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„In Kuwalk fühlten wir uns frei“

Götz Schallenberg lädt zur Winterausstellung ein „In Kuwalk fühlten wir uns frei“

Der Maler und Grafiker Götz Schallenberg macht wieder eine Winterausstellung: Am 6. Februar zeigt er auf dem Künstlerhof Kuwalk Reiseimpressionen aus Griechenland. „Samos und anderswo“ heißt der Titel. Nach wie vor verarbeitet der 71-Jährige aber auch seine Kritik an den Zuständen in der Welt in seinen Bildern.

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Götz Schallenberg ließ sich von den Expressionisten inspirieren – und von seiner Frau Sibylle.

Quelle: Beate Vogel

Kuwalk. Wie eine Trutzburg liegt der Resthof Kuwalk in der Landschaft – einsam zwischen nackten Feldern, alten, teils abgestorbenen Bäumen und matschigen Feldwegen. Eine Enklave. Hier lebt der Maler und Grafiker Götz Schallenberg. Aus Protest zog er 1984 mit seiner Familie ins Niemandsland im nördlichsten Zipfel der Prignitz zwischen Brandenburg und Mecklenburg, um – wenigstens ganz persönlich – frei zu sein.

Hier entstehen die für Schallenberg typischen plakativen Bilder: Landschaften, Akte, politische Statements. Überall auf dem Hof stehen Staffeleien und Leinwände, im lichtdurchfluteten Wintergarten, in der Scheune und im Atelier. Der Maler bringt Farben und Motive kraftvoll aufs Papier, leuchtend bunt und auf das Wesentliche reduziert.

Schon früh verarbeitet der gebürtige Sachse in seinen Arbeiten die Kritik am System. Das setzt sich bis heute fort: Schallenberg bringt – gern in Triptychons – seine Sicht über die Ungerechtigkeiten dieser Welt auf die Leinwand. Er malt den Fall der Mauer, die Ebola-Epidemie in Zentralafrika, den Bürgerkrieg in der Ukraine, die verdrehte Ideologie der Kämpfer des Islamischen Staats. Die Bilder sind plakativ und verfehlen ihre Botschaft nicht. Wenn er die Opfer eines Erdbebens in Haiti darstellt, fängt man an zu überlegen, ob man damals wenigstens etwas gespendet hat.

Bilder aus Griechenland sind in der aktuellen Ausstellung zu sehen

Bilder aus Griechenland sind in der aktuellen Ausstellung zu sehen.

Quelle: Beate Vogel

Für Holzschnitte geht Schallenberg lange schwanger mit einer Idee. „Aber dann setze ich mich irgendwann hin, mache ein Skizze, nehme die Sperrholzplatte und das Messer und habe das Bild in zwei, drei Stunden fertig.“ Ein Holzschnitt ist abstrakt und wird auf das Wesentliche reduziert. Ein spezielles Vorbild hat Schallenberg nicht. „Ich fange als Künstler nicht da an, wo Picasso aufgehört hat, sondern da, wo Dürer angefangen hat“, erklärt er. Orientierung geben ihm aber zum Beispiel die absolute Abstraktion eines Wassily Kandinsky oder die übersteigerte Verwendung der Farben bei Franz Marc. „Meine Lehrmeister waren schon die Expressionisten“, sagt er.

Gerade hat der Kuwalker in der Begegnungsstätte am Goldensee (Mecklenburg) eine Metallskulptur zu Ehren von Hary Krause übergeben. Der zehnjährige Junge war am 31. Januar 1951 beim Schlittschuhlaufen auf dem Gol­densee von einem DDR-Grenzer erschossen worden. „Haben Sie gewusst, dass die schon 1951 scharf geschossen haben?“, fragt Schallenberg eher rhetorisch, während er die Geschichte erzählt. Sie geht ihm nahe. „Man kann als Künstler die Welt nicht verändern, aber man kann es auch nicht lassen.“ Schon als Dreijähriger habe er gemalt, sagt der 71-Jährige. „Eine Polenreise war 1966 der Durchbruch für mich“, erinnert er sich, „danach wurde ich vom Studenten zum Künstler.“ Etwa zeitgleich begann Schallenberg einen regen Briefwechsel mit Sibylle Nagel, der Tochter des in der DDR verehrten Malers Otto Nagel. „Wir wurden schon damals von der Stasi beobachtet“, erzählt der Maler. Das hat er alles in seinen Unterlagen nachgelesen.

