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Ein mysteriöser Brocken unter Pritzwalk

„Pritzwalk Anomalie“ Ein mysteriöser Brocken unter Pritzwalk

Die Messgeräte der Wissenschaft schlagen kräftig nach oben aus: Seit Jahrzehnten wird an einem Phänomen geforscht, das „Pritzwalk Anomalie“ genannt wird. Es besteht offenbar aus einem schweren Körper, dessen Ursprung unterschiedlich definiert wird. Es könnte ein Vulkan aus dem Perm, aber auch ein Splitter des Bodens eines Urozeans sein.

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Geothermiebohrung im Preddöhler Weg.

Quelle: Foto: Claudia Bihler

Pritzwalk. Wenn Geologen ihre Messgeräte in der Pritzwalker Region einschalten, dann kommen sie seit Jahrzehnten ins Grübeln. Im Gegensatz zu der gesamten umliegenden Region gibt es nicht nur einen wesentlich stärkeren Magnetismus. Auch wenn sie die Gravitation messen, schlagen die Messgeräte kräftig nach oben aus: Die höhere Gravitation weist auf einen besonders schweren Körper in der Erdkruste hin. Das Phänomen hat einen Namen unter Geologen: Die Pritzwalk-Anomalie, ein Schwerehoch.

Im geologischen Atlas von Brandenburg des Jahres 2011 wird im Anhang festgestellt: Unter Pritz-walk liegt mit 1700 Metern der höchste Vulkan des Erdzeitalters Perm. Das liegt 250 bis 290 Millionen Jahre zurück, eine Zeit, in der im Nordwesten des heutigen Brandenburgs ein heißes Wüstenklima herrschte und tatsächlich nach Erdplattenverschiebungen viel Vulkanismus mit all seinen Begleiterscheinungen auftrat. Erklärungen gibt es viele. Schon in den 50er Jahren hatte sich die Wissenschaft mit der magnetischen Anomalie beschäftigt: Damals ging man davon aus, dass die Pritz­walker Region deswegen so arm an Gewässern ist, weil diese durch erhöhten Magnetismus abgelenkt wurden: Auch die Elbe schlage in der Region einen Bogen. 1994 stellen Wissenschaftler folgende These auf: Aus dem Mantel dringt heißes Material aus und zerstört die Grenze zwischen dem Erdmantel und der Erdkruste. Auch später gehen Forscher davon aus, dass der schwere Körper im Pritzwalker Untergrund aus Mantelmaterial besteht, das allerdings nie bis zur Erdoberfläche vordrang. Es wurde vom Krustengestein sozusagen gebremst, breitete sich flächig aus und erstarrte dann.

Fragezeichen über Pritzwalk

Fragezeichen über Pritzwalk

Quelle: Geologisches Landesamt

Auch Heinz-Jürgen Brink von der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft spricht von Magma aus dem Mantel. Er hatte die Pritz-walk-Anomalie kurz nach der Wende in einer Arbeit mit einer ähnlichen Anomalie in Bramsche verglichen. „Dort stand immer wieder auch die Frage, ob man den Vulkan von Bramsche nicht auch touristisch nutzen könne”, erinnert er sich schmunzelnd, „aber das ist wohl nicht möglich.”

Aufsteigendes Mantelmaterial führt sehr häufig zu Vulkanismus – etwa bei den Hotspot-Vulkanen von Hawaii, den kanarischen Inseln oder auch den Azoren. Die Erdplatten bewegen sich über heiße „Mantelanomalien“ hinweg, Magma sucht seinen Weg nach oben. Wie durch einen Lötbrenner wird die Kruste durchlöchert: Vulkane entstehen.

„Rechnen wir einmal zurück”, sagt Brink, „zur Zeit der Intrusion lag diese Mantelanomalie unter Pritzwalk. Heute, rund 350 Millionen Jahre weiter, liegt sie unter der Grenze von Libyen zum Tschad.” Dort gibt es heute ausgeprägten Vulkanismus, etwa mit dem Vulkan Bikku Bitti oder dem Gebirgszug Tibesti, wo unter anderem das Vulkanfeld Tarso Toh liegt. 350 Millionen Jahre vor der Pritzwalker Intrusion müsste der Lötbrenner aus dem Mantel unter der heutigen Barentssee zu finden gewesen sein. Auch andere Erklärungen gibt es. So gehen manche Wissenschaftler davon aus, dass unter Pritzwalk ein altes Stück schwerer ozeanischer Kruste liegt , das während Kontinentkollisionen aufgeschoben wurde: Auch Ozeanboden hat seinen Ursprung im Erdmantel. Dass die Kruste-Mantelgrenze zerstört wurde, haben spätere seismische Messungen nicht bestätigt: Teilweise wurde das Ergebnis sogar als technisches Problem erklärt.

„Magnetisch, gravimetrisch, magnetotellurisch: Es gibt eine ganze Reihe von Anomalien in Pritzwalk”, sagt Markus Wolfgramm vom Unternehmen Geothermie Neubrandenburg, dessen Vorgängerunternehmen bereits zu DDR-Zeiten bei der Geothermiebohrung im Preddöhler Weg über 3000 Meter tief in den Pritzwalker Untergrund vorgedrungen ist. Einen Vulkan konnten die Geothermiker dort anhand der Temperaturen allerdings nicht ausmachen: „Aber die Eiszeiten haben auch ein viel deutlicheres Signal hinterlassen.” Gezielt gesucht habe man ohnehin nicht danach, sagt Frank Kabus, Geschäftsführer der Firma: „Die Bohrung war Teil einer großflächigen Erkundung in vielen größeren und mittleren Städten.”

Sicher ist: Einen schweren Körper unter Pritzwalk gibt es. Das Pritzwalker Schwerehoch ist nach wie vor Untersuchungsobjekt der Wissenschaft. Das manifestiert sich auch auf einer Karte des Geologischen Landesamtes, wo durch ein dickes Fragezeichen auf den Schwerekörper unter Pritzwalk hingewiesen wird. Seismische Untersuchungen seien schwierig, denn die Salzschicht des Zechsteinmeeres erschwere die Datenerhebung. Dass kurzfristig ein Vulkan - auch nur ein kleiner - unter der Stadt ausbrechen könnte, bezweifelt Geophysiker Brink: „Dafür müssen Sie schon in die Eifel fahren. Dort blubbert es bereits recht heftig.”

Von Claudia Bihler

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