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Prignitz Gegenwind für Freie Kräfte in Glöwen
Lokales Prignitz Gegenwind für Freie Kräfte in Glöwen
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11:02 21.02.2016
Perleberger Gymnasiasten gehen Nazis offenbar auf den Keks. So betätigten sie sich als Keksbäcker. Quelle: Bernd Atzenroth
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Glöwen

Auf beiden Seiten der B 107 waren manche Teilnehmer der zwei Kundgebungen am Samstag nicht zimperlich in ihrer Wortwahl. „Der Hurensohn soll in der Hölle schmoren!“ schrie ein Demonstrant auf der in Richtung Norden betrachtet rechten Straßenseite und meinte damit einen 16-jährigen Afghanen, der in Glöwen (Gemeinde Plattenburg) zum Vergewaltiger geworden sein soll. Der Demonstrant gehörte zu den „Freien Kräften“, einer Spielart des Neonazismus aus der ganzen Region von Prignitz bis Havelland, die bereits zum zweiten Mal den Vorfall zum Anlass für eine Demonstration in Glöwen nahmen. 50 bis 60 Teilnehmer waren gekommen.

Demo der Freien Kräfte in Glöwen. Quelle: Atzenroth

„Hau ab!“ und „Brandstifter!“ schallte es von der anderen Straßenseite hinüber, und an der Absperrung schwoll der Chor derer die sich so äußerten, immer dann besonders an, wenn ein Neonazi gerade das Wort ergriffen hatte. Denn auch diesmal gab es eine Gegendemo. Motto: „Gemeinsam für ein friedliches Miteinander“. Hier standen SPD, Linke und Grüne sowie Vertreter der Gemeinde Plattenburg, Landrat, Bundestagsabgeordnete und Bürgermeister. Insgesamt summierte sich die Teilnehmerzahl beider Gegendemo auf etwa 100. Der Landtagsabgeordnete der Linken, Thomas Domres, hatte zur Gegendemo aufgerufen. „Mit menschenfeindlichen Parolen, mit Hetze gegen Geflüchtete, gegen andersdenkende Menschen, gegen alles, was nicht in ihr Weltbild passt, wollen sie das friedliche Miteinander in der Prignitz zerstören und die Menschen verunsichern.“ Dagegen müsse man sich wehren.

Glöwener auf beiden Demos

Auf beiden Seiten der Straße gesellten sich auch ein paar Einwohner von Glöwen hinzu – offenbar wird die Angelegenheit im Ort kontrovers diskutiert. Es gab auch Prignitzer, die sich mehr nach rechts gesellten, aber auch nicht gerade bei den Freien Kräften stehen wollten. Auf beiden Veranstaltungen wurde den Glöwenern gedankt. Die Freien Kräfte dankten für den vermeintlichen Zuspruch, während auf der anderen Seite der Dank sich auf die Aufnahme von Flüchtlingen im Ort bezog.

In der Mitte sorgten starke Polizeikräfte dafür, dass der Austausch der Argumente allenfalls verbal über die Straße hinweg erfolgte. Wer sich zwischen beiden Seiten befand, musste oft eine doppelte starke Geräuschkulisse von beiden Seiten ertragen. Immerhin: Die Offiziellen unter den Gegendemonstranten brachte einen gemäßigten Ton in die Veranstaltung, stellten sich aber erneut klar und deutlich gegen die Vereinnahmung einer schlimmen Tat für die Zwecke von Rechtsradikalen. „Flagge zeigen“ wollte zum Beispiel Landrat Torsten Uhe, während Plattenburgs Bürgermeisterin Anja Kramer „einfach keine Nazis in ihrer Gemeinde haben“ möchte.

Gegendemo auf der anderen Straßenseite. Quelle: Atzenroth

Kurz vor zehn Uhr waren die meisten Teilnehmer der Nazi-Demo vom Glöwener Bahnhof her zu Fuß im Pulk gekommen, begleitet von einem großen Polizeiaufkommen. Bei unwirtlichen Witterungsbedingungen – zu Beginn hatte es sogar leicht geschneit – fanden sich nach und nach auf der anderen Straßenseite auch die Gegendemonstranten ein. Perleberger Gymnasiasten hatten Anti-Nazi-Kekse gebacken, viele Teilnehmer schwenkten Transparente und Fahnen, an den Absperrungen waren Plakate angebracht, auf denen Sprüche wie „Schöner leben ohne Nazis“ geschrieben standen. Auf der anderen Seite bestanden die Transparente aus Widerstandsbekundungen gegen eine Asylunterkunft in Ketzin und gegen eine angebliche Islamisierung Deutschlands.

Asylbewerber: Täter muss bestraft werden

Womit die Neonazis, die nach eigenem Bekunden „nicht Nazis, sondern Deutsche“ sind – die Stimmung anzuheizen versuchten: Der mutmaßliche Vergewaltiger ist auf freiem Fuß, auch wenn er sich jeden Tag bei der Polizei melden und den Kontakt zu Kindern meiden muss. Zuerst hatte das Amtsgericht Perleberg den Haftbefehl außer Kraft gesetzt, das Landgericht Neuruppin hatte die Entscheidung später bestätigt. Die Staatsanwaltschaft will beim Oberlandesgericht Beschwerde gegen die Entscheidung des Landgerichts einlegen (die MAZ berichtete).

Doch auf der Gegenseite kam auch der Asylbewerber Lokmann zu Wort, dessen Beitrag vom Awo-Sozialarbeiter El Baghdady übersetzt wurde. Lokmann sagte, dass er Menschen verstehe, die Probleme mit der Flüchtlingssituation haben. Aber die Flüchtlingen seien auch nicht freiweillig gekommen. Selbstverständlich müssten auch sie sich an alle deutschen Gesetze halten. Es sei schlimm, wenn jemand aus ihren Reihen dagegen verstoßen hätte, und er müsste selbstverständlich dafür bestraft werden.

Gegen 11.30 Uhr waren beide Veranstaltungen vorbei. Beide Seiten schickten sich noch nette „Abschiedsgrüße“ wie gestreckte Mittelfinger über die Straße. Dann zogen die Freien Kräfte mit der Polizei im Schlepptau gen Bahnhof von dannen.

Demo der Asylgegner am Sonnabend, 20. Februar. Quelle: Bernd Atzenroth

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Von Bernd Atzenroth

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