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Prignitz Diskussion mit Martin Ahrends in Perleberg
Lokales Prignitz Diskussion mit Martin Ahrends in Perleberg
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00:17 17.04.2016
Sorgten für viel Diskussionsstoff (v.l.): Uta Rüchel, Ulrike Poppe und Martin Ahrends. Quelle: Michael Beeskow
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Perleberg

Die Geschichten, die Martin Ahrends aufgeschrieben hat, sind kaum zu glauben. Es sind Geschichten aus dem Alltag der DDR, über die die Betroffenen eigentlich nicht sprechen möchten. Da ist eine Frau, die heute wieder ein herzliches Verhältnis zu ihren Eltern hat, aber mit ihnen nicht darüber sprechen kann, warum ihr Vater sie als 15-Jährige im Auftrag der Stasi zwang, ihren Austritt aus der FDJ rückgängig zu machen. Oder da feiern heute Familien zusammen, als wäre nichts gewesen, obwohl alle von dem einen wissen, der sie jahrelang ausspioniert hat. Und da ist auch die Geschichte von Martin Ahrends, der 1984 nach verhängtem Berufsverbot aus der DDR ausreiste. Dessen Vater die Stasi nach Hamburg zur Wochenzeitung „Die Zeit“ schickte, um sich dort für den Rauswurf seines Sohnes als Redakteur einzusetzen. „Ich habe meinen Vater nie danach gefragt. Wenn er nicht inzwischen gestorben wäre, wüsste ich nicht, ob ich ihn jetzt fragen würde.“ Gerade diese ähnlichen Erfahrungen dürften es wohl gewesen sein, die Menschen dazu bewegte, Martin Ahrends ihre Geschichte zu erzählen, die sie ansonsten vor engsten Angehörigen geheim halten.

Überforderung der Eltern löst bei Kindern Unbehagen aus

Martin Ahrends spricht sich für ein „vielstimmiges Weitererzählen“ solcher Geschichten in Küchen Arbeitspausen oder auf Partys aus. „Das Verschwiegene muss wieder in Fluss kommen.“ In den Medien, die von politischen und ökonomischen Konzepten bestimmt sind, sei ein solches Weitererzählen nicht möglich.

Mit der Lesung aus seinem Buch „Verführung, Kontrolle, Verrat – Das MfS und die Familie“ begann am Mittwoch im DDR-Geschichtsmuseum ein weitgespannter Diskussionsabend, der von Ulrike Poppe, der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Brandenburg, moderiert wurde. Zu Gast war auch Uta Rüchel, die sich mit der Übertragung von Traumata auf die nächste und übernächste Generation befasst. Laut einer Studie führte die politische Repression in der DDR bei 300 000 Personen zu traumatischen Erlebnissen. Die Traumata konnten in der DDR natürlich nicht behandelt werden, bis heute sind sie in vielen Fällen nicht therapiert. Die Auswirkungen sind vielfältig. Bestimmte Emotionen wie Ängste oder Unsicherheit werden an die Kinder weitergegeben. Es werden aber auch Erwartungen und Lebensziele an sie übertragen, die den Eltern verwehrt wurden. Uta Rüchel schilderte so ein schwieriges, gespanntes Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Die Überforderung der Eltern, mit ihrer Vergangenheit fertig zu werden, löse bei Kindern ein Unbehagen gegenüber den Eltern aus. Dies äußere sich etwa in solchen Aussagen: „Ihr wusstet doch, dass ihr gegen Gesetze verstoßt.“ Kinder hätten Schwierigkeiten zwischen einem Fehlverhalten der Eltern und politischer Repression zu unterscheiden. Dass Opfer wie auch Täter ähnliche Symptome übertragen, wollte Ulrike Poppe kaum glauben. „Es sind Kinder, die unterscheiden nicht“, entgegnete Uta Rüchel. Das Sprechen über das Vergangene hält auch sie für wichtig. Doch dürfe es nicht zwanghaft werden. Das Vergangene ist eben vergangen. An schweren traumatischen Erlebnissen sollte nur gerührt werden, wenn auch ein Beistand zur Verfügung stehe.

Unterscheidung zwischen Lebens- und Systemgeschichte

In der Diskussion im Geschichtsmuseum wurde noch vieles mehr angeschnitten : Etwa, wie es komme, dass sich Menschen entwertet fühlen, wenn von der DDR als Unrechtsstaat gesprochen werde? Uta Rüchel: Hier fehle die Unterscheidung zwischen der eigenen Lebensgeschichte und der Systemgeschichte. Ob nicht auch heute viel Unrecht geschehe? Ulrike Poppe: Heute könne man sich aber anders dagegen wehren. Ist die AfD nicht dort besonders stark, wo die DDR in den Köpfen ihre Spuren hinterlassen hat, war auch eine Frage. Uta Rüchel hat ihre Zweifel. „Das ist eher die Folge der neueren Politik. Wenn sich Menschen nach 20 Jahren Arbeitslosigkeit vergessen fühlen.“

Von Michael Beeskow

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