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Prignitz Friedensdekade machte Streit zum Thema
Lokales Prignitz Friedensdekade machte Streit zum Thema
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17:33 22.11.2017
Friedensdekade 2017 in Pritzwalk: Die Gespräche in der Taufkapelle drehten sich rund um das Thema Streit. Quelle: Bernd Atzenroth
Pritzwalk

Es passiert, dass beim Streiten Menschen auch einmal aneinander vorbeireden. Wie schnell das gehen kann, zeigte am Dienstag eine Veranstaltung im Rahmen der diesjährigen Friedensdekade der evangelischen Kirchengemeinde. Seit zehn Tagen bereits beschäftigen sich Menschen in der Taufkapelle der Pritzwalker Nikolaikirche mit dem Thema Streit. Und die Pritzwalker Pfarrer Susanne Michels und Holger Frehoff zeigten sich sehr zufrieden über die Resonanz. So kamen knapp 40 Besucher zum Vortrag der Superintendentin des Kirchenkreises Prignitz, Eva-Maria Menard, die zunächst bekannte, Streitlust zu haben, aber sich auch nach Harmonie zu sehnen.

Wobei Vortrag hier nicht als Beschreibung passt. Eva-Maria Menard ließ die Besucher zunächst in Gruppen über Alltagserfahrungen mit Streit diskutieren. Alle stellten ihre Ergebnisse vor. Hatte eine Gruppe Streit im persönlichen Umgang, etwa in der Familie, im Auge, so kam eine anderen zu der Erkenntnis, dass zum Streiten die Bereitschaft gehört, seine eigene Position in Frage zu stellen. Eine dritte hatte festgestellt, dass viele Streit auf Arbeit vermeiden, „weil jeder um seinen Arbeitsplatz bangt“.

Rollenspiel in der Taufkapelle. Quelle: Bernd Atzenroth

Doch damit ließ es die Superintendentin nicht bewenden. „Wir haben ordentlich gestritten“, meinte sie, „ aber das war nur die Aufwärmübung.“ Ein Vorfall am Reformationstag war für sie der Anlass zu einem Rollenspiel. Just an jenem Tag, an dem sich der Thesenanschlag Martin Luthers an der Kirche zu Wittenberg sich zum 500. Mal jährte, fanden sich an Kirchentüren in der ganzen Region Zettel mit folgendem Text: „Im Zuge der landesweiten Kirchenaktion „Mehr Offenheit & Toleranz gegenüber muslimischen Mitbürgern“ bleibt das Gotteshaus ab dem 31.10.2017 bis auf weiteres geschlossen. Der Gottesdienst wird ebenfalls ausgesetzt. Mit dieser Maßnahme seitens der Kirche sollen Konflikte vermieden werden, da in jüngster Vergangenheit das Ausüben des Gottesdienstes als „rassistischer Akt“ gegenüber muslimischen Mitbürgern bezeichnet wurde.“ Die Verfasser unterzeichneten mit „Der Vorstand“. Wer es geschrieben hat, ist bis heute unklar, und auch über die Intention gibt es nur Mutmaßungen. Die Angelegenheit schaffte es aber in den Polizeibericht. Aber das alles ließ Eva-Maria Menard die Anwesenden zunächst noch nicht wissen.

Im Rollenspiel sollten Anwesende unterschiedliche Positionen einnehmen. Einer sollte sich als Sympathisant outen, ein anderer dagegenreden. Es gab auch einen Schlichter und einen freien Stuhl für jeden, der sich bemüßigt fühlte, in die Diskussion einzugreifen. Es entspann sich sofort ein Austausch darüber, wie offen ein Gotteshaus für Menschen anderen Glaubens sein sollte – wobei die meisten immer noch der völligen Offenheit das Wort redeten. Der Zettel erwies sich als vielschichtig, weil so gut wie jeder anders an ihn heranging und die Diskussion teilweise auf verschiedenen Ebenen geführt wurde – mitunter wurde er für bare Münze genommen. Nicht ohne Grund nahm Menard kurzzeitig die Sympathisanten-Position im Rollenspiel ein, um das Augenmerk auf einen Aspekt zu lenken: Dass der Zettel bei manchem glaubwürdig rüberkam, weil er tatsächlich der Kirche eine solche Haltung unterstellt.

Staatsschutz ermittelt gegen unbekannt

Der Fall ist übrigens noch nicht aufgeklärt: An 18 Kirchentüren hing nach Angaben von Toralf Reinhardt von der Polizeidirektion Nord ein solcher Zettel, nicht nur in den Kreisen Prignitz und OPR, sondern auch in angrenzenden Gebieten in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Der Staatsschutz ermittelt, derzeit noch gegen unbekannt. „Wir bearbeiten auch die Fälle aus den Nachbarländern“, erklärte Reinhardt. Geprüft wird der Vorwurf der Amtsanmaßung, da sich die Schreiber des Zettels als „Vorstand“ ausgegeben haben.

Aufgrund der Zettel ist aber kein Gottesdienst am Reformationstag ausgefallen. Sein Inhalt war allerdings angetan, um auf der Friedensdekade höchst unterschiedlich verstanden und ausgelegt zu werden. Klar war nur: Es handelt sich um ein Fake, und dem Verfasser ist durchaus böswillige Absicht zu unterstellen, wie auch Reinhardt meinte. Beim Schlussfazit der Diskussion überwog aber die Einschätzung, dass der Zettel auch etwas Gutes hat: Er brachte die Menschen zum Diskutieren und Nachdenken.

Von Bernd Atzenroth

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