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„Internet ist Leben“

Familie Sidou aus Syrien fühlt sich gut aufgenommen in Meyenburg „Internet ist Leben“

Familie Sidou aus Syrien fühlt sich in Meyenburg gut aufgenommen. Nachdem Mutter Hannaa und ihre drei Töchter am 19. Mai in der Prignitz ankamen, erfuhren sie große Unterstützung. Die einzige Möglichkeit, Kontakt in die Heimat zu halten, ist für die Mädchen und Frauen das Handy. Aber das kostet viel Geld.

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Hannaa Sidou und Tochter Zaynab fühlen sich wohl in Meyenburg.

Quelle: Beate Vogel

Meyenburg. Hannaa Sidou ist ein freundlicher Mensch. Wer zu ihr ins Wohnzimmer kommt, dem stellt sie Kaffee und Knabbereien auf den Tisch. Der Gast soll sich wohlfühlen. „Alle sind sehr nett hier, wir haben viel Hilfe bekommen“, erzählt sie. Die 47-jährige Syrerin mit der mädchenhaften Ausstrahlung lebt seit dem 19. Mai in Meyenburg. Sie ist im November 2014 mit ihren drei Töchtern aus ihrer Heimatstadt Aleppo nach Europa geflohen.

Jetzt wohnt Hannaa Sidou mit Zaynab (13), Fyan (18) und Judi (20) in einer der kommunalen Wohnungen in der Plauer Straße von Meyenburg. Im Wohnzimmer stehen eine Sitzecke, ein Couchtisch, ein Esstisch mit vier Stühlen. In der altmodischen Glasvitrine stehen ein paar bunte Gläser. Persönliche Sachen finden sich kaum. Wer sich mit den Frauen unterhalten möchte, muss viel mit Händen und Füßen arbeiten. Noch: Denn seit der vergangenen Woche besuchen Hannaa und ihre Töchter an zwei Tagen wöchentlich den Deutschkurs, der in der Meyenburger Grundschule angeboten wird. Mutter Hannaa ist ebenso wissbegierig wie ihre jüngste Tochter Zaynab, die mit den ersten paar Brocken Deutsch und ein wenig Englisch beim Übersetzen hilft. Auch die 20-jährige Judi spricht Englisch.

Zur Verständigung hat sich Hannaa ein App mit Übersetzerfunktion aufs Smartphone geladen, Deutsch – Arabisch, Arabisch – Deutsch. Das klappt ganz gut, zum Beispiel, wenn sie sich mit Ines Franke unterhalten will. Diese ist bei der Arbeiterwohlfahrt Prignitz für die Betreuung der Flüchtlinge unter anderem in Meyenburg zuständig. „Ich muss immer etwas essen, wenn ich zu den Leuten komme“, erzählt Ines Franke. „Die Menschen sind alle unheimlich gastfreundlich.“ Neben Familie Sidou leben noch acht junge Männer in dem Wohnblock – vier aus Afghanistan, vier aus Pakistan.

So finanzieren die Länder die Unterbringung der Flüchtlinge

Die Erstattung der Kosten der Kommunen für die Unterbringung und Versorgung von Asylbewerbern wird in den Bundesländern unterschiedlich gehandhabt.

Die meisten Länder zahlen eine Jahrespauschale pro Asylbewerber: Brandenburg zum Beispiel 9128 Euro plus eine Investitionspauschale von 2300 Euro pro Unterbringungsplatz), Niedersachsen 6195 Euro, Sachsen 7600 Euro und Gesundheitskosten von über 7669,38 Euro. Eine volle Kostenübernahme nach Abrechnung gibt es in Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und im Saarland. Einen Sonderweg hat Baden-Württemberg gewählt. Hier erhalten die Kommunen eine Einmalzahlung von 13 260 Euro für jeden aufgenommenen Flüchtling. Das deckt mehr als drei Viertel der Kosten.

