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Prignitz Kampf für den Erhalt des Stadtwalds
Lokales Prignitz Kampf für den Erhalt des Stadtwalds
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00:31 29.03.2018
Am Wasser im Hainholz – Cornelia Wriedt kämpft für den Pritzwalker Stadtwald. Quelle: Foto: Fariba Nilchian
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Pritzwalk

Die Pritzwalkerin Cornelia Wriedt geht jeden Tag mit ihrem Hund im Stadtwald Hainholz spazieren. Wäre die quirlige Frau nicht so gesprächig und hätte sie bei einem ihrer Spaziergänge nicht wie so oft zu einem Plausch angehalten, so wäre der Verkauf des Baumschulgeländes vermutlich erst öffentlich geworden, wenn es zu spät gewesen wäre. Ein lokalpolitischer Skandal, der die Stadt Pritzwalk seit über einem Jahr in Atem hält und selbst unpolitische Bürger auf die Barrikaden bringt. Stein des Anstoßes ist der Verkauf eines beachtlichen Teils des Stadtwaldes an einen privaten Investor.

Während Cornelia Wriedts Hund in aller Ruhe schnuppern kann, erfährt sein Frauchen bei ihrem Spaziergang im Herbst 2016 von dem geplanten Eigentumswechsel der Baumschule an den Unternehmer Arndt und seine Firma Art Attack. Eine Obst- und Gemüseplantage solle auf dem Gelände entstehen, erzählt ihr ein Mitarbeiter des Vereins Weidencamp, dessen Betrieb auf dem Baumschulgelände wenig später eingestellt werden soll.

Die Gebäude der ehemaligen Baumschule stehen seit 2017 leer. Quelle: Fariba Nilchian

Wriedt selbst wohnt nur einige Meter entfernt im ehemaligen Forsthaus und hat nach der Wende auch in der Baumschule gearbeitet. Damals war diese Teil des staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes Kyritz und lieferte Jungbäume für die ganze Region. Nach dem Mauerfall ist das Gelände dem gemeinnützigen Verein Weidencamp übertragen worden, der es sich über Jahrzehnte zum Ziel gemacht hat, Menschen in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu bringen.

Die kommerzielle Nutzung als Baumschule ist in dieser Zeit in den Hintergrund getreten und auf dem Gelände wuchsen die bestehenden Pflanzungen immer mehr ein. Über die Jahre entstand auf dem stadtnahen Gelände fast unbemerkt ein Wald im Wald.

Einen Anhänger voll Müll im Hainholz gesammelt

Zum ersten Mal hat der Verein Pro Hainholz gemeinsam mit der Stadt Pritzwalk am vergangenen Samstag zum Frühjahrsputz ins Hainholz eingeladen. Etwa 20 Leute sammelten in zwei Stunden bei Frühlingswetter so viel Müll, dass ein großer Anhänger voll wurde.

Bei der Entsorgung wurde der Verein von der Stadt mit einem Multicar unterstützt. Vereinsvertreter zeigten sich zufrieden und dankten der Stadt für ihre Unterstützung.

Der Verein möchte die Aktion in Abstimmung mit der Stadt in jedem Jahr eine Woche vor Ostern wiederholen.

Genau dieser Umstand lässt Cornelia Wriedt heute hoffen, den geplanten Verkauf doch noch verhindern zu können. Die Veräußerung der Baumschule ist von den Stadtverordneten Pritzwalks in der Vorstellung bewilligt worden, dass das Gelände kein Waldgebiet sei, sondern Acker- oder Brachland.

Ein später von der Forst erstelltes Gutachten stuft das Gelände allerdings sehr wohl als Wald ein. Für die Umnutzung des Investors zur Plantage müsste dieser Teil des Stadtwaldes vermutlich gerodet werden. Die Hainholzanwohnerin Cornelia Wriedt wird über Nacht zur Aktivistin. Sie vernetzt sich mit anderen Anwohnern, informiert die Presse, spricht bei den Stadtverordneten vor und gründet im Sommer 2017 mit ihren Mitstreitern den gemeinnützigen Verein „Pro Hainholz“.

Die Bürgerinitiative Pro Hainholz hat in Pritzwalk viel ins Rollen gebracht. Quelle: Fariba Nilchian

Bis zu diesem Zeitpunkt war sie nie politisch aktiv. „Eigentlich würde ich auch viel lieber im Wald spazieren gehen und die Natur genießen“, sagt die 56-Jährige, aber das Leben verläuft manchmal anders.

