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Flüchtlinge wollen lieber in die Stadt

Sadenbeck Flüchtlinge wollen lieber in die Stadt

Im Pritzwalker Ortsteil Sadenbeck schlugen die Wellen hoch, als es hieß, dass knapp 50 Flüchtlinge in den Wohnblock ziehen sollen. Eineinhalb Jahre später ist es ruhig geworden im Dorf – so ruhig, dass die Familien aus Tschetschenien und dem Iran lieber in die Stadt ziehen wollen.

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Zeinab Ameri und ihr Mann Foad pour Alvany (hinten) kamen mit ihren Kindern Aida und Mehdi (vorn, v. l.) aus dem Iran nach Deutschland.Zu Besuch ist die kleine Cousine.

Quelle: Beate Vogel

Sadenbeck. So richtig heimisch sind die Flüchtlinge in Sadenbeck nicht geworden. „Wir wollen hier weg“, da sind sich die zwei Flüchtlingsfamilien, die etwa seit Anfang 2016 im Pritzwalker Ortsteil leben, einig. Das Dorf sei – wie andere Prignitzdörfer auch – einfach zu einsam und zu abgelegen, meint der 17-jährige Salman Schitaev, der mit seinem zehnjährigen Bruder Alihan und der Mutter Hawa Davletukaeva aus Tschetschenien nach Deutschland kam. Familienvater Foad pour Alvany, der mit seiner Familie wegen ihres christlichen Glaubens aus dem Iran floh, würde lieber nach Berlin ziehen – nicht zuletzt, weil dort ihre Kirchengemeinde aktiv ist.

Heftigen Gegenwind mussten Vertreter der Stadt Pritzwalk und vom Landkreis im September 2015 ertragen, als sie in einer Einwohnerversammlung ihr Flüchtlingskonzept für den Ortsteil Sadenbeck vorgestellt hatten. Knapp 50 Asylbewerber sollten die zwölf Wohnungen im Neubaublock beziehen. Neben Ängsten und Kritik schlug den Damen und Herren auf dem Podium damals auch blanker Hass entgegen. Bis auf eine Wohnung, in der junge Männer unterkamen, wurden dann alle von Familien bezogen. Inzwischen ist es ruhig geworden in Sadenbeck. Fast zu ruhig, finden die neuen Bewohner des Wohnblocks. Viele sind wieder weg – nach Pritzwalk, Wittenberge und Perleberg oder zu Verwandten in die alten Bundesländer sind sie gezogen.

Lieber in eine große Stadt

Der zehnjährige Alihan geht in Pritzwalk zur Schule, in die vierte Klasse, Salman Schitaev besucht seit September 2016 täglich den Deutschkurs in der Dömnitzstadt. Immer sind sie auf den Bus angewiesen, der meist nur die Schulzeiten abdeckt und am Wochenende gar nicht fährt. Die drei würden gern nach Pritzwalk oder Wittenberge ziehen, jedenfalls in eine Stadt. Zumal die Mutter regelmäßig zum Arzt muss, da sie Probleme mit dem Bein hat. Das ist nicht einfach.

Manchmal gibt es morgens im Bus Probleme mit den anderen Fahrgästen, sagt der 17-Jährige: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Deutsche mit Ausländern nichts zu tun haben wollen.“ Viele Freunde habe er noch nicht gefunden, er trifft sich mit einem Tschetschenen in Pritzwalk oder einer deutschen Freundin in Ellershagen. Trotzdem blickt er nach vorn: „Ich möchte mal Automechaniker oder Schweißer werden.“ Sein Bruder möchte nach der Schule und einer Ausbildung zur Polizei.

Viele haben die Region wieder verlassen

Im Dezember 2016 erhielten im Landkreis 820 Asylbewerber Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. 423 Wohnungen und die Gemeinschaftsunterkunft in der Wahrenberger Straße in Wittenberge waren angemietet. Der Kreis erhält für die Versorgung pro Flüchtling und Jahr 9200 Euro vom Bund.

Ablehnung haben auch Aida und Mehdi pour Alvany im Schulbus erlebt: „Manche stellen ihre Mappe neben sich auf den Sitz, dann müssen wir stehen. Einmal hat auch einer geschubst“, erzählt die zwölfjährige Aida. Die beiden Kinder sprechen gut Deutsch. Aida hilft beim Übersetzen. Vater Foad pour Alvany und Mutter Zeinab Ameri fahren mit ihnen morgens nach Pritz
walk, wo sie den Deutschkurs besuchen und einkaufen. In Sadenbeck gibt es nichts. Wenn sie die Sprache beherrschen, können sie arbeiten, meint Foad. Er ist Haushaltsgerätemonteur, seine Frau ist Friseurin. In zwei bis drei Monaten, so hoffen sie, bekommen sie die Arbeitserlaubnis. Auch sie wollen weg aus Sadenbeck, setzen auf die Kontakte ihrer Verwandten und Freunde sowie die Kirchengemeinde in Berlin. Die Gemeindearbeit fehlt ihnen, sie können nur am Wochenende daran teilnehmen.

Nicht viele Kontakte im Dorf

In der Schule läuft es gut für die Kinder. Aida will später aufs Gymnasium. Nachmittags in Sadenbeck kann die Familie nicht mehr so viel tun: Hausaufgaben, Essen kochen, abends ins Bett. Fernsehen gucken die Iraner auf Deutsch, damit sie die Sprache lernen. Viel Kontakt gibt es nicht im Dorf, sagt Foad pour Alvany. Manchmal treffen sie sich bei Reinhard Budnick, der ihnen vergangenes Jahr, bevor der Deutschkurs begann, Sprachunterricht gab. „Einige Menschen in Sadenbeck sind gut, die waren wirklich nett zu uns, andere nicht so“, sagt der Iraner. Eigentlich wie überall.

Von Beate Vogel

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