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Es holpert in Müggendorf

Müggendorf Es holpert in Müggendorf

Die einzige auf einem Deich liegende Pflasterstraße in der Prignitz befindet sich in Müggendorf. Denkmalpfleger bezeichnen sie als Kleinod, doch die alteingesessenen Dorfbewohner können sich mit der Ausweisung als Denkmal nicht anfreunden. Sie fürchten, dass der Ausbau nun viel teurer wird. Zudem wollen sie eine breitere Fahrbahn.

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Touristen finden die alte Dorfstraße romantisch, die Einheimischen finden, dass sie zu schmal ist – nun steht sie unter Denkmalschutz.

Quelle: Kerstin Beck

Müggendorf. Schwalben zwitschern und irgendwo klappert ein Storch – sonst ist im malerischen kleinen Müggendorf kein Mensch zu sehen. Das stimmt aber nicht ganz: Immer wieder fahren Touristen durch das am internationalen Elberadweg liegende Dorf. Ein aus Richtung Wittenberge kommendes Ehepaar hält einmal kurz an, um das Bild auf sich wirken zu lassen: Wie an einer Schnur liegen an einer alten Kopfsteinstraße Bauernhäuser, von denen man durch uralte Eichen zur Elbe blicken kann.

„Das ist wunderschön!“ sagen die beiden Jesteburger, als sie erfahren, dass die Pflasterstraße jetzt unter Denkmalschutz gestellt wurde, und ihr Wort hat bestimmt Gewicht: Das Ehepaar ist seit vielen Jahren in Südeuropa unterwegs und erfreut sich an den dortigen Pflasterungen, „wo man sogar noch antike Fahrrinnen sehen kann!“

Nur 350 Meter ist nun hier der Fahrweg lang, doch er weist eine Besonderheit auf: Es ist die einzige auf einem Deich liegende Pflasterstraße in der Prignitz.

Antrag auf Unterschutzstellung an der Gemeinde vorbei gestellt

„Ein Kleinod“ sagt dazu Matthias Baxmann von der Abteilung Kunst- und Baudenkmalpflege vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege. Ihn freut naturgemäß die Unterschutzstellung der alten Dorfstraße. Doch viele alteingesessene Dorfbewohner können sich darüber gar nicht freuen. Denn sie fürchten, dass nun alles, was mit der Straße in Zusammenhang steht, viel teurer wird – denn ein Denkmalstatus bringt eben auch ganz andere Auflagen. Und die Müggendorfer wünschen sich seit langem eine Verbreiterung ihrer Dorfstraße, die ihrer Meinung nach so gar nicht sicher für Radler, Fußgänger und Landwirtschaftsfahrzeuge ist. Was viele besonders erbost hat, berichtet Bürgermeister Harald Pohle, ist, dass die Unterschutzstellung an der Gemeinde vorbei in die Wege geleitet wurde – und die Müggendorfer vor vollendete Tatsachen gestellt wurden, mit allen Konsequenzen. Pohle: „Da kommen wir jetzt nicht mehr raus.“

Matthias Baxmann findet die Unterschutzstellung aber richtig. Der Mitarbeiter beim Referat Technische Denkmale hat eine ausführliche Begründung für die Eintragung in die Denkmalliste verfasst. Zur Datierung der Pflasterung heißt es darin: „1852 wird die Ortschaft Müggendorf als „auf dem Elbdeich liegend“ bezeichnet. Aus der Zeit stammt die Straße, die im damaligen Urmesstischblatt als Verkehrsfläche ausgewiesen ist und vermutlich nach 1880 gepflastert wurde. Zeitgenössische Fotografien vor dem Ersten Weltkrieg zeigen eine gepflasterte Straße. Ein weiteres Indiz für die Datierung des Pflasters nach 1880 ist, dass hier ursprünglich die gleichen Steine Verwendung fanden wie die bei der Befestigung der Fährzufahrten in Schnackenburg und Lütkenwisch sowie für die Pflasterung der Straße in Schnackenburg“.

