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Erleichterung am letzten Zipfel Brandenburgs

Wootz Erleichterung am letzten Zipfel Brandenburgs

Das Prignitz-Dorf Wootz in der Gemeinde Lenzerwische ist nur einen Steinwurf entfernt von der Ländergrenze zu Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Dort, am letzten Zipfel Brandenburgs waren sie von einer Kreisgebietsreform – am Ende noch mit einer 120 Kilometer entfernten Kreisstadt Neuruppin – alles andere als begeistert. Nun herrscht Erleichterung.

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Haben als erste gegen die Kreisreform unterschrieben: Bürgermeister Klaus-Jürgen Borrmann und Mitarbeiter Klaus-Dieter Pawels (v.l.).

Quelle: Kerstin Beck

Wootz. Hinter Lenzen beginnt der westlichste Zipfel des Landes Brandenburg – die Lenzer Wische. 466 Menschen leben hier in sieben Dörfern der Gemeinde Lenzerwische, in denen man sich zu DDR-Zeiten besonders abgeschnitten fühlte, denn das Gebiet an der Grenze zu Niedersachsen gehörte zur 500-Meter-Sperrzone, das man nur mit Passierschein betreten durfte. Aber nicht nur das, sondern seit 1952 auch zum Kreis Ludwigslust des Bezirkes Schwerin. 1992 gab es einen Länderwechsel zu Brandenburg.

Darüber, was er von einer erneuten Kreisgebietsreform hält, muss Klaus-Jürgen Borrmann, der Bürgermeister von Lenzerwische, nicht lange nachdenken: „Wir sind voll dagegen“, sagt er.

Das Prignitz-Dorf Wootz gehörte von 1952 bis 1990 zum Bezirk Schwerin

„Wir wollten unbedingt wieder zu Brandenburg gehören, deshalb haben wir damals geschlossen für den Länderwechsel 1992 gestimmt, damit unsere Heimat wieder das ist, was sie vorher war“, erzählt der Wootzer. „Und damit hatten wir auch die Hoffnung, dass unsere Kreisstadt Perleberg sein wird und natürlich auch bleibt, so wie das schon in alten Zeiten der Fall war“, so Borrmann. Perleberg sei zu Recht stolz auf seine 200-jährige Geschichte als Kreisstadt. Und zudem sei Perleberg ja nicht weit entfernt. – gerade mal 35 Kilometer. So sei die Bürgernähe der Verwaltung noch gewährleistet, findet der Bürgermeister. Und nun sollte es schon wieder eine Kreisreform geben, am Ende noch mit einer Kreisstadt Neuruppin? „Meine Urgroßeltern, die hier schon ihre angestammte Landwirtschaft hatten, würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie davon erfahren würden, was alles so mit uns gemacht wird!“

In Wootz hat man nicht nur abgewartet, sondern sich gegen den geplanten Zusammenschluss der Kreise Prignitz und Ostprignitz-Ruppin gewährt. Bürgermeister Borrmann zeigt etliche vollgeschriebene A-4-Bögen. „Das ist eine Eintragungsliste „Bürgernähe erhalten – Kreisgebietsreform stoppen!“

Der Bürgermeister hat den Protest als Erster unterschrieben

Borrmann und sein Mitarbeiter haben als erste unterschrieben. Danach haben sie sie kurz vor der Bundestagswahl im Gemeindebüro ausgelegt und den Leuten gesagt, dass sie, wenn sie zum Wählen kommen, gleich hier mit unterschreiben können. „Das hat gut geklappt, über 70 Prozent haben unterschrieben“, freut sich Borrmann. „Denn wir sind hier in der Lenzer Wische eine eingeschworene Gemeinschaft und haben schon immer zusammengehalten.“

Dreimal in der Woche ist das Gemeindebüro in Wootz geöffnet. Und an jedem Öffnungstag kamen Bürger eigens zu dem Zweck, gegen die Kreisgebietsreform zu unterschreiben. Was die Wootzer am meisten ärgerte, formuliert der Bürgermeister so: „Dass dieses Thema trotz aller Kritik über unsere Köpfe hinweg beschlossen werden sollte und dass diese Reform, die uns, die wir hier am letzten Zipfel Brandenburgs kurz vor Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern leben, noch mehr ins Hintertreffen bringt.“

Besonderes Unbehagen bereitet den Westprignitzern der Gedanke an eine Kreisstadt Neuruppin. „Wenn Neuruppin Kreisstadt würde, geht nicht nur die Kreisverwaltung, sondern auch das Amtsgericht aus Perleberg weg.“ Von Wootz aus sind es bis Perleberg 35 Kilometer, bis Neuruppin 120 Kilometer. „Wo bleibt denn da – auch bei den Abgeordneten, die ehrenamtlich nach ihrer Arbeit dann noch dorthin müssten – die Bürgernähe?“

„Wir haben das alle total abgelehnt“, ist auch von Klaus Dieter Pawels zu hören. Der Gemeindearbeiter, der zugleich Kirchenältester, Gemeindekirchenratsvorsitzender und Vertreter der Gemeinde Lenzerwische ist und sich seit über 30 Jahren für die Dorfkirche in Mödlich engagiert, kommt in den Dörfern viel herum. „Da ist täglich die Rede über diese unnötige Reform, und alle Leute schimpfen nur!“

„Die Prignitz ist unsere Heimat – mit der Kreisstadt Perleberg!“

Der Mödlicher argumentiert: „Die Westprignitz ist unsere Heimat, zu der wir schon immer gehört haben, und dazu gehört, dass Perleberg unsere altbewährte Kreisstadt ist. So ist es doch seit Jahrhunderten. Wir wollen, dass es auch so bleibt!“

Zuletzt resümiert der Bürgermeister: „Der normale Bürger kann durch diese Reform keine Vorteile erzielen. In jedem Gespräch wird das klar abgelehnt. Aber wo jeder mitbestimmen kann, ist die Wahl, und da hat man ja gesehen, wo der Bürger sein Kreuzchen macht.“

Ein gutes Beispiel dafür sei das mecklenburgische Anklam. Die Stadt war seit 1818 Kreisstadt. Nun ist sie das aber durch die dortige Kreisgebietsreform nicht mehr. Und gebracht hat es überhaupt nichts – aber bei der Wahl besonders viele Stimmen für die AfD.

„Hier in unserer Gemeinde wurde bei der Bundestagswahl auch überwiegend die AfD gewählt. Aber bei uns gibt es keine Rechten oder Nazis, wie das ansonsten behauptet wird, sondern nur enttäuschte Bürger, die ihren Frust an der Wahlurne gezeigt haben.

Eine Kampfansage an den Ministerpräsidenten

Noch Ende der vergangenen Woche waren die Wootzer kampfbereit. Bürgermeister Borrmann sagte etwa: „Wenn Herr Woidke will, dass seine SPD noch um weitere Prozente absinkt, kann er das gern haben, wenn er das mit der Reform macht und uns unsere Kreisstadt nimmt!“ Das ist nun – zur größten Freude der Wootzer und Lenzerwischer – nicht mehr aktuell. Seit Mittwoch ist das Gespenst der Kreisgebietsreform erst einmal vertrieben – und auch in am letzten Zipfel Brandenburgs herrscht überwiegend Erleichterung – aber auch Skepsis. „Da sind wir aber froh“, reagiert der Bürgermeister von Wootz auf die - wir hoffen aber, dass es bei diesem Versprechen auch bleibt und er nicht etwa später umkippt!“

Von Kerstin Beck

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