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Dorf macht Oper mit doppeltem Don Quichotte

Klein Leppin Dorf macht Oper mit doppeltem Don Quichotte

Dorf macht Oper heißt es am Wochenende wieder in Klein Leppin (Prignitz). Alle vier Aufführungen von „Don Quichotte“ sind ausverkauft. Die Kreativen vom Verein Festland haben sich wieder allerlei einfallen lassen für eine unvergessliche Aufführung. Neben professionellen Künstlern und Laien aus der Umgebung wirken auch Flüchtlinge mit.

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Don Quichotte (Jakob Ahles) wird in der Sauna (!) von allerlei Sirenen des Klein Leppiner Opernchors bezirzt.

Quelle: Andreas König

Klein Leppin. Fast können einem die Kinder ein wenig Leid tun, als der baumlange Ritter von der traurigen Gestalt auf die Bühne stürmt. Wild schlägt er mit dem Spielzeugschwert um sich, doch alles, was er zu Boden wirft, sind Puppen. Willkommen in Klein Leppin, willkommen beim Festland-Verein, willkommen bei „Dorf macht Oper“! Schon bei der öffentlichen Hauptprobe für die diesjährige Aufführung reichen die Parkplätze rund um das Festspielhaus, den ehemaligen Schweinestall, kaum für die Besucher. Auf der Außenbühne stehen halbmannsgroße Puppen, die von Kinderhand zum Leben erweckt werden.

Wie von der Tarantel gestochen, stürmt Don Quichotte die Bühne

Don Gaifero soll seine holde Melisandra befreien. Die Szene wirkt beschaulich. Aus dem Hintergrund nähern sich finstere Gesellen, als plötzlich, wie von der Tarantel gestochen, Don Quichotte (Benjamin Schaup) auf die Bühne stürmt, die Räuber und Spukfiguren mit seinem Schwert und einer Radkappe als Schild in die Flucht schlägt. Sein treuer Knappe Sancho Panza (David Jonathan Ford) versucht zum wiederholten Mal, seinem Herren klarzumachen, dass es lediglich Windmühlen waren, die er für Riesen und Mordgesindel hielt.

Unheimlich komische Begegnung mit den Doppelgängern

Kurz darauf gibt es eine Begegnung der unheimlich komischen Art: Noch ein Don Quichotte (der Sänger Jakob Ahles) reitet heran, von einem anderen Sancho Panza (Sänger Gerald Beatty) begleitet. Das Hufgetrappel erzeugt letzterer mit zwei gewinkelten PVC-Rohren. Die beiden Paare wiederholen die Sätze der jeweils anderen in umgekehrter Reihenfolge. Das Ganze ist so komisch, dass die Darsteller Mühe haben, nicht loszulachen. Das Publikum hat es da leichter. Die Sinnestäuschungen und Wahrnehmungsstörungen des Helden werden so auf ebenso plausible wie unterhaltsame Art dem Publikum vor Augen geführt.

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Aus fünf Stationen besteht die Aufführung von „Don Quichotte“ in Klein Leppin. Ein wesentlicher Teil ist die Aufführung der Oper „Don Quichotte chez la Duchesse“

von Joseph Bodin de Boismortier in einer Deutschlandpremiere. Neben Kindern sowie Sängerinnen und Sängern aus der Region wirken auch Flüchtlinge an der Aufführung mit.

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„Bitte nehmen Sie Platz“

Wie bei den Inszenierungen der vergangenen Jahre ist auch „Don Quichotte“ Aktionstheater im besten Sinne. Das Publikum folgt dem Klein Leppiner Opernchor, der, von Stefan Tast angeführt, eine liebliche Weise singt, um im Schatten alter Bäume zu halten. Mehrere Tische sind aufgebaut. Ein junger Mann aus Syrien begrüßt alle Gäste und bittet sie, Platz zu nehmen. Es folgt die vielleicht am stärksten berührende Szene. Don Quichotte, der von den allermeisten für geistesgestört gehalten wird, und Sancho Panza, der in aller Regel die meiste Prügel abbekommt, werden von Hirten freundlich empfangen. Das Eis taut, das Misstrauen schwindet.

Flüchtlinge aus Syrien singen berührendes Lied

Die Szene gibt es in Cervantes’ Roman wirklich. Regisseurin Mira Ebert und die anderen Kreativen von „Dorf macht Oper“ haben sie als multikulturelles Abendmahl interpretiert. Mehrere Flüchtlinge spielen die Hirten, sie beruhigen den aufgeregten Ritter. Bei der Probe fehlt Azmat Lubbad, ein Oud-Spieler, der das syrische Saiteninstrument beherrscht wie kaum ein anderer. Schließlich stimmt Bassam Bader einen zu Herzen gehenden Gesang an. Es ist ein Lied, das Krieg und Vertreibung beklagt. „Wann werde ich die geliebte Heimat jemals wiedersehen?“, fragt der Sänger. Die Flüchtlinge kennen den Text. Der Klein Leppiner Opernchor singt ihn wie ein Echo nach. „1500 Jahre alt ist dieses Lied“, erklärt Obada Al Haffar aus Glöwen. Es könnte, wie das gesamte Stück, aktueller nicht sein.

Putzfrau mit Migrationshintergrund

All das war nur Vorspiel. Im Festspielhaus, dem zur Opernbühne umgebauten Schweinestall, beginnt die eigentliche Oper. Altisidora (Johanna Knauth) und ihre Mitverschwörer wollen Don Quichotte von seinen Wahnvorstellungen heilen. Das soll geschehen, indem er mit seinen eigenen Waffen – also eingebildeten Heldentaten – geschlagen wird. Eine wichtige Rolle kommt dabei einem Bauernmädchen (Sophia Körber) zu. Sie wird die Angebetete des Ritters der traurigen Gestalt, die holde Dulcinea von Toboso. Als die Protagonisten einander begegnen, ist Dulcinea allerdings noch Reinigungsfrau, zumindest von ihrem Slang her, ebenfalls mit Migrationshintergrund („Ey, ich schwör“). Der Opernchor, in Bademäntel gehüllt, veranstaltet einen wilden Reigen, in dem Don Quichotte vorgegaukelt wird, er fliege durch die Luft.

Bis zum späten Nachmittag dauern die Proben. Vieles muss improvisiert werden, ehe sich am Freitag, 15. Juli, 19 Uhr, der Vorhang zur Premiere heben kann.

Hinweis: Alle vier Aufführungen von „Don Quichotte“ sind ausverkauft.


Mehr Fotos unter www.maz-online.de/don_quichotte_2016

Von Andreas König

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