Von der Stasi beobachtet

Die Heirat mit Sibylle Nagel 1966 sei – wie Schallenberg sagt – nicht unbedingt im Sinne des prominenten Vaters gewesen. Vielleicht hatte dieser Angst, dass der Künstler seiner Tochter nichts bieten könnte. „Ich konnte aber mein Leben lang so viel Geld verdienen, dass ich die Familie ernähren konnte“, versichert Schallenberg, der auch viel als Grafiker arbeitete und zum Beispiel Berufswerbung und Plakate für den Schiffsbau Rostock oder Werbung für das Pionierhaus in Berlin-Marzahn machte. Die Familie lebte in Berlin, wo Götz Schallenberg 1973 die Leitung des Otto-Nagel-Hauses übernahm, in dem auch seine Frau arbeitete. „Wir haben zusammen das Werkverzeichnis von Otto Nagel gemacht.“ Wenige Jahre später, 1979, legte der studierte Kunstwissenschaftler sein Amt als Museumsdirektor nieder: „aus Protest gegen die Kulturpolitik der DDR“. Fortan hatte Schallenberg, der bisher als Künstler und Genosse in der DDR recht privilegiert gewesen war, unter Repressalien zu leiden. „Vorher hatte ich sogar einen persönlichen Kraftfahrer, danach hat man mich auf die schiefe Bahn gebracht.“ Ein systematisches Arbeits- und Ausstellungsverbot folgte, auch wenn es kein offizielles Berufsverbot gab. 1986 trat Schallenberg auch aus der Partei aus. Zuvor, 1984, zog die Familie aufs Land. „In Kuwalk fühlten wir uns frei“, erinnert sich der Maler. Nichts engte die Familie in der Weite der Prignitz ein. 1990 las er dann schockiert, was die Stasi zu dieser Zeit über ihn festgehalten hatte: „Er ist zu beschatten, er ist zu vernichten.“ In seinen Akten fand er auch ein für einen Maler vernichtendes Urteil: „Er ist unter dem Niveau eines Volkskünstlers.“

Weiblicher Akt aus dem Jahr 1968

Weiblicher Akt aus dem Jahr 1968.

Quelle: Beate Vogel

Nach der Wende gründete Schallenberg 1989 die Bürgerinitiative „Kunst im Dialog“ mit, um sich kurz darauf enttäuscht abzuwenden: „Im März haben sie alle CDU gewählt, da bin ich dann nach Hause gegangen.“ Götz und Sibylle Schallenberg gründeten den Verein Otto-Nagel-Archiv und veranstalteten auf dem Hof in Kuwalk Kunstworkshops. Und sie begannen, die halbe Welt zu bereisen. Von jeder Reise brachte der Künstler Studien mit: Skizzen, Tuschezeichnungen, Aquarelle. Daraus entstanden diverse Zyklen, meist Öl oder Acryl auf Leinwand: Reisebilder aus Griechenland, von den Osterinseln, der Mongolei, Grönland, dem Sinai, dem Yangtse. Eine Weltkarte im Atelier zeigt, wo die beiden schon überall waren. Im Moment malt Schallenberg viele Porträts und Akte – von seiner Frau Sibylle, die im August vergangenen Jahres verstarb. 49 Jahre lang waren sie zusammen: „Sie war für mich Freundin, Geliebte, Ehefrau, Muse und Modell“, erzählt Schallenberg.

Regelmäßig haben die beiden zur Winterausstellung und im August zur alljährlichen Kuwalkade auf den Künstlerhof eingeladen. Für die nächste Ausstellung öffnet Götz Schallenberg am Sonnabend, 6. Februar, die Türen zum Künstlerhof Kuwalk. In dieser Winterausstellung 2016 zeigt er ab 16 Uhr „Motive aus Samos“ – Reiseeindrücke aus Griechenland.

Von Beate Vogel

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