Beim Flüchtlingsgipfel Anfang Juni hatte der Bund den Ländern und Kommunen eine Verdopplung seiner finanziellen Unterstützung im laufenden Jahr auf eine Milliarde Euro zugesagt. Von 2016 an will sich der Bund zudem „strukturell und dauerhaft“ an den Kosten bei der Versorgung von Flüchtlingen beteiligen. Hintergrund ist die steigende Zahl von Flüchtlingen, die Kommunen vor große Probleme stellt.

Familie Sidou verließ im November ihre Heimat Syrien. Ihr Weg führte sie über Damaskus, Beirut, Paris und Zürich nach Deutschland. „Zunächst wohnten die Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt in der Zentralen Erstaufnahmestelle“, weiß Ines Franke. Die Sidous und drei der Afghanen begrüßte die Awo-Mitarbeiterin am 19. Mai am Pritzwalker Bahnhof. „Einer der Afghanen war schon gegen 16 Uhr da, die anderen kamen gegen 20 Uhr an.“ Zunächst hätten sie dort nicht so recht weitergewusst. „Aber der Mann vom Döner-Imbiss hat sich um sie gekümmert, er spricht kurdisch und Hannaa Sidou auch.“ Die vier Pakistani seien dann gegen 23 Uhr in der Prignitz gelandet. Irgendwie geleitete Ines Franke alle in ihre Unterkünfte in Meyenburg. „Wir haben hier recht gebildete Leute zu Gast“, erzählt die Betreuerin. Manche der Flüchtlinge könnten aber weder lesen noch schreiben. Und doch müssen sich alle irgendwie an ihren Zielort durchschlagen: „Sie bekommen einen Zettel in die Hand und den Fahrschein, dann müssen sie sich durchfragen.“

Familie Sidou fühlt sich indessen in Meyenburg nach den ersten Wochen richtig wohl. Für einige Tage half ihnen hier ihr Freund Yasser aus der Schweiz, der recht gut Deutsch spricht. Kaum angekommen, erfuhren die Flüchtlinge große Unterstützung. „In Meyenburg gibt es Leute, die sich sehr liebevoll um die Flüchtlinge kümmern“, sagt auch Ines Franke. Die Couch spendete ein Möbelhaus, andere Möbel, Kleidung oder Haushaltsgegenstände kamen von verschiedenen Bürgern. Hannaa ist voll des Lobes: „Das war super, es sind so freundliche Menschen hier. Gerd, Sybille, Johannes, Herr Köhler“ zählt sie einige auf. Für die Familie, die in Deutschland einen Asylantrag gestellt hat und auf eine Bewilligung hofft, ist klar: „Hier wollen wir bleiben.“

Zaynab geht inzwischen begeistert in die Schule: „Das ist toll, ich habe schon Freunde gefunden. Ich mag sie und sie mögen mich“, erzählt die 13-Jährige. Auch die Lehrer seien sehr nett. Ihre Schwester Judi dagegen bleibt zuhause. Sie hatte an der Universität in Aleppo Wirtschaft studiert, erzählt sie. Nun hofft die 20-Jährige, dass sie eines Tages in Deutschland einen Studienplatz bekommt. Mutter Hannaa ist gelernte Friseurin.

Der größte Wunsch der vier Syrerinnen ist, ganz schnell Deutsch zu lernen. Ein zweiter ist eine günstige Internetverbindung. „Das Telefon verbraucht eine Menge Geld.“ Die 47-Jährige hat oft ihr Handy in der Hand. Es ist das einzige Bindeglied zu ihrer Familie und den Freunden in Syrien. Mit ihnen verständigt sie sich über Whatsapp oder Viper, auch die Mädchen kommunizieren so mit ihren Freunden. „Die Eltern sind immer in Gefahr“, sagt die Mutter und deutet an, dass es in der Heimat immer wieder Luftangriffe gibt. „Internet ist Leben“, bringt es Hannaa Sidou auf den Punkt. Einen Vertrag kann sie aber nicht abschließen, weil sie kein Konto hat. Dieses wiederum kann sie ohne Papiere nicht eröffnen. Nun hoffen sie auf die Bewilligung ihres Asylantrages.

Von Beate Vogel

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