Die umtriebige Frau hat viele Wechsel erlebt. Einige fremd-, die meisten aber selbstbestimmt. „Ich bin ein Scanner“, bekennt sie auf ihrer eigenen Homepage, „mich interessiert beinahe alles.“

Und so hat die gelernte Keramiktechnikerin auch einige Zeit im Büro gearbeitet. Sie hat zur Landschaftsgärtnerin umgeschult und ist über die Begeisterung für japanische Gärten zum Feng Shui und der „Lehre vom guten Ort“, der Geomantie gekommen.

Qi Gong, Waldbaden, Romane und Blogs

„Später habe ich mich dann mit Online Design beschäftigt und eine Fortbildung für Rehasport gemacht.“ Seitdem verdient sie ihren Lebensunterhalt als Kursleiterin. Ihr Spektrum ist dabei so vielseitig wie sie selbst. Von Computerkursen bis hin zu Herz- und Rehaangeboten, ihr besonderes Steckenpferd ist das fernöstliche Qi Gong und neuerdings bietet sie auch noch Kurse für „Waldbaden“ an.

Hierbei handelt es sich nicht um eine besondere Schwimmtechnik im Grünen, wie man als Laie meinen könnte. Es geht um Langsamkeit und Achtsamkeitsübungen, die zu einer intensiveren Wahrnehmung führen sollen - dem Baden im Wald.

In ihrer Freizeit schreibt Tausendsassa Wriedt seit einiger Zeit Romane und betreibt Blogs. Im Internet bietet sie ihre Beratung in allerlei Lebensfragen an. Bei der Gartengestaltung kann man ebenso auf ihre Unterstützung zurückgreifen wie bei der Umgestaltung des eigenen Lebensweges.

Cornelia Wriedt im Hainholz an ihrer Lieblingsbuche, "für den Naturschutzstatus haben ein paar Zentimeter gefehlt". Quelle: Fariba Nilchian

Einer der Blogs verarbeitet ihre Erlebnisse im Kampf um den Pritzwalker Stadtwald. „Lifeschreiben“ nennt sie ihr innovatives literarisches Konzept, bei dem sie immer neue Kapitel einer fortlaufenden Geschichte ins Netz setzt. „Wie ich den Wald retten wollte – fiktives Protokoll aus einer brandenburgischen Kleinstadt“, heißt ihr aktuelles Projekt. „Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.“

Vorlagen für ihre Geschichten liefert ihr Umfeld in Fülle. Seit Cornelia Wriedt den geplanten Verkauf der Baumschule in die Öffentlichkeit brachte, spielt sich in der Kleinstadt ein lokalpolitischer Krimi ab.

Stoff für Spekulationen – Vieles liegt im Dunkeln

Warum kam es jemals zu der Idee, einen Teil des Stadtwaldes zu veräußern? Finanznot war nicht der Grund, die Pritzwalker Stadtkasse ist bekanntermaßen gut gefüllt. Stoff für Spekulationen – vieles liegt im Dunkeln.

Die Stadtverordneten versuchen, sich gegenseitig den schwarzen Peter zuzuschieben und die Besucherränge in den Sitzungen sind neuerdings voll besetzt. Abstimmungen werden wiederholt und dann wiederum angezweifelt. Der scheidende Bürgermeister ergreift rechtliche Mittel gegen einzelne Stadtverordnete.

Vorwürfe und Rechtfertigungen überschlagen sich, aber die Zusage für den Verkauf lässt sich nicht so leicht rückgängig machen. Die Stadtverordneten und der neue Bürgermeister ringen auch 2018 noch um eine Lösung.

Man kann etwas ändern

Cornelia Wriedt gibt die Hoffnung nicht auf. Ihr Traum ist ein Hainholz für alle. Ein Stadtwald für Läufer, Reiter, Spaziergänger und Schwimmer. Sie möchte Bänke, auf denen die alten Leute entspannen können. Sie möchte, dass der Wald den Menschen nützt.

Gemeinsam mit ihren Mitstreitern kämpft sie weiter und ermutigt auch andere, die Hände nicht in den Schoß zu legen: „Die Leute sagen immer, man kann ja sowieso nichts ändern, aber das stimmt nicht!“ Der Kampf um das Hainholz gibt ihr Recht – auch wenn er noch nicht gewonnen ist.

Von Fariba Nilchian

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