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08:33 25.03.2014
Von der ersten Klasse an lernen die Kinder, dass sie gegenüber Gehandicapten keine Berühungsängste haben müssen. Quelle: Matthias Anke
Demerthin

Marvin zählt. Er wippt dabei seinen langen Zeigefinger vor der Nase, als würde er einen rennenden Pinocchio mimen. Dann zählt er noch mal. Und er zählt weiter. Aufhören mag er nicht. Nur zählen. Nichts erzählen. Fragen ignoriert der 14-jährige, hochgewachsene Knabe in Jeans und meerblauem Pulli, der vom Intellekt weit hinter denen zurückliegt, die da in der Turnhalle der Grundschule in Demerthin gerade vor ihm sitzen und einen Kreis bilden und singen. Wie viele genau er da zählt, verrät Marvin nicht. Er ist Autist.

Es sind über ein Dutzend sechs- oder siebenjährige Erstklässler. Sie haben neben Marvin noch fünf andere, geistig behinderte Schüler zu Besuch und seit gut einer Stunde in ihren Kreis aufgenommen, um gemeinsam zu singen, zu tanzen und zu trommeln.

Die Besucher kommen von der Christophorusschule des CJD-Prignitz (Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands), einer Förderschule, die sich im nur wenige Kilometer entfernten Plattenburger Ortsteil Hoppenrade befindet. In dieser staatlich anerkannten Ganztagsschule wird nicht einfach von Behinderten gesprochen. Es sind Kinder mit sogenanntem "sonderpädagogischen Förderschwerpunkt geistige Entwicklung", wie Liane Weber erklärt.

Die Sonderpädagogin, spezialisiert auf Sprachbehinderungen, fährt seit gut fünf Jahren mit ihren Schülern nach Demerthin. Mit dabei ist die Musiktherapeuthin Gabi Ehlert. Dass es Ende 2009 überhaupt zu dieser Kooperation beider Schulen kam, war nur dem Zufall zu verdanken, dass Liane Weber ihren Sohn in Demerthin zur Schule gehen lässt und sie die Initiative dafür aufbrachte. Demerthins Schulleiterin Petra Schmidt und Heike Merten von der Christophorusschule unterzeichneten daraufhin einen Kooperationsvertrag, der das Ganze vielmehr versicherungstechnisch absichert als inhaltlich bestimmen muss. Denn die Zusammenarbeit lebt von sich aus, und das nun schon im fünften Jahr. Die Hoppenrader besuchen dabei alle paar Monate die Demerthiner, und zwar von den Erstklässlern bis zu den Fünftklässlern. Die Sechstklässler sind dann die ersten, die im Gegenzug nach Hoppenrade fahren, um sich anzusehen, wie die anderen Kinder dort lernen und leben.

Viele sind dabei nicht mal in Hoppenrader zu finden, wo etwa Marvin wohnt. Sondern sie fahren nach Hoppenrade zur Schule wie jedes andere Kind zu seiner Einrichtung auch. Vanessa zum Beispiel, das elfjährige blonde Mädchen mit dem safrangelben Kapuzenpulli, das je nach Stimmung leise wie eine Fledermaus oder laut wie ein Flugzeug spricht. Vanessa wird täglich von der sogenannten betreuten Außenwohngruppe in Bad Wilsnack nach Hoppenrade gefahren.

Alle paar Wochen oder auch Monate geht's auf Heimfahrt, dann sehen die meisten Kinder ihre Eltern in der weiteren Region, vor allem aber in und um Berlin herum. "Manche allerdings sehen ihre Eltern nur einmal im Jahr", erzählt Liane Weber. Die 46-Jährige berichtet von immer mehr Fällen, in denen es wegen familiären Fehlverhaltens zu Problemen in der geistigen Entwicklung von Kindern kommt. Die gestiegenen sogenannten Aufmerksamkeitsdefizitsyndrome seien landläufig schon keine Neuheit mehr. Grenzwertige Fälle zwischen einfachen Lernbehinderungen und der schwerwiegenderen Stufe der geistigen Behinderungen nehmen zu.

Was Behinderungen überhaupt sind und wie man mit ihnen umgeht, sollen die Kinder in Demerthin erfahren. Spielerisch lernen sie zugleich Toleranz. Mehr noch: Es geht um Kinderrechte wie das Recht auf Leben und Bildung, um Grundwerte demokratischen Zusammenlebens und die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Wenn die Kinder aus Hoppenrade kommen, knüpfen sie Kontakte, erkennen einander schon wieder.

Wo andernorts in Brandenburg derzeit die sogenannte "Inklusion" erprobt wird, gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen (siehe Infokasten), ist das Thema in Demerthin längst Unterrichtsinhalt. "Wir haben vorher darüber gesprochen. Ich bin trotzdem ganz überrascht, wie gut sich hier alle auf Anhieb verstehen", sagt Juliane Nehmer. Sie findet zudem, dass von der Zusammenarbeit der Schulen nicht nur die Kinder profitieren, sondern auch die Lehrer. Sie können sich gemeinsam weiterbilden.

Juliane Nehmer ist die Klassenlehrerin dieser jüngsten Demerthiner Grundschüler, für die der gestrige Tag eine Premiere war und die selbst nach zwei Stunden die Triangeln und Klanghölzer nur ungern wieder beiseitelegen. Jetzt freuen sie sich aufs nächste Mal - und so wohl auch Marvin, der Autist. Alle Fragen ignoriert der in sich gekehrte Zahlenkünstler zwar weiterhin. Doch dann sagt er, wie gut er sich fühlt, nämlich "spitze". Und das ist ja auch alles, was zählt.

SONDERFALL VON INKLUSION

Das Augenmerk der Inklusion liegt auf den Defiziten von Kindern, die sie in der Entwicklung ihrer Lernfähigkeit haben, ihrer Sprache, ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung. Statt Schüler mit solchen Problemen auf einer Förderschule gesondert zu unterrichten, sollen sie mit „normalen“ Schülern gemeinsam lernen.

84 brandenburgische Grundschulen starteten im Schuljahr 2012/13 mit einem Pilotprojekt, darunter die Löwenzahn-Grundschule Breddin als eine von acht im Perleberger Schulamtsbereich. Von ihren Erfahrungen auf dem Weg zur „Schule für alle“ sollen andere Schulen profitieren.

Diese neue Philosophie hilft längst nicht allen Kindern, vor allem nicht stark beeinträchtigten, wenn sie zu hohen Betreuungsbedarf haben. Doch auch sie können einbezogen werden – über Kooperationen wie zwischen Demerthin und Hoppenrade.

Von Matthias Anke

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