Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Ackern in Sarnow

Seit 300 Jahren an einem Fleck Ackern in Sarnow

Mit einem großen Fest fürs ganze Dorf will Familie Toppel in Sarnow ihr Jubiläum feiern. Die Bauerndynastie aus Sarnow bewirtschaftet seit 300 Jahren die gleiche Hofstelle.

Voriger Artikel
Der Freundeskreis löst sich auf
Nächster Artikel
Raser 40 km/h zu schnell

Drei Generationen auf einem Foto, Katze und Hund gehören auch dazu.

Quelle: Claudia Bihler

Sarnow. Das ganze Dorf ist von der Familie eingeladen worden, denn schließlich gibt es bei Toppels in Sarnow etwas ganz Besonderes zu feiern: Die Hofstelle der Sarnower Landwirte-Familie wird in diesem Jahr 300 Jahre alt – ihre Geschichte geht mithin bis in die Zeit der Regentschaft Friedrich des Großen zurück. Und über all die Jahre haben immer Mitglieder der Familie hier gewirtschaftet.

Der erste Toppel in Sarnow , nämlich Jürgen, stammt ursprünglich aus der Havelberger Region: Dort gibt es ein Dorf namens Toppel, und auch der erste Inhaber der Hofstelle, Jürgen Toppel, stammte von dort. Die Geschichte der Sarnower Bauerndynastie lässt sich recht gut nachvollziehen: „Schon mein Vater hat Ahnenforschung betrieben“, meint Senior Ulrich Toppel, „unter anderem lässt sich die Geschichte anhand der Kirchenbücher nachvollziehen.“ Friedrich der Große hat zu dieser Zeit regiert. „Der Schluss liegt nahe, dass sich entweder die Familie aus der Leibeigenschaft freigekauft hat oder eben auch aus dieser entlassen wurde“, meint Landwirtin Sigrun Toppel. 1715 wurde der erste Sarnower Toppel hier geboren: Das Datum, das die Familie nun als ihr Jubiläumsjahr erkoren hat. Das erste Sohn der jetzigen Landwirtschaftsfamilie trägt den Namen dieses ersten Sarnowers: Joachim. Dass es immer die gleiche Hofstelle ist, die die Familie bewirtschaftet, ist ungewöhnlich – Dörfer verfielen, brannten ab oder wurden aus anderen Gründen verlegt. Irgendwann im 19. Jahrhundert hat es auch bei der Familie mal gebrannt: Eine neue Scheune wurde aufgebaut, der Hof aber nie verlassen. „Doch offensichtlich haben die ersten Toppels hier nicht schlecht gelebt“, sagt Helga Toppel, die Mutter des aktuellen Eigentümers: „1874 wurde ein neues Wohnhaus gebaut..“

Der Zweite Weltkrieg zerriss die Familie. Der Vater kam nicht aus dem Krieg zurück, die Mutter blieb mit vier Kindern allein auf dem Hof: „Ohne die Unterstützung der Leute aus dem Dorf hätte sie das wohl kaum geschafft“, meint der Seniorchef. An die Zeit, als die sowjetische Armee den Hof besetzte, erinnert sich der Seniorchef noch gut: „Ich war acht Jahre alt. Als ich eines Morgens aufwachte, lag plötzlich ein russischer Soldat auf unserem Sofa.“ Die Armee nahm Landwirtschaftsmaschinen als Kriegsreparationen aus den Dörfern mit, eine Kuh und ein Pferd durfte die Familie behalten, der Traktor war beschlagnahmt. „Vor allem aber fehlten auf den Dörfern die Männer“, erinnert sich Helga Toppel und Sigrun ergänzt: „Viele junge Leute wollten Abitur machen, mussten jedoch die Schule verlassen, um auf dem Hof zu helfen und Verantwortung zu übernehmen.“ Viele seien 1953 geflohen.

Der Stammbaum geht bis ins Jahr 1715 zurück

Der Stammbaum geht bis ins Jahr 1715 zurück.

