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Prignitz Emmy Rieske kennt ihr Heimatdorf ganz genau
Lokales Prignitz Emmy Rieske kennt ihr Heimatdorf ganz genau
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00:17 23.11.2016
Emmy Rieske (mittlere Reihe links vor dem Lehrer) als Schulkind im Jahre 1931. Quelle: Christamaria Ruch (Repro)
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Boddin/Pritzwalk

„Mein Umzug nach Pritzwalk war gar nicht geplant“, sagt Emmy Rieske fast entschuldigend. Die heute 97-Jährige lebte bis 2002 in ihrem Geburtshaus in Boddin (Gemeinde Groß Pankow). Aus gesundheitlichen Gründen zog sie dann doch zur Familie ihres Sohnes Lothar. Nach wie vor sieht sie ihr Leben in ihrem Heimatdorf vor Augen, kennt viele Episoden und kann trotz ihres hohen Alters längst Vergessenes aus dem Nebel der Vergangenheit zurückholen. Dabei fügt sie ein Ereignis an das nächste und baut daraus ein festes Gefüge an Erinnerungen.

Emmy Rieske erblickte 1919 als siebentes von acht Kindern das Licht der Welt. „Nein, meine Kindheit war nicht so schön“, sagt sie. Ihre Mutter Edelgard Straßenburg starb bereits 1926 an den Folgen einer Lähmung. „Sie wurde in den letzten Jahren immer an den Tisch getragen und hatte dann eine Elle in der Hand und wenn wir etwas angestellt haben, hat sie uns damit zurecht gewiesen“, erinnert sich Emmy Rieske. Nach dem Tod ihrer Mutter übernahm Emmys älteste Schwester Gerda die Erziehung aller Geschwister. Ihr Vater Albert Straßenburg starb 1936. Emmy Rieske besuchte wie alle anderen Kinder die Dorfschule, in der vier Klassen in einem Raum unterrichtet wurden.

Die Schreibweise des Familiennamens änderte sich

Die Familie Straßenburg war eine Instanz in Boddin. Bis 1777 lassen sich die Wurzeln zurück verfolgen, denn das ist das Geburtsdatum von Johann-Friedrich Stratenburg. Die Schreibweise des Familiennamens änderte sich im Laufe der Zeit zu Straßenburg. Der Hof in Boddin umfasste 175 Hektar Land und 75 Hektar Wald. „Früher gehörte der Hof zum Stiftsgut in Heiligengrabe“, sagt Emmy Rieske.

Auf den Spuren der Vergangenheit: Emmy Rieske schaut mit der Lupe alte Aufnahmen an. Quelle: Christamaria Ruch

Während des Zweiten Weltkrieges lebten und arbeiteten acht französische Zwangsarbeiter auf dem Hof Straßenburg sowie weitere im Dorf. „Abends wurden sie immer eingeschlossen, die Fenster waren vergittert und ein Wachmann stand dann vor dem Haus“, so Rieske. „Es kamen viele Flüchtlinge ins Dorf, drei Familien lebten auf unserem Hof“, so Rieske. Dazu gehörte auch Erich Rieske; er kam allerdings erst 1947 aus russischer Gefangenschaft frei. 1950 heiratete Emmy Straßenburg Erich Rieske. Sohn Lothar vervollständigte die Familie. „Eigentlich wollte ich Säuglingsschwester werden, aber der Hof und die Landwirtschaft waren wichtiger“, sagt sie.

Bereits 1946 wurde die Familie Straßenburg enteignet; drei weitere Familien fanden dort ein neues Zuhause. „Als einzige Familie im Dorf durften wir dennoch auf dem Hof wohnen bleiben, weil ich immer wieder darum bei den Behörden in Kyritz gebeten habe“, sagt sie. Denn der älteste Bruder Albert saß während des Krieges im Konzentrationslager, weil er immer wieder den Hitlergruß verweigert hatte und schließlich denunziert wurde. Dieser Umstand half nach 1945 der Familie. Doch Albert traute dem Frieden nicht, flüchtete 1945 in die amerikanische Besatzungszone und kehrte aus Angst vor späteren Repressalien nie zurück.

Die frühere Dorfgaststätte trug bis 1955 den Beinamen „Zum schwarzen Adler.“ Denn „alles war klein und verraucht und fast schwarz davon“, sagt Emmy Rieske. Später wurde die Konsumgaststätte dort heimisch. Als 1974 Emmy Rieskes Sohn Lothar nach der Sanierung des Hauses seine Hochzeit dort feierte, erlebte die Gesellschaft ein blaues Wunder. „Als Sparmaßnahme wurde der Fußboden mit Holzbeton ausgestattet und an der Decke waren Plasteverkleidungen“, so Lothar Rieske. Als dann die Gesellschaft tanzte und ins Schwitzen kam, plätscherte von oben das Schwitzwasser. Außerdem hatten die Gäste rotbraune Spuren vom Fußboden an der Kleidung.

Radfahrverein sowie die Schützen in Boddin feierten Bälle

Auch an viele Erntefeste erinnert sich Emmy Rieske. Der Radfahrverein sowie die Schützen in Boddin feierten ebenfalls Bälle, doch Ende der 1950er Jahre war damit Schluss. Anfang der 1960er Jahre fiel das Grab von Emmy Rieskes Vater Albert Straßenburg in sich zusammen. Die Familie hatte eine Gruft auf dem alten Friedhof in Boddin. „Das waren Baumängel“, so Emmy Rieske. In diesem Zuge fiel der riesige Grabstein mitten in den Sarg und aus Sicherheitsgründen wurde alles mit Erde verfüllt.

Bis heute besucht Emmy Rieske regelmäßig ihr Heimatdorf. „Bis letztes Jahr war ich auch immer beim Dorffest, habe Bekannte wieder getroffen und das war wirklich schön“, sagt sie. Und wenn in der weit verzweigten Verwandtschaft Familienfeiern anstehen, ist sie nach wie vor gern gesehen.

Von Christamaria Ruch

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