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Freya Klier über Frauen in der DDR

Perleberg Freya Klier über Frauen in der DDR

Über den Stand der Frauen in der DDR – in der Familie sowie in der Arbeitswelt – darum ging es am Mittwochabend in einem Themenabend in Perleberg. Die frühere Bürgerrechtlerin in der DDR, Freya Klier, war gekommen, um ihren Dokumentarfilm zu diesem Thema vorzustellen und mit den Gästen zu diskutieren.

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Freya Klier diskutierte mit dem Publikum nach der Vorstellung ihres Dokumentarfilmes über die Arbeitswelt der Frauen in der DDR.

Quelle: Fariba Nilchian

Perleberg. Drei Generationen von Frauen begeben sich auf eine filmische Spurensuche ihrer gemeinsamen DDR Vergangenheit. „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ heißt der neue Dokumentarfilm von Freya Klier. Ihre Tochter Nadja führt als Ich-Erzählerin durch den 45-minütigen Film, ihre Mutter Editha Krummreich erinnert sich vor der Kamera an ihr Berufsleben in der DDR. Die drei Frauen werfen einen kritischen, aber auch liebevollen Blick zurück auf ein Land, in dem die Gleichberechtigung Staatsziel gewesen ist. War Familie und Beruf damals besser vereinbar als heute? Wie hoch war der Preis, den die Frauen für die Emanzipation gezahlt haben?

Fragen die in Perleberg auch heute noch von Interesse sind. Im Veranstaltungsraum des Doku-Zentrums sind an diesem Mittwoch Abend alle Stühle besetzt. Viele der Besucher haben die DDR-Zeit noch im Erwachsenenalter selbst erlebt. Freya Klier ist eine der bekanntesten ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerinnen und ist als solche immer wieder mit dem Regime in Konflikt geraten. Nach einem Fluchtversuch wurde sie 1968 als junge Frau inhaftiert und als Mitbegründerin der Friedensbewegung später mit einem Berufsverbot belegt. Im Jahr 1988 überlebte sie mit Ihren damaligen Mann Stefan Krawczyk einen Mordanschlag der Stasi. Kurz darauf wurde sie ausgewiesen. Heute engagiert sich die Autorin und Filmemacherin für die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit.

Statistiken, die nachdenklich stimmen

Die 88-jährige Mutter der Regisseurin erzählt im Film von ihren guten Erinnerungen an die Arbeit bei der VEB Polypack in Dresden. Es gab einen Friseur und Fußpflege, einen betriebseigenen Kindergarten und sogar ein Ferienlager. Man hat sich wohlgefühlt an seinem Arbeitsplatz und es fand dort viel Familienleben statt. Aus der wohlwollenden Rückschau der Großmutter ergeben sich im Verlauf der Dokumentation kritische Fragen. Trotz guter Infrastruktur am Arbeitsplatz und durchorganisierter Kinderbetreuung waren es die Frauen, die eine Doppelbelastung zu tragen hatten. Nach Feierabend war der Haushalt dran.

Die Autorin, nach eigener Aussage „eine Freundin von Statistiken,“ hat Zahlen gesammelt, die nachdenklich stimmen. In den fünfzehn Jahren zwischen 1974 und 1989 kamen in der DDR etwa 3,5 Millionen Kinder auf die Welt, im gleichen Zeitraum gab es circa 1,4 Millionen Schwangerschaftsabbrüche. „Das entspricht der Einwohnerzahl einer ganzen Großstadt“ so Freya Klier in der Diskussionsrunde nach der Filmvorführung. Ende der siebziger Jahre waren fast 90 Prozent der Mütter berufstätig. Im gleichen Zeitraum sei die DDR mit 40 Prozent Weltranglistenerster in der Scheidungsrate gewesen und belegte den traurigen zweiten Platz in der Selbstmordstatistik.

Nur wenige Frauen in Führungspositionen

In den achtziger Jahren hätte sich die zunehmende Auflösung der Gesellschaft auch in den sinkenden Geburtenraten gezeigt. Mit Archivmaterial und Interviews führt der Dokumentarfilm zurück in diese Zeit. Auf dem elften Parteitag der SED im Jahre 1985 wurde der Kreißsaal zum „Kampfplatz für den Frieden“ erhoben. Frauen wurden aufgerufen drei Kinder zu bekommen und der Staat förderte Familien mit kinderabhängigen Krediten. Eine Gleichstellung der Geschlechter in der Bezahlung wurde aber auch in der DDR nicht verwirklicht und unter den Führungskräften gab es wenige Frauen.

„Es fiel Frauen nach dem Mauerfall oft leichter sich auf die neuen Umstände einzustellen,“ so Freya Klier, „sie hatten nicht so viel verloren, waren es aber gewohnt selbstständig zu sein und zu arbeiten.“ Im Film erklären Frauen aus Strodehne die ländlichen Familien- und Arbeitsstrukturen. „Wir sind hier wie ein Reißverschluss, ganz eng verzahnt,“ Die Arbeit lastet auf den Schultern mehrerer Generationen. Nach ihrem Anteil an der Hausarbeit gefragt, antwortet ein Strodehner Mann schmunzelnd: „Einen Besen hatte ich nur bei der Armee in der Hand – für Hausarbeit sind Männer doch viel zu intelligent“.

Von Fariba Nilchian

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