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Prignitz Entdeckungen in der Welt der Kindheit
Lokales Prignitz Entdeckungen in der Welt der Kindheit
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02:15 12.05.2017
Der Pollo ist in Lindenberg eine Institution. Quelle: Christamaria Ruch
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Lindenberg

Wenn mich Menschen fragen, woher ich komme, sage ich: „Kleines Dorf, kennste nicht. Irgendwo zwischen Berlin und Hamburg. Ist schön da. Welche größere Stadt in der Nähe sei. „Nichts,“ antworte ich dann, „wenig Menschen, viel Weite und noch mehr Windräder.“ Für viele meiner Bekannten ist es kaum vorstellbar, in einem Dorf wie Lindenberg (Gemeinde Groß Pankow) aufzuwachsen. „Wie: 250 Einwohner? Und was macht man da?“, fragen sie und schauen ungläubig.

Ich selbst lebte 19 Jahre in der Prignitz, bevor ich tat, was fast alle in diesem Alter taten: ich packte meinen Sachen und zog weg.

Heute arbeite ich bei der „Zeit“, einer großen Wochenzeitung in Hamburg. Für viele meiner Kollegen sind Regionen wie die Prignitz terra incognita. Übrigens auch für die Zeit-Leser, darum schickte die Redaktion mich los: ich sollte zurück nach Lindenberg fahren und der Frage nachgehen, welche Zukunft die Region hat.

Hoffnung in der Gaststätte Lamprecht

Obwohl ich meinte, meinen Heimatort in- und auswendig zu kennen, wurde ich überrascht: vom Leben, den Ideen, der Energie, dem Widerspruch, der sich zwischen den demografischen Daten und den Gefühl auftut, wenn man an einem ganz normalen Wochentag die Dorfstraße entlang läuft.

Die Prignitz ist der am dünnsten besiedelte Landkreis der Republik, und einer der wirtschaftlich schwächsten noch dazu, das Durchschnittsalter ist höher als im Rest von Deutschland, die Jungen sind weg, die Alten noch da. Wer die demografischen Daten betrachtet, bekommt es mit der Angst zu tun.

Wer einen Tag in der Gaststätte Lamprecht verbringt, schöpft wieder Hoffnung.

Genau das tun die Fotografin Djamila Grossman, die an einem Buchprojekt über Lindenberg arbeitet, und ich. In der Kneipe beginnen wir unseren Tag. Als wir um kurz nach 8 Uhr ankommen, sind wir nicht die ersten, an zwei Tischen frühstücken schon Handwerker. Später geht die Tür auf. Nach und nach kommen zehn Rentner herein. „Wir machen Herrenfrühstück“, erzählt mir der Schlossermeister Eckhard Rauch, „jede Woche, mit Kaffee und Bockwurst“. Zwei Stunden später, zur Mittagszeit, sind alle Tische besetzt, das Tagesgericht – Leber mit Zwiebeln – wird in der Küche von der 86-Jährigen Marianne Lamprecht zubereitet. Erst am Nachmittag wird es wieder ruhig.

Pläne für ein Gemeinschaftshaus

Beim Spaziergang durch das Dorf treffen wir Eckhard Rauch mit seiner Frau wieder, der erzählt, dass er seit einigen Wochen zur Yoga-Runde im Pfarrhaus geht. Dieser Ort hat sich dank des agilen Pfarrers Christian Gogoll und eines Fördervereins tatsächlich wieder zu einem Zentrum im Dorf entwickelt. Im Pollomuseum, am anderen Ende des Dorfs, bereitet der Ortsvorsteher Rainer Knurbien gerade alles für eine Besuchergruppe vor, die am nächsten Tag vorbeischauen möchte. Auch er hat Pläne für die Zukunft von Lindenberg: „Wir wollen mit einer Studie überprüfen, ob wir die ehemalige Gaststätte in ein Gemeinschaftshaus mit Dorfladen, Café und Geldausgabe verwandeln können“, erzählt er.

Diese kleinen Begegnungen sind es, die mich am Ende optimistischer zurück nach Hamburg fahren lassen, als ich es erwartet hätte. Natürlich findet der demografische Wandel statt – in Lindenberg traf ich vor allem Rentner –, und wahrscheinlich hält die Zukunft eher weniger als mehr für Orte wie Lindenberg bereit. Aber: wer aus den nackten Zahlen den Schluss zieht, dass kleine Dörfer dem Untergang geweiht sein müssen, begeht einen fatalen Fehler: er unterschätzt das Potenzial der Bewohner. In kleinen Orten können auch geringe Summen viel bewegen, zumindest unter einer Voraussetzung. Es braucht eine vitale Gemeinschaft, um ein Dorf am Leben zu erhalten. Anders als in der Großstadt müssen sich die Einwohner ihre Infrastruktur selbst schaffen – und sie tun es.

Gegend mit untergeordneter Priorität

Ich glaube, dem Wandel begegnet man am ehesten, indem man versucht, Einfluss auf ihn zu nehmen. Es braucht nicht gleich einen Masterplan für die nächsten 50 Jahre, manchmal reicht es schon, wenn sich die Bewohner eines Dorfes absprechen, um Fahrgemeinschaften in die Stadt zu bilden oder zum Dorfputz zusammentun. Es wäre zumindest ein Anfang.

Lamentieren und dem Früher nachtrauern ändert nichts. Und ebenso wenig auf „die da oben“ zu schimpfen. Die Eigeninitiative der Bewohner kann die Landes- und Bundespolitik unter Zugzwang setzen. Denn zur Realität gehört auch, dass große Teile der Prignitz keine Priorität in Potsdam und Berlin haben. Das ist für viele, die sich um die Region bemühen, frustrierend. Nur wäre Resignation der falsche Weg. Richtig ist, sich zusammenzutun, auf sich aufmerksam zu machen, kreative Lösungen zu finden und damit ein lautes „Schaut her, wir leben! Und wir haben Zukunft“, ins Land zu rufen. In Lindenberg kann man es manchmal schon hören.

Von Fitz Habekuß

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