Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Prignitz Er wurde gejagt wie ein Tier – und dann getötet
Lokales Prignitz Er wurde gejagt wie ein Tier – und dann getötet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:54 22.08.2014
Das Bildnis am Zaun mit Trauerflor zeigt Hans Georg Lemme. Quelle: Kerstin Beck
Lütkenwisch

Es ist der 20. August kurz vor 14 Uhr, und obwohl sie erst vor zwei Tagen Kenntnis davon bekommen haben, sind etliche Besucher an den Parkplatz zum 30 Meter entfernten Lütkenwischer Fähranleger gekommen. Zum Greifen nahe ist das in Niedersachsen gelegene Schnackenburg auf der anderen Elbseite. Unübersehbar steht seit Kurzem hier, eingerahmt von zwei originalen Betonpfosten, ein etwa vier Meter hohes Segment des DDR-Grenzzaunes. Der Zaun stand eigentlich auf dem Deich, aber das hier gemahnt seit heute als Denkmal.

Tränen auch noch nach 40 Jahren

Blumengestecke werden jetzt daran befestigt, das größte hat Michael Schulz, der für dieses Gebiet zuständige Gebietsbevollmächtigte von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft Berlin, mitgebracht. Ganz oben am Zaun gibt es ein Bildnis des jungen Mannes zu sehen, um den es hier geht: Hans Georg Lemme aus Groß Breese bei Wittenberge. Ganz hinten steht eine ältere schwarz gekleidete Dame, Ingrid Lemme, die Mutter des sympathisch aussehenden Jugendlichen. Ihr rinnen Tränen über das Gesicht, denn der Schmerz ist noch immer da: Vor 40 Jahren, am 19. August 1974, ist ihr Sohn von DDR-Grenzern brutal ermordet worden.

Geflohen, um dem Wachdienst zu entgehen

Eine andere Frau ist gekommen und drückt sie still, aber auch ihr fließen sofort die Tränen: Es ist die Schnackenburger Pastorin Christine Rüegg, die vor einer Stunde noch nicht einmal wusste, was sich hier einmal ereignet hatte. In wenigen Minuten wird sie eine Andacht mit Gebet durchführen und Michael Schulz das Denkmal einweihen. "Gegen Mittag tauchte mein Sohn plötzlich bei uns zu Hause auf, obwohl er keinen Ausgang hatte", erzählt die 85-jährige Ingrid Lemme, der alles so gegenwärtig ist, als wäre es heute passiert. Der damals 21-Jährige leistete zu jener Zeit seinen Grundwehrdienst in Schwerin ab, war jedoch an diesem Tag geflohen, um dem Wachdienst im Bützower Gefängnis zu entgehen, hatte davon aber niemandem ein Wort gesagt.

Stasi nimmt Beerdigung auf Tonband auf

"Wir haben zusammen Mittag gegessen, dann gab ich ihm noch eine Apfelsine und eine Banane mit. 'Ja, die nehme ich', sagte er noch, dann drehte er sich um und fuhr auf seinem Moped weg, und seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen." Nur einen verschlossenen Sarg sah die Mutter wieder - nach drei Wochen am 6. September 1974. "Da brachten sie ihn an und sagten, er wäre im Wasser ertrunken. Doch das stimmt nicht, er war ja der beste Schwimmer weit und breit und hatte sich ja sogar zum Rettungsschwimmer qualifiziert." Und bei der Beerdigung war die Kirche voller Fremder - es waren Stasi-Leute, die sogar die Dreistigkeit hatten, die Predigt des Pfarrers auf Tonband aufzunehmen.