Pflasterstraße diente als Deichstabilisator

Bekanntermaßen ist ja die Prignitz „steinreich“, doch das hier verwendete Material kam aus einer völlig anderen Region: „Die Müggendorfer Steine dürften von Plötzky mit Lastkähnen angeliefert worden sein. Weitgehend ursprünglich erhalten sind die Pflasterung südlich der asphaltierten Buswendeschleife und die erwähnte Stichstraße zum Gehöft vor dem Deich. Dieser Straßenabschnitt ist als Polygonalpflaster, dem sogenannten „Mecklenburger Verband“, als Bruchsteinpflaster mit geschlagenen Randsteinen, vermutlich in einen Unterbau aus Kies gebettete Pflasterung mit Plötzkyer Quarzeitstein (auch als Gommern-Quarzit nach dem Abbauort Gommern direkt neben Plötzky bezeichnet) hergestellt worden. Das Material ist ein sehr verwitterungsbeständiges, robustes und langlebiges Gestein, das wegen seiner Frost- und Wetterbeständigkeit früher gern für den Straßenbau als Pflaster eingesetzt wurde. Die gelblich-graue Färbung wie in Müggendorf ist typisch für den Gommern-Quarzit“.

Und warum wurde gerade hier – wie sonst nirgends auf einer Prignitzer Deich-Dorfstraße – gepflastert? Auch dazu fand der Wissenschaftler eine Antwort: „Letztlich hat die Müggendorfer Straße neben ihrer Funktion als Verkehrsweg wegen der Deichstabilisierung auch funktionale Bedeutung für den Hochwasserschutz.“ Den Beweis liefern historische Aufzeichnungen des Prignitzer Deichverbandes, nach denen es allein in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Region Müggendorf mindestens zehn Deichbrüche gegeben hat – so viele wie an keiner anderen Stelle. Und der optimalen Deichsicherheit wegen sind überdies auch die Hof-stellen mit gepflastert worden – wie ebenfalls in keinem anderen Elbdorf der Prignitz.

Zeichen historischer Handwerkskunst

Zum Schluss kommt Matthias Baxmann zu dem Resümee: „Die Straße in Müggendorf ist ein wichtiges bauliches Zeugnis dafür, wie die Einheit von Bauwerk und Landschaft durch Linienführung und Material die Prignitz prägten und noch vereinzelt prägen. Verschiedene Verlegeformen und die Farbenvielfalt der Steine machen sie zu einem besonderen Informationsträger des Pflasterstraßen- und Wegebaus. Die Straße ist darüber hinaus ein wichtiger Informationsträger einer historischen Handwerkskunst, die in heutiger Zeit mehr und mehr verloren geht. Städtebaulich prägt die historische Straße die besondere Ästhetik des Ortsbildes.“

Aber nicht alle Einwohner sehen das genauso. Schließlich ist es geplant, aus Hochwasserschutzgründen und -fördermitteln den Deich zu erhöhen und zu verbreitern; danach soll auch der Fahrweg modernisiert und verbreitert werden. „Da die Straße jetzt unter Denkmalschutz steht, wird die Baumaßnahme teurer, und die Leute hier haben einfach Angst, zuzahlen zu müssen, aber sie können es nicht!“, ist von jemandem zu erfahren, der seinen Namen nicht nennen will. Ein anderer Einwohner, der sich an das Amt Lenzen-Elbtalaue gewandt hatte, um Einsicht in die Planungsunterlagen zu bekommen, wurde vom Amtsdirektor Harald Ziegeler mit den Worten „Ihrer Bitte ... kann ich nicht stattgeben, da es sich hierbei um reine Verwaltungsvorgänge handelt“, abgespeist.

Angst vor Zoff im Dorf

Die Gemeinde Cumlosen, zu der Müggendorf gehört, muss sich nun erst abstimmen, wie es weiter geht. Von Bürgermeister Harald Pohle ist auf Nachfrage zu erfahren: „Wir müssen jetzt sehen, wie wir mit der neuen Situation umgehen; mehr kann ich dazu nicht sagen“. Und ähnlich äußert sich Torsten Benecke, der für Müggendorf zuständige Planer im Wittenberger Büro Rauchenberger: „Wir werden uns bemühen, alles finanzierbar zu machen!“

Inzwischen wurden bereits bei einer Müggendorfer Einwohnerin, die verdächtigt wird, bei der Unterschutzstellung der Straße mitgeholfen zu haben, wertvolle Kletterrosen gekappt – nun ermittelt die Kripo. Doch die Dame steht auf ein gutes Miteinander im Dorf und hat zum Sonntag alle Müggendorfer zu einem Informationsgespräch geladen, um ihnen die Angst zu nehmen. „Es gibt Gründe, um zuversichtlich zu sein, dass es mit der Straße so kommt, damit allen Anforderungen Rechnung getragen wird. Und mir kommt es besonders darauf an, dass wir hier zusammen in Frieden und in einer guten Gemeinschaft miteinander leben.“

Von Kerstin Beck

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