Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Dömnitzstadt als Brennpunkt der Geschichte

Pritzwalk Dömnitzstadt als Brennpunkt der Geschichte

Interessante Einblicke in bisher unbekannte Aspekte der Pritzwalker Stadtgeschichte bot die Tagung „Pritzwalk vor und nach der Reformation“. Die Teilnehmer der Tagung erfuhren, dass die Dömnitzstadt einst über verschiedene Stipendienstiftungen verfügte, dass es hier die wahrscheinlich einzige jüdische Begräbnisstätte gab und vieles mehr.

Voriger Artikel
Kinder beleidigen Beamte am Polizei-Notruf
Nächster Artikel
Elbtalaue: Der lange Weg zur Nachhaltigkeit

Wolfgang Simons (2. v. r.), Vorsitzender der Gesellschaft für Heimatgeschichte Pritzwalk und Umgebung, führte die Teilnehmer durch die Sankt-Nikolai-Kirche.

Quelle: Andreas König

Pritzwalk. Geschichte kann eine höchst interessante Beschäftigung sein, vor allem, wenn sie von Fachleuten so interessant und anschaulich vermittelt wird wie bei der geschichtlichen Tagung „Pritzwalk vor und nach der Reformation“. Das Stadt- und Brauereimuseum und die Gesellschaft für Heimatgeschichte Pritzwalk und Umgebung hatten gemeinsam dazu am Sonnabend eingeladen.

Von Altarstiftungen zu Bildungsstipendien

Einen interessanten Einblick in die Geschichte bürgerlicher Stiftungen gab Uwe Czubatynski, Archivar des Domstiftsarchivs Brandenburg und Vorsitzender des Vereins für die Geschichte der Prignitz. Vor der Reformation dienten Stiftungen vor allen dazu, Altäre und andere Ausstattungsgegenstände für Kirchen zu finanzieren. Seltener, aber durchaus auch üblich, war es, Stipendien zu finanzieren. Das änderte sich mit der Reformation. Nunmehr ging es vor allem darum, Kindern aus ärmeren Verhältnissen Bildung zu ermöglichen.

Pfarrerin Susanne Michels und Museumsleiter Lars Schladitz bekundeten, künftig stärker zusammenarbeiten zu wollen

Pfarrerin Susanne Michels und Museumsleiter Lars Schladitz bekundeten, künftig stärker zusammenarbeiten zu wollen.

Quelle: Andreas König

Stifter übertrugen Vermögen der Stadt

Besonders interessant wurde es für die Zuhörer im Saal der Kreismusikschule, als der Referent über Stiftungen in Pritz­walk sprach. Das Tiedesche Stipendium beispielsweise wurde erstmals 1478 vergeben. Sein Zweck war es, auch in vorlutherischer Zeit, den Empfängern ein (Theologie-)Studium zu ermöglichen. Von der Stiftung ist heutzutage nichts mehr vorhanden, dieses Schicksal teilt sie mit vielen ähnlichen Gründungen. „Der Fehler, den die Stifter begangen haben, war es, das Stiftungsvermögen der jeweiligen Stadt zu übertragen“, sagt Uwe Czubatynski. Als die Städte in Finanznot gerieten, wurden die Stiftungen nicht fortgeführt. Besonders erwähnt wurde das Chemnitzsche Stipendium. Die Chemnitzens waren eine angesehene Ratsfamilie in Pritzwalk, über deren Wirken heute so gut wie nichts mehr bekannt ist. „Das ist eine Aufforderung, weitere Forschungen anzustellen“, sagte der Referent.

Einziger jüdischer Bestattungsplatz existierte in Pritzwalk

Das von Verfolgung und Misstrauen geprägte Verhältnis zu den Juden griff Antje Reichel vom Prignitz-Museum Havelberg auf. So siedelten Juden zunächst in Pritzwalk, Kyritz und Havelberg zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Als erster und vermutlich einziger Bestattungsplatz der Prignitz existierte östlich der Pritzwalker Stadtmauer eine jüdische Begräbnisstätte, eine sogenannte Kiewer. Auch bei der Entstehungslegende des Klosters Heiligengrabe spielten Juden ein Rolle. „Einem Juden aus Pritzwalk wurde damals unterstellt, Hostien geschändet zu haben“, sagte Antje Reichel. Ähnliche Propagandalügen tauchten zu jener Zeit in der gesamten Mark Brandenburg auf. Sie gipfelten im Hostienschändungsprozess zu Berlin, in dessen Folge zahlreiche Juden umgebracht und vertrieben wurden.

Schmiedesohn wurde zu frühsozialistischem Prediger

An Thomas Aderpul, einen Vorreiter der Reformation und frühsozialistischen, wenn nicht gar kommunistischen Prediger, erinnerte Pfarrer Christian Thomas. In seinem sehr eindrücklichen Vortrag beschrieb er den Sohn eines Kleinschmieds aus Pritzwalk als Menschen, der nicht nur auf Deutsch predigte, sondern auch die angeblich gottgegebenen Eigentumsrechte der herrschenden Klasse infrage stellte. Aderpul ging als Pfarrer ins Mecklenburgische, wo seinetwegen gar eine Fehde mit dem Bischof von Lübeck ausbrach. Auch über diese Pritzwalker Persönlichkeit ist bislang nicht allzu viel bekannt.

Bemerkenswerte Einblicke in den Rittersaal

Mit einem Ausflug zur Sankt-Nikolai-Kirche fand die Tagung ihren Abschluss. Die Teilnehmer lernten den Rittersaal in der Kirche kennen, ein Anbau aus dem 19. Jahrhundert mit einer bemerkenswerten Holzdecke und einem Kronleuchter. Pfarrerin Susanne Michels berichtete schließlich von ihrer ganz persönlichen Reformation. In einer katholischen Familie aufgewachsen, wechselte sie die Konfession, weil bei den Katholiken Frauen keine Priester werden dürfen.

Von Andreas König

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Prignitz
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg