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Immer kurz vor der Lach-Synkope

Pritzwalk Immer kurz vor der Lach-Synkope

Der Grat, auf dem Jürgen von der Lippe wandelt, bewegt sich haarscharf zwischen gepflegter Zote und hintersinnigen Bemerkungen: Der Comedian las in Pritzwalk aus seinem neuesten Buch und sprach über seine Lieblingsthemen.

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Jürgen von der Lippe in Pritzwalk.

Quelle: Foto: Bernd Atzenroth

Pritzwalk. Der Mann lacht tatsächlich noch mit fast 70 über die eigenen Witze, sehr zum Wohlgefallen manches der mehreren hundert Zuschauer. Man hat schon das Gefühl, dass Jürgen von der Lippe sich freut, wenn sie auch beim Publikum im brechend vollen Pritzwalker Kulturhaus zünden. Von der Lippe, Comedian, Schauspieler, Sänger, Moderator und Entertainer, ist eigentlich gekommen, um zu lesen. Der Zuhörerschaft kredenzt er in Auszügen sein neues Werk. „Der König der Tiere“ heißt es, und es besteht aus 60 kurzen Geschichten. Die Deko ist spartanisch, der Autor sitzt vor einem roten Vorhang an seinem Lesetisch auf der großen Bühne des Kulturhauses. Natürlich ist Lesung nicht gleich Lesung. Bei von der Lippe ist sie auch eine Aneinanderreihung von gepflegten oder weniger gepflegten Zoten und das ausgiebige Ausloten der Bereiche unter der Gürtellinie, respektive seiner eigenen. Dort wo es passt, fügt er Zitate anderer Autoren ein. Besonders reizvoll beim Themenblock Hämorrhoiden und Analspreizer ist ein abrundendes längliches Zitat aus Charlotte Roches „Feuchtgebieten“. Es können aber auch schon einmal Robert Gernhardt oder Thomas Mann sein, die er bemüht.

Warum die Lektüre dieses Buches? stellt er die entscheidende Frage des Abends und erzählt die Geschichte von der Lach-Synkope, die er im Vorwort verarbeitet hat. Aus gegebenem Anlass müsse er vor der Lektüre des Buchs und dem Anhören des zeitgleich erscheinenden Hörbuchs warnen. Eine Dame, 64, Krankenschwester habe auf der Rückfahrt vom Urlaub beim Hören einer CD mit von der Lippes Liedern derart lachen müssen, dass sie eine Lach-Synkope erlitt. Eine Synkope ist eine „vorübergehende, kurze Bewusstlosigkeit durch eine Minderversorgung des Gehirns mit Sauerstoff und/oder Glukose“. Als sie lachen muss und dabei einen Aussetzer hat, setzt sie ihr Auto mehrfach gegen eine Betonbegrenzung. Es gibt noch andere Synkopen, die von der Lippe nennt. Seine Schlussfolgerung: „Wenn Sie beim Pinkeln das Buch lesen, niedrigen Blutdruck haben, husten müssen und dann lachen, könnte es eng werden.“

Welche Ausbildung braucht man zum Comedian? fragt von der Lippe in der Geschichte „Comedy und Politik“ in seinem Buch, um gleich die Antwort selbst zu geben: „Keine, das ist wie beim Politiker – und das merkt man auch.“ Beim Politiker natürlich. Was zur nächsten Frage das Abends führt: Könnte Martin Schulz die Bundestagswahl noch gewinnen, wenn Jürgen von der Lippe sein Wahlkampfleiter wäre? Anstatt ihn, wie es im Wahlkampf wohl geschehen ist, mit einem Edeka-Filialleiter zu vergleichen – von der Lippe zitiert hier Abstruses aus den jüngsten Edeka-Werbespots –, würde von der Lippe eher Chuck Norris bemühen. „Martin Schulz trinkt seinen Kaffee schwarz?“ „Warum sind 99 Prozent der Frauen unbefriedigt – Martin Schulz kann nicht überall sein.“ „Martin Schulz übernimmt die Bauleitung am Berliner Großflughafen, die Eröffnung ist morgen um zwölf Uhr.“

Comedians und Politiker haben also einiges gemein – manche Politiker wechseln auch ins Unterhaltungsfach, von der Lippe denkt an Heide Simonis, die bei „Let’s dance“ zu sehen war. Auch er werde gefragt, was er machen würde, wenn er Kanzler wäre, „letztlich heißt das, wenn ich Diktator wäre“. Sein Plan: „Bei mir gäbe es 20 Gesetze, mehr nicht.“ Und wenn es ein neues Gesetz geben soll, muss ein anderes abgeschafft werden. Was das bedeutet, erklärte er so: Wenn jemand per Gesetz die vegane Ernährung einführen will, fällt halt das Verbot, nackt im Park herumzulaufen.

Dass es einmal bei ihm so kommen musste, wie es kam, ist leicht erklärbar. Von der Lippe ist rheinisch-katholisch sozialisiert: „Der Religionslehrer hat uns in der siebten Klasse aufgeklärt – ich habe kein Wort verstanden.“ Bei der Beichte, habe er dann, ohne überhaupt zu wissen, was gemeint war, erklärt, er sei „unschamhaftig“ gewesen. Gegenfrage des Beichtvaters: „Allein oder mit mehreren?“ „Mit mehreren“, antwortete er und handelte sich viele Gebete ein, um Abbitte zu leisten. So habe er also über die katholische Kirche gelernt, was das Thema Nummer eins sei, und bis heute daran immer nur Freude gehabt. Klar, dass kleine Ausflüge in die Sexualität dann nicht fehlen dürfen, Stichwirt gepflegte Zote. Im Buch heißt ein Beitrag „Sex und Humor“, ein weiterer „Sexfremdwörter“. Ein weiteres Thema: Aberglaube. Von der Lippe findet es kurios dass in einen Flugzeugen eine Reihe 13 fehlt: „Was könnte dem Fluggast in Reihe 13 Gravierendes zustoßen, das nicht auch anderen Fluggästen zustößt?. Eine Geschichte im Buch beschäftigt sich mit dem Thema: „Aberglaub und Bankraub“, heißt sie und beschreibt, was sie verspricht: Ein Mann lässt sich von einer Wahrsagerin zu einem Bankraub verleiten und landet danach in den Armen der Polizei – der Wahrsagerin brachte die Aktion 2000 Euro von der Bank ein. „Man glaubt nicht, wie leicht abergläubische Menschen auf die schiefe Bahn zu bringen sind“, schließt die Geschichte.

Fazit: Die Pritzwalker hatten einen kurzweiligen Abend, und von der Lippe verstand es durchaus, die derbe Witze mit Hintersinn zu verbinden. Dass jemand schließlich eine Lach-Synkope erlitt, ist nicht überliefert – denkbar ist aber, dass mancher kurz davor stand.

Von Bernd Atzenroth

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