Quelle: Claudia Bihler

„Ab 20 Hektar war man damals schon ein Großbauer“, weiß der Seniorchef noch: „und erfuhr viele Repressalien. Etwa wurde gedroht, dass man keinen Diesel mehr bekommen würde. Manchmal waren die Abgaben höher, als was man erwirtschaftet hatte.“ Eines Tages war gerade Schlachttag angesetzt. Auch das Schlachtvieh hätte eigentlich abgegeben werden müssen, zumal gerade der staatliche Erfasser vor der Tür stand und das Schwein einkassieren wollte. Ulrich Toppel: „Aber damals hat der Schlachter sich für uns eingesetzt, und gesagt, wenn das Schwein nicht auf dem Hof bleiben würde, würde die Familie verhungern.“ Das Schwein blieb, die Familie konnte sogar den Hof wieder in den Bereich der Wirtschaftlichkeit zurückbringen: „Ich habe auch mal Dünger schwarz gekauft, von Leuten, die in den Westen flüchten wollten und Geld brauchten“, sagt der Senior.

Die Zwangskollektivierung stand vor der Tür, auch die Flächen der Toppels mussten eingebracht werden. Toppel blieb in der LPG, erst auf dem Acker, später im Schweinestall: „Damit unsere Kinder betreut waren“, sagt Helga Toppel. Weil die beiden in Schichten arbeiteten, bekamen sie keinen Kindergartenplatz – türmten aber regelmäßig in Richtung Kindergarten. „In der ersten Zeit, später haben wir uns lieber draußen rumgetrieben“, schmunzelt Landwirt Ulrich Toppel: „Systemkonform wurden wir nie erzogen: Wir waren weder Pioniere noch beim FDJ und bekamen auch keine Jugendweihe.“ Weg wollte er dennoch nie und hat nach seinem Schulabschluss zunächst den Beruf des Landmaschinentechnikers gelernt.

Auch als Landwirt muss man ein gutes Leben haben können

Nach der Wende bekam die Familie die Hofstelle zurück und übernahm weitere Flächen von Nachbarn, die sie nicht mehr haben wollten. „Enteignetes Land habe ich aber nie gekauft“, meint der Seniorchef: „Das wollte ich nicht.“ Aus Tradition erbte seit 300 Jahren immer ein Sohn den Hof: „Und weil immer einer da war, blieb auch der Name erhalten“, sagt der Landwirt, der mit seiner Frau Sigrun selbst zwei Söhne hat. Als die Übergabe vom Senior auf Nachwuchs bevorstand, war klar, dass Ulrich Toppel Interesse für die Landwirtschaft hat: „Ich machte also nach der Wende noch eine Lehre bei zwei Bauern im Westen.“ Seinen Antrieb beschreibt er so: „Ich war nie neidisch darauf, was andere konnten oder hatten, ich wollte es nur ebenso gut können.“ Denn für ihn stand fest: „Auch als Landwirt muss man ein gutes Leben haben können.“ Dass das Konzept aufging, macht ihn stolz, er weiß aber auch, dass das ohne seine Mitarbeiter und seine Frau kaum möglich gewesen wäre. Der jüngste Sohn Friedrich (10) kann sich vorstellen, Landwirt zu werden: Traktor und Vorderlader fahren kann er ebenso wie seine Schwester Barbara (13) und sein Bruder Joachim (14), und vom Landwirtschaftssimulator am Computer ist er regelrecht fasziniert. Barbara möchte später irgendwas mit Tieren machen, bei Joachim ist die Berufswahl noch nicht ganz klar.

Rund 500 Hektar bewirtschaftet die Familie aktuell in der Region, mit Weizen, Raps, Roggen, Gerste und Stärkekartoffeln. „Mais mache ich nicht, ich arbeite nicht für Biogasanlagen.“ „ Ich denke, dass es wichtig ist, dass die Flächen in der Region von heimischen Bauern bewirtschaftet werden“, meint Ulrich Toppel: „Denn Bauern engagieren sich auch für ihr Dorf.“ Er selbst ist nicht nur Mitglied im Posaunenchor und im Gemeindekirchenrat, er engagiert sich auch für die Freiwillige Feuerwehr oder zu sonstigen Anlässen, oder auch mal dann, wenn es mit Verwaltungen was zu klären gibt.

Zum Jubiläum hat die Familie das ganze Dorf mit seinen rund 130 Einwohnern eingeladen, hinzu kommen Geschäftspartner und Verwandte. Der Posaunenchor tritt auf, es gibt Abendessen vom Büfett und ein Unterhaltungsprogramm für Kinder. Ulrich Toppel resümiert seinen heutigen Erfolg: „Höhen und Tiefen gab es, aber wir haben in den letzten 25 Jahren auch sehr viel Glück gehabt. Ich hoffe dass es so weitergeht für die nächsten 300 Jahre.“

Von Claudia Bihler

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Prignitz

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg