Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 7 ° Regen

Navigation:
Die „Wendekinder“ aus der Prignitz

Lebenswege junger Menschen Die „Wendekinder“ aus der Prignitz

Schon vor zehn Jahren hatte die Landeszentrale für Politische Bildung eine Veröffentlichung herausgebracht, die die Lebenswege junger Menschen beschreibt, die noch zu DDR-Zeiten geboren, aber im neuen System groß geworden sind. Zehn Jahre später erschien die Fortsetzung – zum Jubiläum des Landes Brandenburg.

Voriger Artikel
AfD-Demo direkt neben Friedensgebet
Nächster Artikel
Sattelzug fliegt aus der Kurve

Tim lebt heute in seiner Traumstadt Berlin und mag das atemlose Leben der Großstadt.

Quelle: Verlag

Pritzwalk. Ihren Traumberuf hatte Karolin bereits vor zehn Jahren formuliert, als sie zum ersten Mal interviewt wurde: Sie wollte Tierpflegerin werden. Geklappt hatte das damals nicht – dennoch stand schon für die damals 15-Jährige fest: Die Region und ihre vertraute Umgebung zu verlassen, kam für sie nicht infrage. Das Interview, das sie damals gab, wurde in einem Buch veröffentlicht: „Wendekinder“ hieß es, herausgegeben von der Landeszentrale für Politische Bildung.

Die wollte damals mit dem Buch erkunden, was die jungen Leute bewegt, die 1989/1990 in den letzten Monaten der DDR geboren wurden und im neuen System groß geworden sind. Zehn Jahre später ist nun kürzlich die Fortsetzung unter dem Titel „Wendekinder II – Eine Fortsetzung“ erschienen: Das Wiedersehen mit den Wendekindern wird anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Landes Brandenburg gefeiert. Etwa die Hälfte aller porträtierten Jugendlichen in dem Band stammen aus der Prignitz – und viele von ihnen leben auch weiterhin hier, wenn sie auch mitunter andere Wege eingeschlagen haben als sie damals dachten. Karolin etwa lebt heute in Schönhagen und pflegt in einer Kyritzer Senioreneinrichtung alte Menschen. Einen Grundsatz hat die heute 25-Jährige beibehalten: „Wichtig ist, dass die Familie fürein­ander da ist.“

Die Autorin Martina Schellhorn hatte die Gespräche mit den jungen Leuten schon damals geführt: Insgesamt hatten 16 junge Leute mitgemacht, und ihre Ansichten über die DDR, Familie, Heimat und Schule geäußert. Zwölf der damals 15-Jährigen haben sich auch für die Fortsetzung befragen lassen. Auszüge aus den damaligen Interviews hat die Autorin in diesem Band erneut veröffentlicht – auch um einen direkten Vergleich früherer Ansichten zu ermöglichen. In ihrem Vorwort schreibt Schellhorn: „Die Auskünfte von heute sind nicht nur eine interessante Fortsetzung individueller Biografien, sondern auch ein interessantes Stück Zeitgeschichte des Landes Brandenburg.“

Der Leser könnte hinzufügen, dass sie zudem ein Stück weit auch aufzeigen, inwieweit junge Menschen heute die Gelegenheit bekommen, ihre Träume und Vorstellungen umzusetzen. Aber nicht nur die Texte wurden aktualisiert. Hatte der Fotograf Achim Sommer viele der früheren Fotos aufgenommen, fotografierte Jens Oellermann für das aktuelle Buch die jungen Erwachsenen in ihrem Lieblingsumfeld. Großzügig bebildert mutet das Buch auf diese Weise fast wie ein Familienalbum aus der Prignitz an.

Buchcover von „Wendekinder II – Eine Fortsetzung

Buchcover von „Wendekinder II – Eine Fortsetzung.

Quelle: Verlag

Beispiel Jeanette. Die Wittenbergerin wurde in eine Stadt hinein geboren, in der mit „Zellwolle“ und dem Nähmaschinenwerk nicht nur wesentliche Unternehmen schließen mussten, sondern auch Tausende von Arbeitsplätzen verloren gingen. Auch, wenn Wissenschaftler in ihren Studien ein düsteres Bild malten: Pläne und Träume hatten die Jugendlichen dennoch. Mit 14 wollte Jeanette Jura studieren und Richterin werden. Mit ihren jetzt 25 Jahren lebt sie immer noch in Wittenberge, arbeitet in Stendal und hat ihren Weg gemacht, wenn auch nicht im juristischen Bereich. Sie hat einen Dualen Studiengang bei einer Fast-Food-Kette absolviert. Mit 25 ist sie Betriebswirtschaftlerin für Gastronomie-Management, Restaurantleiterin und die Vorgesetzte von 42 Mitarbeitern. Manchmal – etwa im Urlaub mit ihrem Freund an der Ostsee – fühlt sie sich wunschlos glücklich: „Mit 30, so ihre Familienplanung, will sie ihr erstes Kind – und ein Haus mit ihrem Freund bauen. Traurig ist sie nur, dass sie Tim aus den Augen verloren hat: damals ihr bester Freund.

Der wurde nun ebenfalls erneut für die „Wendekinder“ interviewt. Wie Jeanette ist auch Tim in Wittenberge aufgewachsen. Im Gegensatz zu ihr lebt er heute in Berlin: Die Sehnsucht nach der großen Stadt hatte ihn schon als Jugendlichen umgetrieben. Ein halbes Jahr, nachdem er zur Welt kam, fiel die Mauer. Heute arbeitet er in Berlin beim Axel-Springer-Verlag, dessen Verlagshaus zu DDR-Zeiten direkt an der Sektorengrenze gebaut worden war, um ständig an die deutsche Teilung zu erinnern. Wie Jeanette wollte er Jura studieren und entschied sich dann ebenfalls für Betriebswirtschaftslehre und den Studiengang „Business-Administration“. An Berlin mag er die Atemlosigkeit, den Stress, den Trubel, die Anonymität und ein Leben „ganz vorne auf der Stuhlkante“, bei dem man aufspringen und Neues entdecken kann. Eine Alternative wäre für ihn nur New York, wohin er bereits ebenso gereist ist wie nach Tokio.

Während Tim vom Broadway träumt, ist Anna daheim geblieben. Sie lebt und arbeitet in Pritz­walk, und ihr vordergründiger Wunsch ist: „Ich möchte für meine Kinder ein Vorbild sein.“ Die junge Frau war mit 17 Jahren sehr jung und für alle überraschend Mutter geworden.

Anna ist in der Prignitz geblieben

Anna ist in der Prignitz geblieben.

Quelle: Verlag

Als Jan zur Welt kam, hatte sie alle Zweifel vergessen: „Das ist mein Sohn, den behalte ich“, dachte sie sofort. Trotz der hohen Verantwortung, die auf ihr lastete und vieler Schicksalsschläge, die sie bereits in jungen Jahren hinnehmen musste, erreichte sie ihren Realschulabschluss. Ihr zweites Kind kündigte sich an, als sie ihre Ausbildung zur Hauswirtschafterin abgeschlossen hat. Mit 15 dachte sie noch, dass ihr Ausländer die Arbeit wegnehmen würden. Inzwischen sieht sie das anders: Arbeitgeber würden sie nicht einstellen, weil ihre Kinder noch so klein sind. Doch dann kam der Anruf ihrer ehemaligen Chefin:. Anna kann eine befristete Stelle haben, in einer Kantine. So resümiert sie ihr Leben positiv: „Ich bin 25, habe zwei Kinder und einen tollen Freund.“

Von Claudia Bihler

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Prignitz

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg