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Prignitz Fest im Sattel
Lokales Prignitz Fest im Sattel
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00:18 27.10.2013
Maria Wolter hat sich ausnahmsweise in Klischee-Schale geworfen. Quelle: Regine Buddeke
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Herzberg

Sie reiten direkt in den Sonnenuntergang: Im Hintergrund flammen die letzten tieforangenen Strahlen, davor die Silhouette dreier Männer mit breitkrempigem Hut auf ihren Pferden – eine markante Szene voller Männlichkeit und Romantik gleichermaßen.
„Westernreiten ist ja oft sehr klischeebehaftet“, sagt Maria Wolter. „Wir machen hier professionellen Sport.“ Die 27-Jährige aus Herzberg bei Neuruppin betreibt gemeinsam mit ihrer Mutter Andrea die Western Ranch „American Horse Paradise“. Neben zehn Pensionspferden hat jede der beiden Frauen noch zehn eigene Westernpferde im Stall: Mutter Andrea züchtet Appaloosa, Tochter Maria Quarter Horse. Da bleibt kaum Zeit, durch den Sonnenuntergang zu reiten. Selbst Marias Töchterchen June Dora packt mit an: der Futtereimer, den die Zweijährige für ihre drei Ponys zum Stall schleppt, ist indes nur eine Miniaturvariante.

Andrea Wolter reitet, seit sie denken kann. „Ich komme ursprünglich aus dem konventionellen Reitsport“, sagt die 54-Jährige. Der wurde ihr aber schnell zu langweilig. „Die Vielseitigkeit des Westernreitens hat mir imponiert.“ Westernreiten ist Arbeitsreiten, neun Disziplinen gibt es davon. Dabei gehört es dazu, vom Pferd aus das Tor zu öffnen oder über kleine Hindernisse zu galoppieren. „Das Pferd hat eine Aufgabe“, sagt Andrea Wolter. Außerdem kommen Rinder zum Einsatz. Die Wolters besitzen eine Handvoll afrikanische Zwergrinder. „Die sind dafür prädestiniert, weil es Wildrinder sind.“ Ihr Herdentrieb sei ungleich stärker. Hausrinder dagegen würden zu schnell lernen, was das Pferd von ihnen erwarte. Beim Viehtrieb hängt es sehr vom Gespür des Pferdes ab, dass die Kühe parieren. „Ein Pferd sollte Cow-sense haben“, erklärt Andrea Wolter. Das bedeutet: Die Pferde können die Rinder „lesen“. „Ein gutes Cutting-Pferd muss ein Tier von der Herde trennen können. Sie spüren, wenn die Herde dreht und drehen synchron mit.“ Der Reiter sollte also besser fest im Sattel sitzen. Ein Western-Pferd ist sehr selbständig – das sei aber auch das Schöne daran. Zudem ist es für Reitanfänger ideal, ebenso für ältere Pferdenarren. „Der Altersdurchschnitt unserer Reiter liegt bei etwa 50 Jahren“, erzählt Andrea Wolter. „Unsere älteste Pensionseinstellerin ist 70 Jahre alt.“ Sie selbst sei während ihres ganzen Reiterlebens oft abgeworfen worden. „Aber das gehört dazu“, sagt sie. „Im Grunde habe ich mir nur einmal richtig wehgetan.“

Dass die Western-Frauen in Herzberg leben, ist dem Schönefelder Flughafen geschuldet. 1997 musste sich die studierte Ingenieurin Andrea Wolter, die damals in Alt Glienicke zu Hause war, nach neuen Weiden und Reitflächen umsehen, das expandierende Flughafengelände schluckte zu viel Fläche. Sie erwarb einen heruntergekommenen Rasthof in Herzberg und restaurierte ihn in mühsamer Eigenarbeit. „Ich mach das lieber alles selbst“, sagt die kleine drahtige Frau. „Für Kredite bin ich zu alt.“ Gerade erst habe sie und ihre Tochter den Reitplatz neu angelegt, mit einem Spezialuntergrund für die spezifische Reittechnik. Bereut haben die Wolters den Umzug nicht, auch wenn der Alltag hart ist. Mutter Andrea bietet geführte Trail-Ritte und Tagestouren, veranstaltet in Kooperation mit Herzberger Pensionen auch Reiterferien und bringt Kindern das Reiten bei. Nebenher betreut sie die Pensionspferde und bietet in Berlin therapeutisches Reiten an. Maria gibt Reitunterricht für Western-Einsteiger und Umsattler. „Aber das reicht nicht, ich muss mich noch nach einem Nebenjob umschauen“, bekennt die 27-Jährige, die seit ihrem fünften Lebensjahr Turniere reitet.

Mutter Andrea Wolter ist Mitglied der Ersten Westernreitunion Deutschlands und hat die Landesregionalgruppe Berlin-Brandenburg mitgegründet. Auch sie reitet regelmäßig Turniere. In diesem Jahr waren es sechs, darunter die Landesmeisterschaft. Aber auch an den Deutschen Meisterschaften hat sie schon teilgenommen, bis ins Finale ist sie einmal gekommen. „Turniere sind natürlich eine Geldfrage“, sagt sie. Ohne Sponsoren seien Startgelder, Sprit und Unterkunft oft nicht bezahlbar. „Es ist ein hochkarätiger, teurer Turniersport“, sagt Andrea Wolter. Aber sie haben eine Mission: „Wir wollen das Westernreiten noch bekannter machen“, sagen beide „Cowgirls“. Deshalb wollen sie im Frühjahr einen Tag der offenen Tür veranstalten: mit Show-Programm und Lagerfeuer. Und vielleicht sogar mit romantischem Sonnenuntergang.

Von Regine Buddeke

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