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Gysi und Schorlemmer in Wittenberge

Die Vergangenheit lässt sie nicht los Gysi und Schorlemmer in Wittenberge

„Was bleiben wird“ – so lautete der Titel eines gemeinsamen Buchs von Friedrich Schorlemmer und Gregor Gysi im vergangenen Jahr. Nun plauderten sie darüber im Wittenberger Kultur- und Festspielhaus. Von unterschiedlichen Warten aus betrachten sie die DDR-Vergangenheit und kommen trotzdem oft zu erstaunlich ähnlichen Erkenntnissen.

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Hatten sichtlich Spaß am Gespräch: Friedrich Schorlemmer (l.) und Gregor Gysi.

Quelle: Foto: Bernd Atzenroth

Wittenberge. Das kommt einem vor wie verkehrte Welt: Gregor Gysi ist Kolumnist für die Super-Illu, während Friedrich Schorlemmer sich im Neuen Deutschland zu Wort meldet: Der Linken-Politiker und der als DDR-Oppositioneller in der Wendezeit bekannt gewordene Theologe können dies in der ihnen eigenen Eloquenz gut erklären. Während für Gysi die Super-Illu deshalb ein interessantes Forum ist, weil sie vorwiegend ein Ost-Publikum erreicht, attestiert Schorlemmer speziell der Kulturberichterstattung im ND ganz einfach eine hohe Qualität.

Die DDR-Zeit lässt die beiden nicht los, doch die einstigen Fronten scheinen verwischt. So haben sie 2015 in einem Buch gemeinsam Bilanz gezogen. Der Titel „Was bleiben wird“ war auch programmatisch für das Gespräch im lockeren Plauderton, das die beiden am Dienstag in Wittenberge führten. Während Gysi auch kritisch versucht, mit seiner eigenen Rolle während der DDR-Zeit umzugehen, erklärt Schorlemmer: „Gegen dieses System war ich, aber nicht gegen die Idee.“ Obwohl die DDR immer mehr zum vormundschaftlichen Staat geworden sei, findet er heute: „Trotzdem gab es in der DDR Sachen, die bedenkenswert sind.“

Der Privilegierte und der Oppositionelle

Fast bis auf den letzten Platz gefüllt ist das Wittenberger Kultur- und Festspielhaus, und das vorwiegend mit Menschen, die mit den beiden Prominenten auf dem Podium die ausgeprägte DDR-Sozialisation gemeinsam haben. Die aber bei Gysi und Schorlemmer nicht unterschiedlicher sein könnte: Hier das privilegierte und weitgehend systemkonforme Dasein von Gregor Gysi, dort Schorlemmers immerwährende Auseinandersetzung mit dem DDR-Staat, der ihm zunächst das Abitur verweigerte. Beide haben so viel zu erzählen, dass Moderator Hans-Dieter Schütt sie mehr reden lässt, als dass er sie befragt. Gysi: „Ich hatte als Kind Privilegien, die die anderen nicht hatten, bin völlig anders aufgewachsen als in der DDR üblich – ich hatte mehr Selbstbewusstsein.“

Der Abend war aber quasi ein Heimspiel für Friedrich Schorlemmer. Seinen Bekanntheitsgrad hat er durch sein Wirken in Wittenberg erworben – geboren ist er aber in Wittenberge, aufgewachsen dann in der nahe gelegenen Altmark, wo sein Vater in Werben Pfarrer war. Im Publikum saßen demnach auch Verwandte und Bekannte.

Heimspiel für Friedrich Schorlemmer

An Wittenberge hat er gute Erinnerungen, konnte er doch hier an der Volkshochschule doch noch seinen Schulabschluss machen. „Es ist für mich unvergesslich, dass ich hier wie ein Normaler behandelt wurde.“ Nicht so wie in Seehausen, wo es völlig anders gewesen sei. „In Wittenberge, da hatten wir Lehrer, die behandelten uns wie Erwachsene.“ Die Namen hat er noch im Gedächtnis: Deutsch bei Scheer, Russisch bei Rodewald und Geschichte bei Feldmann – das kam einigen im Publikum bekannt vor.

Gysi wiederum war es dafür mehr vorbehalten, Erwartungshaltungen des Publikums zu bedienen, insbesondere als er all die Dinge aufzählte, die man aus der DDR durchaus hätte in das neue gemeinsame Deutschland hin­überretten können, von den Polikliniken – „die heißen jetzt Ärztehäuser“ – über den Senf bis hin zur Spreewaldgurke, mit der das ja auch immerhin gelungen ist. Hätte man übernommen, so ist er überzeugt, „dann hätten auch die Westdeutschen ihr Vereinigungserlebnis gehabt“. Immer wieder schimmerte der Vollblutpolitiker durch. Dass er sich in der Politik in einem mitunter feindlichen Umfeld behauptet hat, sieht er auch seinem Zweckoptimismus geschuldet. Und mit typischem Gysi-Witz: „Wenn die mich nett behandelt hätten, wäre ich vielleicht früher gegangen.“ So spielte er schon den Gedanken durch, es noch zum Bundestags-Alterspräsidenten zu bringen.

Gysi war noch ein Gedanke vorbehalten, nämlich dass die DDR-Zeit gerade diejenigen nicht loslässt, die danach einen Bedeutungsverlust erlitten hätten – egal, ob sie der DDR kritisch gegenüber gestanden hätten oder positiv. Trotz eines festen Platzes in der Geschichte gilt das für die beiden Gesprächspartner wohl auch, die sich zudem in mancher Kritik am wiedervereinigten Deutschland treffen. Es war typisch für den Abend, wie Schorlemmer ihn dann beendete: Er rezitierte ein Gedicht von Bertolt Brecht.

Von Bernd Atzenroth

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