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Familiengruft geöffnet

Schilde Familiengruft geöffnet

In Schilde wurde die Gruft der Familie von Graevenitz zur Sanierung geöffnet. Dabei kamen reich verzierte Särge zum Vorschein – es war eine Begegnung mit dem Tod, aber auch mit der Vergangenheit und Geschichte einer Familie.

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Plötzlich gibt es ein großes Aufsehen: Ein reich verzierter Sarg kommt ans Tageslicht.

Quelle: Kerstin Beck

Schilde. Seit Monaten wird an der Kirche von Schilde (Amt Bad Wilsnack-Weisen) gearbeitet, gebaut und saniert, so auch vor wenigen Tagen. Aber heute ist ein besonderer Tag. Die beiden Restauratoren Regina und Andreas Ströbl von der Forschungsstelle Gruft aus Lübeck sind gekommen, und mit den verschiedensten Gefühlen haben sich hier zu ihnen Helfer wie Andreas Draeger vom Kreiskirchenbauamt, Gordon Thalmann von der Unteren Denkmalbehörde beim Landkreis Prignitz und Pfarrer Sacha Sommershof aus Wittenberge gesellt. Die Kirchenälteste Hiltraud Pachura hat es sich dazu nicht nehmen lassen, zusammen mit ihrem Ehemann die Verköstigung der Anwesenden zu übernehmen.

Aber gleich nebenan, wo das Leben mit Kaffee, Kuchen und Kartoffelsalat mit Bockwurst regiert, regiert auch der Tod. Denn es ist vorgesehen, die inzwischen geöffnete Gruft, in der vom 18. bis in das 19. Jahrhundert hinein Mitglieder der hier seit 1426 erstmals erwähnten Familie von Graevenitz bestattet worden sind, auszuräumen, um den Anbau auch von innen sanieren zu können. Und bei der Gelegenheit sollen auch die Särge wieder in einen guten Zustand versetzt werden.

Ein erster Blick in die Totenkammer verrät: Hier waren Vandalen am Werk – kreuz und quer liegen die aufgebrochenen Behältnisse. Das ist aber schon Jahrzehnte her, und der Eingang zur Kammer wurde auch aus diesem Grund 1945 endgültig vermauert.

Zu den Verzierungen gehört ein halb grotesker und halb furchteinflößender Maskaron

Zu den Verzierungen gehört ein halb grotesker und halb furchteinflößender Maskaron.

Quelle: Kerstin Beck

Nun heißt es, Mundschutz vor das Gesicht, und es erfolgt eine Prozedur, die ehemals gegenteilig war: Auf einer fahrbaren Tragbahre kommt alles wieder ans Tageslicht zurück: große, etwa zwei Meter lange Särge, Kindersärglein von nur einem halben Meter Länge, dazu etliche Bretter. Darunter ein „Bock“, welcher der Nachweis dafür ist, dass nicht alle Totenschreine so einfach auf die Erde gestellt worden sind. Ein Sargoberteil mit einer reich ziselierten Inschrift: Hiob, 25.

Und gerade das bringt noch mehr Erkenntnisse: „Es gibt Hinweise darauf, dass in dieser Familie der Glaube an die Auferstehung des Körpers ganz besonders intensiv war. Erst einmal durch die Bestattung oberhalb der Erde und dann durch diesen Spruch ,Ich weiss, dass mein Erlöser lebet und er wird mich hernach aus der Erde auferwecken’. Und dann gibt es auf einem Sarg noch ein Kirchenlied, welches ebenfalls in diese Richtung weist“, erklärt die Kunsthistorikerin, die schon eifrig am Säubern eines anderen Oberteiles mit barocken Verzierungen ist.

Und dann plötzlich gibt es ein großes Aufsehen: Es kommt ein Sarg hervor, reich verziert, an der Seite sogar eine Bekrönung, darunter verschlungene vergoldete Initialen. Ein weiteres Dekor: ein Maskaron, halb grotesk und halb furchteinflößend. „Aber eben typisch für diese Zeit!“, so der Kunstwissenschaftler.

Und dann an der Kopfseite eine Inschrift, die sogar gut lesbar ist und von Andreas Ströbl vorgelesen wird, als gäbe es nichts Einfacheres:„Hier ruhet selig in Gott Die Hoch Wolgebohrne Frau Fr. Anna Maria Geboohrne V. Grävenitz. Des Weyland Hoch Wolgebohren Herren Hr. Johan Moritz V. Schenck, Generalmajor und Erbschatzmeister V. Ihre Köni(gli)che Maist. Von Preussen Erbherr V. Bodensall und Hasselberg Hinter Lassene Wittwe. Ist Gebohren 1664 Den 14. Sebtembr. Verheyrahtet 1688 den 6. Juny. Gestorben 1729 Den 21. May Ihres Alters In 64 Jar.

Mein Jesu Ich Befehle Meine Seele In Deine Hende. Der Wechsel Ist Geschlossen Das Beste Ist Er Wehlt. Ich Seh Den Himmel Offen Des Weg Ist Nicht Gefählt.“

Unter der Inschrift befindet sich  ein Maskaron mit Tragegriff

Unter der Inschrift befindet sich ein Maskaron mit Tragegriff.

Quelle: Kerstin Beck

Gerade bei diesem Sarg entsteht sofort ein Bild: Eine feierliche Prozession ist zu sehen, die der Verstorbenen, die wohl aufgrund ihres Letzten Willens in der Familiengruft beigesetzt werden wollte, erst das Geleit in die Kirche zur Trauerfeier gibt. Danach kommt der Schrein nebenan ins Gewölbe, und die Familienangehörigen schreiten voller Trauer ins herrschaftliche Haus, welches nur wenige hundert Meter von der Kirche entfernt liegt, zurück.

Inzwischen ist vieles nicht mehr so, wie es einmal war: Das „Schloss“ steht nicht mehr, verschlossen war die Gruft.

Doch Angehörige der Familie gibt es noch, denen es zusammen mit dem Kirchenkreis Prignitz zu verdanken ist, dass auch die Särge renoviert werden können, denn diese sind in der Finanzierung des gesamten Vorhabens nicht inbegriffen.

Die Hölzer werden gereinigt, und wo es notwendig ist, werden die Särge mit neuen Böden versehen. Den darin Bestatteten wird in der Zwischenzeit pietätvoll auch ihre nötige Ruhe an einem entsprechend würdigen Ort zuteil; zu ihnen gibt es während der nächsten Tage, die die Restaurierung einnehmen wird, auch keinen „Zutritt“ für Neugierige.

Von Kerstin Beck

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