Mit dem Boot überfahren, von der Schiffsschraube zerfleischt

Erst 1993, als sie Einsicht in ihre Stasi-Akten bekamen, erfuhren die Eltern und die Schwester, wie ihr Sohn und Bruder ums Leben gekommen war: Spät abends an dem bewussten Tag war Hans Georg Lemme bei Cumlosen in der Dämmerung an verborgener Stelle in die Elbe gestiegen, doch dort wurde er bereits von einem DDR-Grenzboot erwartet. Um 22.50 Uhr meldeten die Grenzer dann ein "Vorkommnis am Elbkilometer 472,2 in Lütkenwisch". Der "Vollzugsbericht" gelangte gegen Mitternacht ins Berliner Ministerium für Staatssicherheit sowie in weiteren MfS-Dienststellen als "Sofortmeldung": Eine in "Richtung Staatsgrenze schwimmende Person" sei gesehen worden, die sich gegen 22.35 Uhr trotz Aufforderung der Grenzposten an Land sowie der Besatzung des Grenzbootes "GS 197" auch nach erfolgten "Warnschüssen" nicht festnehmen lassen habe. Der "Grenzverletzer" sei immer wieder unter dem Boot "in Richtung BRD-Territorium" hinweggetaucht. Und "zur Verhinderung des Grenzdurchbruchs entschloss sich daraufhin der Bootsführer, den Grenzverletzer mit dem Boot zu überfahren".

Täter werden freigesprochen

"Die haben ihn gejagt wie ein wildes Tier", erzählt Klaus Frohriep, aus Pinnow bei Schwerin, der ein Freund des Ermordeten war. "Und dann kam nach der Wende die Bootsbesatzung vor Gericht, doch die konnten sich an nichts mehr erinnern und wurden freigesprochen. Ich habe dann den Richter gefragt, warum er hier niemanden nach BRD-Recht verurteilt, denn Hans Georg war nur noch zwei Meter von der Schnackenburger Buhne entfernt und damit schon auf West-Gebiet, als die ihn überrollten und er von der Schiffsschraube zerfleischt wurde!"

Erleichtert und erfreut soll sich indes damals der heute bei Rostock als unbescholtener Bürger lebende Bootsführer geäußert haben, da der Grenzdurchbruch so verhindert worden sei.

"Passen Sie auf, dass so etwas nie wieder passieren muss!"

Das Wort ergreifen auch der Lanzer Bürgermeister Hans Borchert, sein Lenzener Kollege Christian Steinkopf und die Schnackenburger Stadtvorsteherin Irene Brade. Der erste will erzählen, wie er hier vor der Wende, als er als Viehzucht-Brigadier ins Elbvorgelände durfte, an der Buhne stand und sehnsuchtsvoll nach Schnackenburg schaute, doch es geht kaum: Die Stimme versagt dem 72-Jährigen. Und der zweite setzt hinzu: "Meine Eltern sind 1949 mit mir in den Westen geflohen. Passen Sie auf, dass so etwas nie wieder passieren muss!"

"Meine Gedanken sind immer bei dem, was damals passiert ist", sagt Ingrid Lemme zuletzt. "Aber ich bin so froh, dass ich das hier heute noch erleben durfte!"

Von Kerstin Beck

Prignitz Blumenthal: Hitzige Podiumsdiskussion zur Windenergie in der Prignitz - Spitzenplatz mit 922 Windrädern

Am Mittwochabend fand im prall gefüllten Bürgerhaus in Blumenthal (Gemeinde Heiligengrabe) die zweistündige Podiumsdiskussion zum Thema "Windenergie - die Zukunft der Prignitz" statt. Das Interesse an der Veranstaltung sprengte fast die Kapazitäten des Bürgerhauses - diskuttiert und debattiert wurde lang und heftig.

24.08.2014
Prignitz Probetag der Solarfähre in Rühstädt war großer Erfolg - Impuls für den Elbtourismus

Erstmals verkehrte am 3. August eine Solarfähre auf der Elbe. "Dieser Probetag hat alle Erwartungen übertroffen." Das ist das übereinstimmende Urteil der Initiatoren, die jetzt eine Auswertung vornahmen. Und nicht nur dies: Der Erfolg verleiht den Bemühungen um eine Fährverbindung zwischen Rühstädt und Schönberg am Altmärker Elbufer neuen Schwung.

21.08.2014
Prignitz Internationales Team dreht zurzeit in Rohlsdorf mit wenig Geld einen Kurzfilm - Filmkunst am Feldrand

Eine bunte Truppe hat sich in der Landscheune in Rohlsdorf (Amt Meyenburg) einquartiert. Yu Watanabe aus Japan und Krishna Siriam aus Indien drehen dort derzeit gemeinsam den Kurzfilm "The Edge". Die Crew, die die beiden Regisseure zusammengestellt haben, kommt aus der halben Welt. Gefunden haben sie sich über das Internet.

21.08.2014