach Rostock aufgegeben wurden: Schließlich musste der Hafen auch verkehrstechnisch erschlossen werden.

Das Schicksal der einsamen Brücke in der Herzsprunger Landschaft wurde jedoch durch einen anderen Umstand entschieden. Die Trassenführung der 1930er Jahre sah vor, dass die Autobahn direkt an den Orten Herzsprung und Königsberg vorbeigeführt werden sollte. 1952 hatte die Rote Armee den Bombenabwurfplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide in Betrieb genommen, so dass die Trasse verändert werden sollte. In den Plänen sollte die A24-Trasse nicht etwa den Übungsplatz weiträumig umfahren und von ihm wegführen, sondern rückte näher an diesen heran.

Bei Netzeband war auf der Trasse ein Autobahn-Notlandeplatz für Flugzeuge vorgesehen. Solche Plätze waren in erster Linie für militärische Zwecke vorgesehen und hätten im Kriegsfall innerhalb von 24 Stunden aktiviert werden können. Offensichtlich sollte mit der neuen Trassenführung die direkte Zufahrt zum Bombenabwurfplatz ermöglicht werden.

Bis zur Umsetzung der Planungen in Baumaßnahmen sollten jedoch noch einige Jahre ins Land gehen.

In den 1970er Jahren baute die DDR am Teilstück zwischen Wittstock und dem Dreieck Havelland weiter und stellte den Abschnitt in Richtung Rostocker Hafen fertig. Ohne den Anschluss an Hamburg war die Autobahn für den Transitverkehr nicht zu nutzen. Die Voraussetzungen dafür mussten erst geschaffen werden. Der Transitverkehr zwischen Ost und West und zwischen Hamburg und Berlin führte über weiter Strecken jedoch noch Jahre lang über die heutige Bundesstraße 5.

1972 trat das Transitabkommen zwischen der DDR und der BRD in Kraft, das einige Jahre später erweitert wurde. Nachdem Westdeutschland 1,2 Milliarden Euro für die Fertigstellung der A24 an die DDR-Regierung überwiesen hatte, wurde wieder an der Autobahn gearbeitet. Ab 1981 rollte der Transitverkehr vom Dreieck Havelland bis Putlitz über die neue Autobahn, die im November 1982 schließlich auf voller Länge für den Verkehr freigegeben wurde.

Viele A24- Bauwerke der 1930er Jahre wurden mit der Zeit abgerissen – die fast vollständig erhaltene Soda-Brücke von Herzsprung ist eine der wenigen Ausnahmen.

Von Claudia Bihler

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